Sie sind hier: Startseite / Die Akademie / Kommissionen / Sprachwissenschaft / Dialektlexikographie im Ostmittel- und Ostniederdeutschen: Ergebnisse – Einsichten – Folgerungen

Dialektlexikographie im Ostmittel- und Ostniederdeutschen: Ergebnisse – Einsichten – Folgerungen

Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig
Palaisplatz 3
01097 Dresden

Tel.: +49 351 56 39 41 21
Fax: +49 351 56 39 41 99 21

klausbochmann@web.de
: Wissenschaftliche Koordination

Pieter Bruegel der Ältere: Der Turmbau zu Babel, 1563. Kunsthistorisches Museum Wien
Öffentliche Vortragsveranstaltung der Kommission für Mundartwörterbücher am 3. April 2000 – (Abstracts)

Die vorhabenbezogene Kommission für die Mundartwörterbücher der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig veranstaltete am 3. April 2000 in einer gut besuchten öffentlichen Sitzung eine Vortragsfolge zu allgemeineren Fragen ihres Forschungsgegenstandes. Anlaß war der 65. Geburtstag des Generalsekretärs der Akademie, Dr. Gunter Bergmann. Sein Lebenswerk, das „Wörterbuch der obersächsischen Mundarten” hat ihn, seit 1957 als wissenschaftlicher Mitarbeiter, seit 1968 als Arbeitsstellenleiter, mit unserer Akademie verbunden. Als 1971 in der Sächsischen Akademie der Wissenschaften eine Sprachwissenschaftliche Kommission gegründet wurde und Gunter Bergmann deren Sekretär wurde, kam die Aufgabe hinzu, die Verbindung mit den von der Berliner Akademie übernommenen Mundartwörterbüchern, dem Thüringischen, dem Brandenburg-Berlinischen, dem Mecklenburgischen und dem Archiv des Pommerschen Wörterbuchs, konstruktiv und produktiv zu gestalten. Und als Generalsekretär der Sächsischen Akademie hat sich Gunter Bergmann von 1991 bis April 2000 gerade mit diesen Wörterbüchern bei deren finanzieller Absicherung, personeller Betreuung und sachlicher Versorgung intensiv beschäftigen müssen und hat manche beträchtliche Schwierigkeiten bewältigen können.
So lag es nahe, Freunde und Kollegen, die an diesen Akademievorhaben lenkend und leitend, z. T. in früheren Jahren, aktiv beteiligt waren, zu einer kleinen Jubiläumsveranstaltung einzuladen, bei der sie in Kurzvorträgen vergleichende und verallgemeinerbare Ergebnisse, Erkenntnisse und Folgerungen aus ihrer Arbeit darlegen konnten. Die Zahl der Beteiligten war so groß, dass nicht einmal Zeit für Anfragen und Bemerkungen blieb. Die hier in Abstracts vorgestellten Beiträge sind in einem „Arbeitsheft” der Kommission zugänglich.

 

Ernst Eichler
Vorsitzender der Kommission Mundartwörterbücher
der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig

Rudolf Große
Projektleiter des Obersächsischen Wörterbuchs
und des Brandenburg-Berlinischen Wörterbuchs

 

 

Joachim Göschel, Marburg:
Das Wörterbuch der obersächsischen Mundarten und der Deutsche Sprachatlas – Dialektgeographische Streifzüge

Der Beitrag beschreibt, welche Möglichkeiten ein weitgehend lautgeographisch konzipiertes Unternehmen, wie der 1876 begründete Deutsche Sprachatlas (für den gesamten Sprachraum der Deutschen) einerseits und andererseits ein lexikographisches Werk (für einen Teilbereich des Deutschen) wie es das Wörterbuch der obersächsischen Mundarten darstellt, für eine Diskussion und Klärung dialektologischer Fragen bietet. Da der Ausgangspunkt für beide Werke grundverschieden ist, kommen relativ wenige Beispiele für eine Erörterung in Betracht. Diese zeigen, daß es in beiden Werken starke und schwache Seiten gibt. In jedem Fall kann aber bei Heranziehung beider von einer Komplementierung der Diskussionsgrundlage gesprochen werden.

 

Karl Spangenberg, Jena:
Einheit und Vielfalt des thüringisch-obersächsischen Sprachraums

Thüringen und Obersachsen zeigen bei einem Stichwortvergleich ihrer Mundartwörterbücher starke und wohl siedlungsbedingte Übereinstimmungen, wobei der thüringische Wortschatz überwiegt. Dass M. Luthers Sprache in Schrift und Rede auf den Kanzleigebrauch im nd.-omd. Diglossiegebiet des obersächsischen Nordsaums beruht, wird mit soziolinguistischen Prinzipien zu erhärten versucht. Eine Bewertung der gegenwärtigen thüringischen Umgangssprache als Variante des Sächsischen beschließt den Vortrag.

 

Gerhard Kettmann, Halle:
Annotationen zum Wittenberger Alltagswortschatz des frühen 16. Jahrhunderts

Untersucht werden Teilprobleme des Komplexes Alltagswortschatz in einem niederdeutsch/mitteldeutschen Diglossiegebiet. Vom Aufzeigen der Grundstruktur des Lexikons her wird dessen Reaktion auf den sich vollziehenden Varietätenwechsel verfolgt, ergänzend dazu werden Fragen nach dem graphematischen Status von Wortschatz aus der Alltagssphäre aufgegriffen, insbesondere die nach dem Einfluss mundartlicher Lautung auf ihn.

