Plenarvorträge 1997

 

Vortrag am 12.12.1997
Heiner Kaden (Meinsberg), Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse:


„Elektrokinetische Phänomene – Brücke zwischen Kolloidchemie und Elektrochemie“

Das Wort elektrokinetisch impliziert die Kombination von Elektrizität und Bewegung. Elektrokinetische Vorgänge sind an die Existenz einer elektrisch geladenen Grenzfläche zwischen einem Feststoff (vor allem eines Nichtleiters) und einer flüssigen Phase geknüpft, sie sind jedoch nur bei einer Relativbewegung zwischen einer stationären Phase und einer beweglichen Phase in einem dispersen System meßbar. Solche Vorgänge sind gleichermaßen für die Kolloidchemie und die Elektrochemie interessant, und sie sind ein Bindeglied zwischen diesen Zweigen der physikalischen Chemie. Die Entdeckung elektrokinetischer Vorgänge liegt mehr als 180 Jahre zurück: Der deutsche Arzt und Chemiker Ferdinand Friedrich Reuss veröffentlicht im Jahr 1809 in Moskau eine Arbeit über Elektroosmose. Zu dieser Zeit befindet man sich in den Anfangsjahren der Elektrochemie, während die wissenschaftliche Kolloidchemie erst seit 1861 mit dem Nachweis Thomas Grahams, daß leimähnliche Substanzen (Leim griech. ϰολλα) gemeinsame Eigenschaften zeigen, ihren Weg nimmt.

Die elektrokinetischen Phänomene haben theoretische sowie praktische und technologische Bedeutung erlangt. Die wichtigste Kenngröße, die aus elektrokinetischen Messungen erhalten wird, ist das Zetapotential (ζ). Es liefert wesentliche Informationen über den Oberflächenzustand nichtleitender Feststoffe im System Feststoff/wäßriges Medium, der mit anderen physikalischen Methoden nicht oder nur bedingt zu charakterisieren ist, und ermöglicht Rückschlüsse auf den Aufbau der elektrochemischen Doppelschicht und die Ladungsbildungsmechanismen an Feststoffoberflächen. Zur Bestimmung von ζ stehen verschiedene experimentell Untersuchungsverfahren zur Verfügung. Grundlage dieser Verfahren sind überwiegend die drei elektrokinetischen Erscheinungen Strömungspotential, Elektroosmose und Elektrophorese, während das vierte grundlegende Phänomen, das Sedimentationspotential, nur selten zur Ermittlung von ζ herangezogen wird. Durch elektrokinetische Messungen wurde festgestellt, in welcher Weise oberflächenaktive Stoffe (Tenside) an organischen Polymeren adsorbiert werden; die Adsorption von Tensiden kann sogar eine Umladung der Oberfläche (vom Positiven ins Negative oder umgekehrt) hervorrufen. Für die Auswahl einer Polymers orte im Hinblick auf ihre Applikation, beispielsweise für medizinische Zwecke, stellt die Messung des Zetapotentials eine wesentliche Charakterisierungsmethode dar. Auch für anorganische Stoffe wurden durch elektro kinetische Messungen Auskünfte über ihren Oberflächenzustand erhalten. Chemische oder thermische Reaktionen führen zu mittels Zetapotentialmessung feststellbaren Veränderungen der Ladungsgröße bzw. des Ladungsvorzeichens an der Grenzfläche Feststofflwäßrige Phase und ermöglichen es, optimale Vorbehandlungsverfahren zu wählen.

Mit der Kenntnis von ζ und dessen Abhängigkeit von den Eigenschaften des untersuchten Systems (Art des Feststoffs, Zusammensetzung und Konzentration der wäßrigen Phase) ist es nunmehr möglich, praktische Anwendungen der Elektrokinetik zu interpretieren. Im Vortrag werden zwei Beispiele diskutiert: Die Entfeuchtung von Mauerwerk beruht auf der Elektroosmose, andererseits kann das Aufsteigen von Wasser in das Mauerwerk durch die sogenannte elektrokinetische Sperre verhindert werden. Schließlich wird auf geoelektrische Effekte, die eng mit elektrokinetischen Erscheinungen verknüpft sind, eingegangen.

