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Lothar Kreiser: Wert – Versuch einer Begriffsbestimmung

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Pieter Bruegel der Ältere: Der Turmbau zu Babel, 1563. Kunsthistorisches Museum Wien

Die folgende Begriffsexplikation, durch die Frege-Semantik der klassischen Logik geleitet, geht von der Tatsache aus, dass es natürlichsprachliche Begriffsausdrücke gibt, die einen Wertbegriff ausdrücken.

Die konstante Bezugssprache ist die deutsche Sprache. Sie steht beispielsweise ihres semantischen Ausdrucksreichtums wegen; sie dient zugleich auch als Darlegungssprache, weil sie die vorherrschende Muttersprache in dieser Runde ist.

Der Begriff Bescheidenheit ist unstreitig ein Wertbegriff, also ein geeigneter Kandidat für den Ansatz einer Begriffsexplikation.

Der Begriff Bescheidenheit ist nicht bescheiden, er ist nicht der Wert selber, sowenig, wie z.B. der Begriff Tisch ein Tisch ist. Sagen wir also wahrheitsgemäß, dass Bescheidenheit ein Wert ist, meinen wir damit nicht den Begriff, sondern das, was unter ihn fällt. Was fällt unter den Begriff Bescheidenheit? Jede menschliche Verhaltensweise, die das an Eigenschaften an sich hat, was der Begriff Bescheidenheit an Merkmalen in sich vereint. Diese Verhaltensweisen sind es, von denen wir sagen, dass sie ein Wert sind. Der Begriff Bescheidenheit nimmt Anteil daran, indem von ihm gesagt wird, dass er ein Wertbegriff ist.

Der Sprachausdruck „Bescheidenheit” hat (mindestens) drei semantische Dimensionen: Er drückt einen Begriff aus (er ist ein Begriffsausdruck). Er bezeichnet jedes unter den Begriff fallende Objekt (er ist ein Allgemeinname) und er bezeichnet eine Klasse von Objekten (er ist Eigenname des Umfanges des Begriffes Bescheidenheit). Da der Begriff, der durch das Wort „Bescheidenheit” ausgedrückt wird, ein Wertbegriff ist, nennt man diesen Ausdruck auch einen Wertausdruck. Demzufolge haben wir zu unterscheiden zwischen Wert, Wertbegriff und Wertausdruck.

Auch für Wertausdrücke hat die deutsche Sprache unterschiedliche Abwandlungen, die sich von der Satzstellung her bestimmen. Wir sprechen adjektivisch von einem bescheidenen Verhalten, dem die prädizierende Satzstellung entspricht: Dieses Verhalten ist bescheiden, oder auch attributiv von einem bescheiden vorgetragenen Anliegen. Logisch-semantisch ist ein Wertausdruck in jeder Wortart Begriffsausdruck, so dass es gleichgültig ist, in welcher er definiert ist.

Es fällt auf, dass Bescheidenheit ein Wert ist, aber der Ausdruck „Bescheidenheitswert” würde eine Neuschöpfung sein. Dagegen nennt man z.B. die Zahl, in deren Bezeichnung ein über einen Zahlenbereich definierter Funktionsausdruck (bei zulässiger Einsetzung) übergeht, einen Funktionswert. In der Physik spricht man von Messwerten, in der Logik von Wahrheitswerten. Kein Wissensgebiet ist frei von solchen Wertworten, wie ich die Ausdrücke nennen möchte, die hier als Beispiele dienten. In der Sprachwissenschaft haben wir z.B. den Begriff als semantischen Wert von Begriffsausdrücken. Es wird in ihr gesprochen von Valenz oder Wertigkeit eines Verbs oder eines Adjektivs, von einem Beziehungswert (oder auch kategorialem Wert) eines Teilsatzes innerhalb eines zusammengesetzten Satzes – man erkennt, dass sich in allen diesen Fällen eine funktionale Auffassung grammatischer Zusammenhänge geltend macht. Fasst man Konjunktionen als Funktoren auf, so spricht man hier direkt von Argument- und Funktionswerten. Das Prädikat des Satzes: Der Ausdruck x ist wohlklingend, ist ein Wertausdruck, so dass man also auch Wertausdrücke in der Sprachwissenschaft antrifft. Weitere Wertausdrücke, Wörter betreffend, sind: Unwort, verpönt, gemieden, bevorzugt.