 

Joachim Wiese, Potsdam:
Historisches Wortgut im Brandenburg-Berlinischen Wörterbuch

Im Hinblick auf die Darstellung historischen Wortguts im Brandenburg-Berlinischen Wörterbuch ist festzustellen: Sie bietet die Möglichkeit, aus landschaftlichen Quellen in nachmittelniederdeutscher Zeit noch alte Bedeutungen zu dokumentieren, ältere Reliktwörter nachzuweisen, noch alte, zusätzliche Bedeutungen zu denen im mundartlichen Sprachmaterial vorhandenen zu belegen, durch ältere Laut- und Wortformen den Anschluß an etymologische Grundformen zu finden, bestimmte Lauterscheinungen in älteren Quellen nachzuweisen und veraltetes Brauchtum zu dokumentieren.

 

Renate Herrmann-Winter, Stralsund:
Eine Gesundheitsregel in frühen Sprichwörtersammlungen

Am Beispiel einer in Pommern im frühen 19. Jahrhundert bekannten mundartlichen Regel zur Verhütung von Krankheiten wird der Verbreitung volksmedizinischer Ratschläge in Sprichwortform nachgegangen und damit einer Frage, die in der Parömologie zu Unrecht bislang am Rande stand. Für diese Gesundheitsregel gibt es in zahlreichen inhaltlichen und formalen Varianten Belege aus anderen deutschen Dialekten, und sie ist auch im Englischen, Schottischen, Französischen und Italienischen zu finden. Ihre Verbreitung geht möglicherweise auf eine Maxime des berühmten niederländischen Mediziners Hermann Boerhave (1668–1738) zurück.

Holl Kopp un Poot’n warm,
sla nich to fehl in ne Darm,
Holl Hinnepuet aap’n,
dörfst nich na’n Doct’r loop’n.

 

Volkmar Hellfritzsch, Stollberg:
Lessig/Lässig – Lessing

In dem Ortsnamen Lässigherd östlich Olbernhau ist ein obsoletes Mundartwort für den (Kirsch-)Kernbeißer (Coccothraustes) überliefert. Es handelt sich um eine Entlehnung aus dem Tschechischen (dlesk, dlask – lautmalend) und ein Reliktwort, das evtl. auf einen historischen, von Böhmen herüberreichenden Wortraum deutet. Wie die Familiennamen Lässig/Läßig/Lessig erkennen lassen, ist das Lexem vorallem westerzgebirgisch verankert und spätestens seit dem ausgehenden 15. Jh., vermutlich aber schon eher, im Deutschen vorhanden. Da sich die Familie des Dichters Gotthold Ephraim Lessing in das westerzgebirgische Lässig-Gebiet (Jahnsdorf: 1518 Lessigk) zurückverfolgen läßt, sind bisherige Etymologien dieses Namens, vor allem zu slawisch les ‘Wald’, kaum aufrecht zu erhalten.

 

Horst Weber, Dresden:
Die Karte ‘(Stroh) streuen’ im obersächsischen Wörterbuch – Ein Versuch, geschichtliche Entwicklung auf der Karte darzustellen

Wörter der Allgemeinsprache finden dann neben mundartlichen Wörtern Aufnahme in das Wörterbuch der obersächsischen Mundarten, wenn ihre von der Hochsprache abweichenden Lautformen die dialektale Gliederung der Sprachlandschaft veranschaulichen. Die Lautkarte ‘(Stroh) streuen’ zeigt in der speziellen Verwendungsweise der bäuerlichen Fachsprachen den ältesten arealen Zustand der Mundarten. Die allgemeinsprachliche Lautform šdraen zeugt in der Verbreitung von der Zersetzung der Mundartlandschaft. Diese junge Entwicklung wird auf der Karte durch ein Punkt-Raster wiedergegeben, das die Belegdichte der umgangssprachlichen Form festhält. Auf der Karte tritt so exemplarisch die Basislandschaft der heute dominierenden Umgangssprache im Städtedreieck Leipzig–Dresden–Chemnitz hervor.

 

Rudolf Große, Leipzig:
Der Schraden – Rückzugsgebiet im Winkel starker Mundartgrenzen

Das Schradengebiet südlich von Elsterwerda ist dialektgeographisch ein auffälliges Rückzugsgebiet im Winkel mehrerer Dialektgrenzen 1. Ordnung: der meißnisch-osterländischen, der osterländisch-nordobersächsischen (südmärkischen), der ostmeißnisch-westlausitzischen. Die nordmeißnische Grundlage des Lautinventars reicht in die Siedlungszeit (12./13. Jh.) zurück. Aber auch die aus der osterländischen Nachbarschaft im Westen wie die aus der westlausitzischen Nachbarschaft im Südosten hereinreichenden Lautmerkmale sind eng an die konstitutiven Merkmale der phonetisch-phonologischen Struktur gebunden, so dass nicht an jüngere Strömungen zu denken ist. Der Schraden ist ein Horst der zweiten Siedlungsphase. Seine Mundart formierte sich durch Mischung und Ausgleich in Tochtersiedlungen (große Angerdörfer mit Gewannfluren). Wirtschaftliche, politische, kulturelle Faktoren formten ein bis in die jüngste Zeit beständiges Gruppenbewußtsein, das auch alte Formen der sprachlichen Kommunikation bewahrte.

Termine
Horst-Michael Prasser: Basisinnovation bei Kernreaktoren 16.01.2017 18:30 - 20:00 — TU Dresden, Festsaal des Rektorats, Mommsenstr. 11, 01069 Dresden
Forum "Offenes Land - offene Fragen" 08.02.2017 18:00 - 20:00 — Karl-Tauchnitz-Str. 1, 04107 Leipzig