 

Vortrag am 12.12.1997
Eberhard Paul (Leipzig), Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse:

 

„Menander und Vergil – Identifikationsprobleme antiker Bildnisse“

Trotz verfeinerter wissenschaftlicher Methoden sind die Ergebnisse bei der Benennung anonym überlieferter Porträttypen der antiken Kunst äußerst unbefriedigend. So ist es z.B. geradezu erschreckend, daß der ganz offensichtlich einen der berühmtesten Männer der Antike darstellende Kopftypus des in etwa 40 Repliken überlieferten sogenannten Pseudo-Seneca nach wie vor nicht sicher zu bestimmen ist, wenn auch von den insgesamt zwölf Vorschlägen zur Zeit nur noch Hesiod oder Aristophanes zur Diskussion stehen.

An zwei Porträtköpfen des Antikenmuseums der Universität Leipzig läßt sich die gesamte Identifikationsproblematik antiker Bildnisdarstellungen exemplarisch demonstrieren.

Beide Köpfe waren über einen langen Zeitraum Streitfälle, bei denen die Ausweitung von schriftlichen Aussagen antiker Autoren, Münzprägungen – soweit vorhanden – und vor allem Beobachtungen und Schlußfolgerungen bei einer Sonderform antiker Porträtplastik, nämlich die Verbindung von zwei verschiedenen Porträtköpfen zu einer Doppelherme sowie die Anwendung stilanalytischer Methoden, zu keinem einheitlichen Urteil geführt haben. In einem Fall wurde die Entscheidung zwischen gegensätzlichen Auffassungen durch die überraschende Entdeckung einer beschrifteten, bisher unbekannten Replik entschieden. In dem anderen Fall stehen sich noch immer zahlreiche kontroverse Auffassungen gegenüber, die sich nicht einmal auf die Bestimmung des Dargestellten als Grieche oder Römer einigen können. Bei dem ersten Porträttypus handelt es sich um ein Bildnis des Menander, das vor allem von J. F. Crome als Vergil angesprochen wurde, bei dem zweiten Porträttypus – nach Repliken in Kopenhagen, Leipzig und Rom als KLV Typus bezeichnet – um das Bildnis eines Unbekannten, für den wiederum Vergil, aber auch Philemon und Theokrit in Vorschlag gebracht worden sind. Wenn wir uns bei der Beschriftung des Kopfes im Museum für den römischen Dichter Q. Ennius (?) entschieden haben, so geschah dies in der Einsicht, daß eine Bestätigung dieser Zuweisung aussteht und eine Korrektur beim gegenwärtigen Stand der Porträtforschung durchaus möglich ist.

 

Vortrag am 14.11.1997, Öffentliche Gesamtsitzung
Rolf Thiele, (Leipzig), Ordentliches Mitglied der Technikwissenschaftlichen Klasse:


„Die Beurteilung der Makro- und Mikrostrukturen für das Tragverhalten von Bauwerken“

Die historische Entwicklung der Bauwerke ist u.a. durch die Veränderung der Struktur gekennzeichnet. Kompakte massive Konstruktionen werden durch gegliederte Tragwerke ersetzt. Gesellschaftliche Ansprüche und technikwissenschaftliche Möglichkeiten begründen diesen Fortschritt. Stadtentwicklung und Brückenbau einerseits sowie Werkstofferschließung und differenzierte Beurteilung des mechanischen Anstrengungsvermögens andererseits sind dafür zum Beispiel wichtige Aspekte.

Die Formulierung und praktische Umsetzung statischer Methoden beginnt im zweiten Drittel des vorigen Jahrhunderts, obwohl Experimente zur Befragung der Natur und des Verhaltens von technischen Strukturen einschließlich der mathematischen Formulierung bereits Ergebnisse der Renaissance sind. Die Zielstellung, im Bauwerk die Tragstruktur zu erkennen, diese zu modellieren und zu berechnen, hat sich zunehmend verändert. Computersimulierte Modelle werden in technische Realität umgesetzt.