Was unterscheidet logisch-semantisch Wertausdruck von Wertwort? Dass zwischen beiden ein kategorialer Unterschied besteht, deckt die Verneinung des durch sie ausgedrückten Begriffes auf.

Durch: Dies ist nicht ein (also kein) Messwert, wird von dem mit „dies” Bezeichneten behauptet, dass es irgend etwas, nur kein Messwert ist. Dagegen wird durch: Kohl ist nicht bescheiden, behauptet, dass Kohl unbescheiden ist. Bescheiden, unbescheiden – beide Begriffe sind über derselben Objektmenge (der Menge menschlichen Verhaltens) definiert. Weitere Beispiele bestätigen die Vermutung: Der verneinte Ausdruck eines Wertausdruckes ist wiederum ein Wertausdruck, definiert über derselben Objektmenge. Das verneinte Wort zu einem Wertwort bezeichnet dagegen die Komplementmenge der durch das Wertwort bezeichneten Menge. Die Vereinigung dieser Menge mit der Komplementmenge ist die Allmenge. Ein Wertwort ist auch: ästhetischer Wert. Dieses Wort bezeichnet eine Klasse von Werten, so daß man behaupten kann: Schönheit ist ein ästhetischer Wert, nicht aber: Bescheidenheit ist ein ästhetischer Wert. Als Eigennamen eines Gegenstandes ist „ästhetischer Wert” logisch ein atomarer Ausdruck. Die Behauptung: Bescheidenheit ist nicht ein (kein) ästhetischer Wert, ist äquivalent der Behauptung: Bescheidenheit ist irgend etwas von ästhetischem Wert Verschiedenes.

Zweitens. Fällt unter einen Wertbegriff mehr als ein Objekt, haben sie die durch die Merkmale des Begriffes bestimmten Eigenschaften unterschiedlich ausgeprägt an sich (was nicht mit Unschärfe zu verwechseln ist), so dass man z.B. behaupten kann, dass eine bestimmte Person bescheidener als eine bestimmte andere ist. Es gibt wohlklingendere, bevorzugtere, verpöntere Wörter. Ist „aufreizend” der kontradiktorische Begriffsausdruck zu „wohlklingend”, so haben wir auch hier Ausdrücke, die mehr oder weniger aufreizen.

Ein Funktionswert dagegen ist dies nicht mehr oder weniger als ein anderer Funktionswert; ein Wahrheitswert ist nicht ausgeprägter als ein anderer.

Das Wort „Unwort des Jahres x” bezeichnet (je nach Jahreszahl für „x”) höchstens ein Objekt, so dass diese Eigenschaft des Wertes hier nicht auftreten kann.

Man kann aber drittens die Einzigkeit des Objekts bei Wertbegriffen durch ihren prototypischen Gebrauch erzwingen, indem man ein reales oder ideales Objekt als das Muster oder den Inbegriff festsetzt; die anderen Objekte bilden dann eine Approximationsfolge.

Bei Approximationsfolgen tritt eine von der klassischen Negation verschiedene Verneinungsart auf. Dazu nur ein Beispiel. Ziehe dich warm an läßt sich variieren in: Ziehe dich nicht zu warm an; aber nicht zu warm kann nicht ersetzt werden durch etwas kälter. *Ziehe dich etwas kälter an ist ein den Sinn verfehlender Satzausdruck. Es ist eine durch Kleidung erzeugte Temperatur, nicht eine Kleidung entsprechend der Temperatur gemeint. Auf letztere wird nur indirekt Bezug genommen.

Die drei genannten Eigenschaften grenzen semantisch Wertausdrücke von Wertworten ab, lassen aber noch solche Begriffsausdrücke als Wertausdrücke zu wie z.B. klein oder groß. Im Grenzfall ist die Ausprägung auf ein Zahlenintervall abbildbar.

