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Bernard Comrie: Sprachvarietäten und gesellschaftliche Werte

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Pieter Bruegel der Ältere: Der Turmbau zu Babel, 1563. Kunsthistorisches Museum Wien

1. In der Diskussion über Werte in der Sprache, besonders unter Nicht-Sprachwissenschaftlern, wird oft die Tatsache vernachlässigt, dass Sprachvarietäten nicht nur einen gesellschaftlichen Wert, sondern auch eine gemeinschaftsstiftende und sogar individuumsstiftende Funktion haben können. Vertreter von Standardsprachen nehmen öfters an, dass anderen Varietäten ein niedrigerer Wert zugeschrieben werden kann und dass Sprecher anderer Varietäten nur aus Nichtwissen bzw. Nichtkönnen „abweichende” Varietäten sprechen. Anhand von drei Beispielen versuche ich, die gemeinschaftsstiftende und individuumsstiftende Funktion der Sprache zu veranschaulichen.

2. Das erste Beispiel betrifft die Varietät des Englischen, die ich als Kind (ungefähr vom 5.–17. Lebensjahr) gesprochen habe. Ich bin in Sunderland in Nordostengland geboren und (mit nur kurzen Unterbrechungen, besonders vor dem Alter von 5 Jahren) dort aufgewachsen. Die Varietät des Englischen, die ich damals sprach, unterscheidet sich besonders phonetisch von der Standardsprache. Ich werde diese Varietät als „Mesolekt” bezeichnen, da er sich sowohl von der Standardsprache („Akrolekt”) als auch vom örtlichen Dialekt („Basilekt”) unterscheidet und eine eindeutige gesellschaftliche Funktion ausübt: man identifiziert sich mit der Region, indem man wenigstens teilweise bewusst Merkmale der Standardsprache ablehnt; man identifiziert sich aber auch als „gebildet”, indem man gewisse Merkmale des Dialekts vermeidet. Ein wohl bekannter Unterschied zwischen den Dialekten Nord- und Südenglands ist die Dehnung des Vokals a (in gewissen Umgebungen und Vokabeln), wie z.B. in Wörtern wie father ‘Vater’, path ‘Pfad’. Der Mesolekt hat einen langen Vokal in father, und die Aussprache mit einem kurzen Vokal würde als „ungebildet” gekennzeichnet werden. Diese Aussprache ist aber keineswegs unbekannt und könnte z.B. als Merkmal regionaler Solidarität benutzt werden. Der Mesolekt hat einen kurzen Vokal in path; man weiß, dass die Standardsprache, die man z.B. im Radio und im Fernsehen hört, hier einen langen Vokal hat, benutzt diese Variante aber nicht, oder höchstens im Scherz. Der Gebrauch der Standardvariante könnte außerhalb solcher Kontexte sogar als „Sprachverrat” aufgefasst werden. Man kennt also alle Varianten, trifft aber eine Auswahl, die sowohl die regionale Loyalität als auch eine gewisse soziale Ebene ausdrückt.

3. In vielen Sprachgemeinschaften hat der Gebrauch von Sprachvarianten auch die Funktion, Unterschiede innerhalb der Gemeinschaft widerzuspiegeln. Ich werde zwei Beispiele anführen. Im Japanischen gibt es manchmal beträchtliche Unterschiede zwischen männlicher und weiblicher Sprache. Die Unterschiede betreffen nicht nur die Stilistik, sondern auch die Grammatik der Sprache. Wenn man z.B. auf Japanisch ‘es ist ja fein’ sagen will, muss man als Mann kirei da yo bzw. als Frau kirei yo sagen, wobei die männliche Form die Kopula da ‘ist’ enthält, die weibliche Form dieses Wortes dagegen entbehrt. Nach den Beobachtungen meiner ehemaligen Kollegin Patricia Clancy sind Unterschiede zwischen männlicher und weiblicher Sprache fast der einzige Fall, in dem japanische Eltern die Sprache ihrer Kinder ausdrücklich korrigieren. (Da japanische Kinder üblicherweise erheblich mehr Zeit mit ihren Müttern als mit ihren Vätern verbringen, bestehen solche sprachlichen Verbesserungen besonders darin, dass Mütter auf dem männlichen Usus bei ihren Söhnen bestehen, da sonst die Gefahr bestünde, dass die Jungen einfach ihre Mütter nachahmen würden.)

In gewissen Fällen lässt sich eine solche Möglichkeit entwickeln, bis die verschiedenen Varianten zu individuumsstiftenden Merkmalen werden. Unter den Haruai in Papua-Neuguinea – ich habe Mitte der achziger Jahre Feldforschung bei den Haruai gemacht – gibt es die Erscheinung Worttabu, wobei ein Ausdruck des Worttabus z.B. das Verbot ist, den Namen eines angeheirateten Verwandten oder eines Kreuzvetters/einer Kreuzbase (d.h. ein Kind des Bruders der Mutter oder der Schwester des Vaters) auszusprechen. Da Personennamen auch Gattungsbegriffe sein können (und normalerweise Gattungsbegriffe sind), hat jeder Haruai eine Menge verbotener Vokabeln, die von seiner Stellung im Clan abhängt. Ein Bekannter von mir hatte einen Schwager namens cöc ‘Tabak’, durfte also das Wort cöc ‘Tabak’ nicht aussprechen und musste dieses Wort ersetzen, in diesem Fall durch das entsprechende Wort smok (< engl. smoke ‘Rauch’) aus der Verkehrssprache Tok Pisin. (Interessanterweise erweiterte sich das Verbot auch auf das Homonym cöc ‘Kirche’, eine Entlehnung aus dem Englischen (church).) In einem solchen Fall kann man nicht behaupten, dass eine Variante „besser” als eine andere bewertet werden muss oder kann. Jede Form hat einen gewissen Wert innerhalb des gesellschaftlichen Systems.

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