Tragwerke sind dreidimensionale Strukturen. Sie können in Abhängigkeit der geometrischen Relationen, als aus Flächen- bzw. Linienstrukturen zusammengesetzt, ohne signifikante Fehlergrößen in statischer Hinsicht beurteilt werden. Neben der statischen Sicherheit sind das Verformungs- und – insbesondere bei schlanken und dünnwandigen Strukturen – das Stabilitätsverhalten zu bewerten. Lokale Bereiche wie Stützpunkte, Verankerungen, Verbindungen, Schnittstellen von Tragwerkselementen, auch die unterschiedlich strukturierten Kontaktzonen von Bauwerk und Baugrund, bedeuten im End- wie im zeitlich begrenzten Montage- oder Demontagezustand Anstrengungskonzentrationen. Anhand von Bauwerken (Diapositive) und Bauwerksdetails unterschiedlicher Strukturen (Hochhäuser, Brücken, Großbehälter u.a.) werden Wirkungsweisen, gelegentlich negative Konsequenzen (Schadensfälle) und das Sicherheitsniveau analysiert und bewertet. Die Kriterien, nach denen heute Tragstrukturen entworfen werden:

  • Gebrauchserfordernisse, Gebrauchswert
  • Dauerhaftigkeit, kalkulierte Lebensdauer
  • technisches Sicherheitsniveau
  • Werkstoffangebot
  • wirtschaftliche Rahmenbedingungen
  • Gestaltung, Ästhetik

besitzen unterschiedliche Wichtungen. Nur das Sicherheitsniveau ist quasi gesetzlich quantifiziert.

Die Finite-Elemente-Methoden bieten mit dem Einsatz der Rechentechnik zur Lösung großer Gleichungssysteme die Möglichkeit, statt komplizierter Ansatzfunktionen für das gesamte zu untersuchende Gebiet bereichsweise einfache Ansätze zu verwenden. Je einfacher die Ansatzfunktionen sind, um so feiner muß die Diskretisierung sein. Da mit der feineren Diskretisierung (Vergrößerung der Zahl der Elemente) der Rechenaufwand deutlich steigt, wird die Frage nach der Beschränkung der feineren Rasterung auf Problembereiche der Tragstruktur hinsichtlich eines möglichen Vers agens relevant. Das wird am Beispiel windbeanspruchter Kreiszylinderschalen (Kamine) für Beulversagen in unterschiedlichen Abständen vom eingespannten Fußpunkt gezeigt und anhand von Last – Verformungspfaden vergleichbar gemacht.

 

Vortrag am 10.10.1997
Hans Wußing (Leipzig), Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse:


„Zur Geschichte der Polytechnischen Gesellschaft zu Leipzig (1825–1844) – Eine Bürgerinitiative zu Beginn der Industrialisierung Sachsens“

Im Oktober des Jahres 1825 gründete eine kleine Gruppe von Gelehrten und Kaufleuten eine „Polytechnische Gesellschaft“ mit dem Ziel, Gewerbe und Industrie in Leipzig besonders dadurch zu fördern, daß die Ergebnisse moderner Naturwissenschaft direkt in den Dienst der Produktion gestellt werden sollten. Die Gruppe folgte damit einem am Beginn der Industriellen Revolution insbesondere in England und Frankreich hervortretenden Grundgedanken, dem der sogenannten Polytechnischen Bewegung, die 1794 mit der Gründung der Pariser Ecole Polytechnique einen nach ganz Europa ausstrahlenden Impuls ausgelöst hatte.

Die Leipziger Initiativgruppe hat sich, anfangs vergeblich, bei der sächsischen Regierung um ein Privileg des sächsischen Königs bemüht, es wurde erst 1829 nach dem Regierungsantritt von König Anton und einem Wechsel bei den führenden Persönlichkeiten der Gesellschaft gewährt. So in ihren Absichten „von höchster Stelle“ bestätigt, entwickelte sich die Polytechnische Gesellschaft rasch und brachte es zeitweise auf mehrere hundert Mitglieder. Dazu traten Industrieausstellungen und das Betreiben einer Art Gewerbeschule.