Wird nun der logisch-semantische Rahmen der Begriffsexplikation erweitert durch seine Übernahmen in den erkenntnistheoretischen Rahmen, zeigt sich, dass Wertaussagen Geltung durch Konsens und nicht Wahrheit aufgrund von So – Sein haben. Welche Merkmale ein Wertbegriff in seiner Definition zusammenfasst, ist nicht durch das Objekt, sondern durch menschliche Interessen am Objekt bestimmt.

Von den drei logisch-semantischen Eigenschaften und der eben genannten erkenntnistheoretischen Eigenschaft von Wertaussagen geht der erste Versuch einer Begriffsexplikation von Wert aus:

Ein Begriff, dessen Kontradiktion über demselben Objektbereich definiert ist, dessen Objekte begriffsbezogen einen Ausprägungsgrad haben und dessen Definition menschlichen Interessen gemäß erfolgt, ist ein Wertbegriff.

Das Unbefriedigende an diesem Versuch ist der Ausdruck: menschlichen Interessen gemäß. Dem, was er bedeutet, kommt man durch folgende Analyse näher.

Das menschliche Interesse kann sich auf eine Eigenschaft an oder eine Beziehung zwischen Gegenständen beziehen. Nennen wir ein solches Interesse ein Objektinteresse. Temperaturbezeichnungen warm, kalt, lauwarm, heiß sind der versuchten Explikation zufolge Wertbegriffe, wenn der Mensch die Bezugsgröße für die Maßbestimmung ist. Gleiches findet man bei Größenbezeichnungen wie klein, groß, mittelgroß usw., wenn der Mensch die Bezugsgröße ist. Durch Austausch der Bezugsgröße erhält man Definitionen, die keine Werte bestimmen. Von hier her dürfte deutlich werden, dass der Begriff ideales Gas kein Wertbegriff ist. Wenn menschliches Interesse nicht Objektinteresse meint, wird ausgeschlossen, was auch ausgeschlossen werden kann.

Der Bezug auf menschliches Interesse kann aber auch durch eine Setzung von idealen Eigenschaften gegeben sein, und gerade das ist es, was die eigentlichen Werte ausmacht: Das Objekt, das in einer Approximationsfolge nicht mehr zu übertreffen ist, ist (weil in „reinster Gestalt”) der Wert, das Ideal. Nennen wir ein solches Interesse ein Idealisierungsinteresse, so sind alle sozialwissenschaftlichen Begriffe, deren Definition kein Idealisierungsinteresse einschließt, keine Wertbegriffe. Ein Wertbegriff aber ist z.B. „Kommunismus”. Von der präzisierten Bestimmung von menschlichem Interesse als Idealisierungsinteresse ausgehend kann die versuchte Explikation des Wertbegriffes durch die folgende ersetzt werden:

Ein Begriff, dessen Kontradiktion über demselben Objektbereich definiert ist, dessen Objekte begriffsbezogen einen Ausprägungsgrad haben und dessen Definition einem Idealisierungsinteresse gemäß erfolgt, ist ein Wertbegriff.

Jeder Begriff, in dessen Definition mindestens ein Wertbegriff eingeht, ist ein Wertbegriff.

Kommt unter den Grundaussagen einer Theorie eine Aussage mit einem Wertbegriff vor, ist die Theorie eine auf Geltungsanspruch beruhende Werttheorie, gleichgültig, ob alle anderen Grundaussagen von ihr als wahr vorausgesetzte Aussagen sind.

Der Sprachwissenschaft sind der gegebenen Begriffsexplikation zufolge Wertbegriffe eigen, wie z.B. „verpönt”. Weitergehende Analyse muß entscheiden, welche spezifische Bedeutung sie haben. Dass sie gewiss eliminierbar sind, wenn sie nationalen Ursprungs sind, steht angesichts ihres noch verborgenen Vorkommens in der Sprachwissenschaft außer Zweifel.

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