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Alevitisches Archiv: Ethnohistorie alevitischer Gemeinschaften in Anatolien, 16.–20. Jh.

Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig
Alevitisches Archiv
Nikolaistraße 8-10
04109 Leipzig

Innenraum des Mausoleums eines alevitischen Heiligen, Hüseyin Abdal (Sivas, Türkei), Foto: Markus Dreßler

Das Projekt erforscht und dokumentiert die historischen Lebenswelten alevitischer Gemeinschaften in Anatolien vom 16. bis ins 20. Jahrhundert.

Aleviten bilden eine nicht offiziell anerkannte sozioreligiöse Minderheit in der Türkei (10–15 Prozent der Bevölkerung), deren Verhältnis zum Islam umstritten ist. Historisch stehen sie in Verbindung zu den Kızılbaş („Rotköpfe“), die einen charismatischen Islam praktizierten und seit Ende des 15. Jahrhunderts mit dem Orden der Safawiden im Iran verbündet waren. Bisher geht die Forschung davon aus, dass sich die Aleviten aufgrund anhaltender staatlicher Repression im Laufe des 16. Jh. in entlegene Gebiete Anatoliens zurückzogen und bis ins frühe 20. Jh. in dieser Isolation verharrten. Zentrale Charakteristika des Alevitentums bezüglich Sozialstruktur, Ritual und Endogamiegebot entwickelten sich demnach weitgehend abgeschieden von einem feindlich gesinnten sunnitischen Umfeld. Bis heute hat dieses Narrativ eine große soziale und politische Wirkmacht und prägt die Debatte um die historische und religionsgeschichtliche Einordnung der Aleviten. Dabei wurde es bisher nie anhand umfassender empirischer Materialien systematisch überprüft.

Das Archivum Alevicum fokussiert Siedlungsdynamiken und Prozesse der Gemeindewerdung alevitischer Gruppen in deren komplexen Beziehungen zum Staat sowie zu Sunniten, Christen und anderen religiösen und sozialen Gruppen. Mithilfe einer für diese Forschungsfragen innovativen Methodenkombination (Ethnohistorie) und auf Basis bisher noch nicht genutzter und miteinander verknüpfter Quellenbestände (u. a. osmanische Archivalia, Handschriften aus alevitischen Sammlungen, mündliche Überlieferungen und materielle Kultur) sollen die historischen Lebenswelten der Aleviten rekonstruiert werden. Hiermit leistet das Projekt zudem einen grundlegenden Beitrag zur anatolischen Sozial- und Religionsgeschichte. Der integrierte Digital Humanities-Ansatz ermöglicht dem Projekt die strukturierte Erfassung, Analyse und Vernetzung der erhobenen Daten in einer hierfür geschaffenen virtuellen Forschungsumgebung. Aufbereitete Daten werden so weit als möglich öffentlich gestellt. Als Grundlagenforschung zur alevitischen Sozial- und Religionsgeschichte leistet das Archivum Alevicum auch einen wichtigen Beitrag zur Sicherung des kulturellen Erbes der Aleviten.


Pressemitteilung zum Projektstart

 

English

Alevi Archive: Ethnohistory of Alevi Communities in Anatolia, 16th to 20th Centuries

Alevis constitute an officially not recognized socio-religious minority in Turkey (10–15 percent of the population) whose relationship to Islam is controversial. Historically, they are linked to the Kızılbaş (“Redheads”), who practiced a charismatic form of Islam and were allied with the Safavid dynasty in Iran since the end of the 15th century. Research to date assumes that, due to ongoing state repression, the Alevis retreated to remote areas of Anatolia during the 16th century and remained in isolation until the early 20th century. According to this view, the central characteristics of Alevism in terms of social structure, ritual, and endogamy developed largely in isolation from a hostile Sunni environment. To this day, this narrative has a major social and political impact and shapes the debate on the historical and religious classification of the Alevis. However, it has never been systematically examined on the basis of comprehensive empirical material.


The Alevi Archive focuses on settlement dynamics and processes of community formation among Alevi groups in their complex relationships with the state as well as with Sunnis, Christians, and other religious and social groups. Using a combination of methods that is innovative for these research questions (ethnohistory) and based on previously not yet used and interlinked source material (including Ottoman archives, manuscripts from Alevi collections, oral traditions, and material culture), the project aims at reconstructing the historical living environments of the Alevis. It thus aspires to provide a fundamental contribution to Anatolian social and religious history. The integrated digital humanities approach enables the project to systematically collect, analyse, and network the data in a virtual research environment created for this purpose. Processed data will be made publicly available as far as possible. As basic research on Alevi social and religious history, the Alevi Archive also makes an important contribution to preserving the cultural heritage of the Alevis.


Dieses Forschungsvorhaben ist Teil im Akademienprogramm, das als derzeit größtes geistes- und kulturwissenschaftliches Langfrist-Forschungsprogramm der Bundesrepublik Deutschland von Bund und Ländern getragen wird. Diese Maßnahme wird mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushalts.
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Projektgruppe

  1. Markus Dreßler, Prof. Dr. [Projektleiter]
  2. Janina Karolewski, Dr. [Arbeitsstellenleiterin]
Akademienprogramm Gesamt

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