Die Protokolle der alle 14 Tage stattfindenden Zusammenkünfte, auf denen insbesondere inhaltliche Fragen zur Nutzanwendung der Wissenschaften diskutiert und Maschinenmodelle demonstriert wurden, zeigen zunehmend die Hinwendung von der handwerklichen Produktion zu den Grundfragen (Maschinenbau, Städtebau, Eisenbahn, Nahrung) der Industriellen Revolution.

Führende Leipziger Gelehrte – unter ihnen die Universitätsprofessoren Erdmann (Chemiker) und Ernst Heinrich Weber (Medizin) und J. A. Hülße (später Direktor der Polytechnischen Schule in Dresden) – waren lange Jahre als Direktoren und Vizedirektoren der Polytechnischen Gesellschaft tätig und haben deren Arbeit inhaltlich und organisatorisch geprägt. Erst mit dem Aufschwung der unter bescheidenen Anfängen 1828 gegründeten Polytechnischen Schule in Dresden (aus der die heutige Technische Universität hervorgegangen ist) ging in den fünfziger Jahren die Bedeutung der Leipziger Polytechnischen Gesellschaft zurück. Zugleich wechselten einige führende Persönlichkeiten der Gesellschaft an die 1846 gegründete Sächsische Akademie über; insofern gehört die Geschichte der Leipziger Polytechnischen Gesellschaft auch in die Vorgeschichte der Sächsischen Akademie der Wissenschaften.

Der Vortrag beruht auf im Stadtarchiv Leipzig und im Hauptstaatsarchiv Dresden aufbewahrten, sehr umfangreichen, aber bisher nicht oder kaum erschlossenen Archivalien. Der Vortragende möchte auch auf diesem Wege der Sächsischen Akademie, dem Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst, dem Stadtarchiv Leipzig und dem Hauptstaatsarchiv Dresden danken für Unterstützung und Hilfe bei der Sichtung und Bereitstellung der zugehörigen Archivmaterialien.

 

Vortrag am 10.10.1997
Helmut Kirchmeyer (Düsseldorf), Korrespondierendes Mitglied der Philologisch-historischen Klasse:


„»Die Veränderungen des Hörens sind gewaltig …«. Von der Leipziger Atonalen Musiklehre zum Kölner Studio für Elektronische Musik – die Visionen des Dr. Herbert Eimert“

„Die Veränderungen des Rörens sind gewaltig …“ – unter diesen Leitgedanken stellte Rerbert Eimert (1897–-1972) seine spätere künstlerische, musikwissenschaftliche und publizistische Tätigkeit. Er veröffentlichte 1924 in Leipzig die erste atonale Musiklehre, 1925 die erste deutsche lineare Zwölftonmusik, 1951 das erste Zwölftonlehrbuch, 1962 das erste und bis heute grundlegend gebliebene Buch über serielle Musik. Posthum erschien 1973 das erste Lexikon der elektronischen Musik. Er gründete 1948 das Musikalische Nachtprogramm, 1951 mit heute noch unabsehbarer Auswirkung das erste Studio für elektronische Musik (und kam damit den Amerikanern nur um wenige Wochen zuvor), entdeckte u.a. die Komponisten Stockhausen und Ligeti und war maßgeblich an der Webern-Renaissance durch die serielle Musik beteiligt. Eimert ist einer der Schöpfer eines neuen, von einem führenden Berliner Kritiker und Zeitforscher 1951 als die „dritte Epoche der Musik“ bezeichneten musikalischen Weltbildes. Er hinterließ etwa 400 Briefe, an denen entlang man die wesentlichen Stationen seines Lebens und der elektronisch-seriellavantgardistischen Komposition seit 1951 darstellen kann.

Er war ein Nachkomme der Salzburger Emigranten, die es nach Ostdeutschland und dann nach Bad Kreuznach verschlagen hatte, Primus in allen Gymnasialklassen, zog mit 17 Jahren in den Krieg, kämpfte als Artillerieoffizier in Frankreich und auf dem Balkan, wurde in Cambrai schwer verwundet, floh 1919, um dem fast sicheren Tod zu entgehen, aus polnischer Kriegsgefangenschaft und begann noch im selben Jahr das Musikstudium am Kölner Konservatorium, wo man ihn dank seines nicht nur absoluten, sondern sogar frequenzgenauen Gehörs von bestimmten Theoriefächern befreite. Weil er 1924 ein neuartiges Theoriebuch veröffentlicht hatte, mußte er das Konservatorium ohne Abschluß verlassen. Er studierte Musikwissenschaft, Germanistik, Philosophie und Psychologie an der Universität und promovierte. Anschließend wurde er Feuilleton-Redakteur der Kölnischen Zeitung.

Eimert war ein Regimegegner, ohne dem aktiven Widerstand angehört zu haben, und ist nie der Partei beigetreten. So wurde er der erste Angestellte des nach dem Krieg neu gegründeten Kölner Rundfunks und gleichzeitig Chefkritiker der neuen Kölnischen Rundschau. Er war mit unterschiedlicher Wertstellung alles in einem: sensibler Theoretiker, ernstzunehmender Komponist, ausgezeichneter Musikwissenschaftler, glänzender Organisator, führender Kritiker, beispielhaft zukunftsorientierter Förderer des Nachwuchses. Die Literaturkenntnisse schon des jungen Eimert waren ungewöhnlich und wurden selbst von Max Schneider gerühmt.

Eimert baute sein Ressort zum besten deutschen Informationsvermittler für Neue Musik aus, schuf mit dem Musikalischen Nachtprogramm die erste Sendereihe, die statt einer Musikfachzeitschrift zum Träger einer neuen künstlerischen Idee wurde, und krönte sein Lebenswerk mit der Gründung des ersten elektronischen Studios der Welt. Indem es ihm gegen den Widerstand des eigenen Hauses gelang, dieses Studio der Hörspielabteilung zu entziehen und nicht in ein Tontrickstudio für Kriminal- und Weltraumhörspiele zu verkürzen, um es gleichzeitig für alle interessierten Komponisten der Welt zu öffnen, wurde es zum Zentrum und zur Pflanzstätte serieller und elektronischer Musik der gesamten Musik-Avantgarde Europas, Amerikas und Asiens.

Sein kompositorisches Werk krönte er mit der ersten, ebenfalls Schule machenden Sprachklangkomposition „Epitaph auf Aikichi Kuboayma“, bei der das Spektrum gesprochener Worte in Töne umgesetzt und die Sprachverständlichkeit sinnbezogen in verschiedene Grade unterteilt wurde. Schließlich gründete er mit 68 Jahren in Köln das erste Studio für elektronische Musik an einer Musikhochschule, wo er dann noch mehrere Jahre als Professor für Komposition wirkte. Eimert war bei allem Scharfsinn und bei aller Genialität ein zurückhaltender, persönlich bescheidener, schweigsamer Mann, der nur seinen theoretischen Spekulationen lebte und darüber hinaus in der Förderung anderer Künstler seine Befriedigung fand. Als er kurz vor Weihnachten 1972, wenige Tage nach der Fertigstellung seines Lexikons in Düsseldorf starb, hinterließ er neben seinem privaten Nachlaß eine ausgesuchte Bildersammlung moderner Malerei (darunter Paul Klee und Max Pechstein) und ein umfangreiches theoretisches, musikwissenschaftliches und musikkritisches Werk, dessen Erforschung gerade erst begonnen hat.

 

Vortrag am 13.6.1997
Anita Steube (Leipzig), Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse:


„Ein Modell für Informationsstrukturierung“

Die Sprachproduktion läuft in drei Phasen ab: Kognitionsphase, Formulierungsphase, Realisierungsphase. In der Kognitionsphase wählt der Sprecher in Abhängigkeit von dem Bild, das er sich vom Hörer macht, mindestens das Thema, die Perspektivierung der Darstellung und das Mitteilungszentrum aus. Die konzeptuelle Repräsentation dieser strukturierten Gesamtinformation wird u.a. als mentale Textbasis bezeichnet. Es gibt Gründe anzunehmen, daß sie nicht nur aus propositionalen Repräsentationen besteht, sondern über die Aktivierung von Knoten in Wissensnetzen auch mit solchen Repräsentationen verbunden ist. Für die Vermittlung zwischen den unterschiedlichen konzeptuellen Repräsentationen spielen Inferenzen eine sehr wichtige Rolle.

In der Formulierungsphase werden die konzeptuellen Repräsentationen zunächst in semantische Repräsentationen (Bedeutungsstrukturen) überführt, die bereits Teil des sprachlichen Wissens sind. Dabei finden wieder Auswahlprozesse statt: für Sprecher und Hörer situativ präsente Information, in Wissensspeichern aktivierte und von dort abrufbare Information sowie inferierbare Information brauchen nicht versprachlicht zu werden. Die versprachlichte Information muß jedoch die „Anker“ enthalten, die sie in die mentale Textbasis einbetten, damit der Hörer beim Textverstehen aus der Formulierung, aus seinen eigenen Wissensbeständen und mittels seiner Inferenzfähigkeit seine "lückenlose" mentale Textbasis erstellen kann. Relevanz und Kohärenz sind ganz wichtige Steuergrößen für die Auswahlprozesse des Sprechers wie für die rekonstruktive Interpretation des Hörers. Die semantischen Repräsentationen werden schließlich in syntaktische überführt und morphologisch und phonologisch interpretiert, um in Phase drei lautlich oder orthographisch ausgedrückt zu werden.

Phase eins und zwei laufen nur mental ab. Die Informationsstrukturierung wird in Phase eins vorbereitet. Beim Eintritt in die Formulierungsphase ist bereits markiert, was – von Satz zu Satz wechselnd – die bekannte Information (Thema) ist und was sprachlich als Neuinformation (Rhema, assoziiert mit dem Fokus) strukturiert werden soll bzw. was im jeweiligen Satz zum Gegenstand der Aussage (Topik) gemacht werden kann. Diese Markierungen entscheiden im Deutschen über die Artikelwahl, die Satzgliedfolge und die Intonationsstruktur als Anzeiger der Informationsstrukturierung von gesprochenen oder geschriebenen Satzäußerungen.

Diese durch die kognitive Linguistik ermöglichte Erklärungsweise erübrigt eine „pragmatische Ebene“ in der Grammatik, die zur Beschreibung der Formulierungsvarianz behelfsweise angesetzt wurde, aber nie lokalisiert werden konnte. Ein Beispiel:

  • [Es war einmal ein alter Raubritter]F (voraussetzungsloser Einführungssatz, nur aus Neuinformation = Fokus bestehend)
  • Der (durch sprachliche Formulierung eingeführte bekannte Information, die nicht im Mitteilungszentrum steht, aber Gegenstand der Aussage = Topik ist) [hatte drei Söhne]F
  • Von ihren drei Burgen aus (über den Anker „Ritter“ in Teilen des Geschichtswissens aktivierte bekannte Information, die als Topik gleichzeitig eine Existenzbehauptung macht) beherrschten sie („sie“ = durch sprachliche Formulierung eingeführte bekannte Information, das Mitteilungszentrum) [eine wichtige Handelsstraße]F.

Anker und aktivierte Wissensbestandteile sind inferentiell verbunden.

Solange nicht kontrastiert wird, geht bekannte Information der Neuinformation voraus.

 

Vortrag am 13.6.1997
Isolde Röske (Dresden), Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse:


„Das Phosphat im Spannungsfeld zwischen Mangel und Überfluß“

Unter den Faktoren, die das Wachstum von höheren und niederen Pflanzen, aber auch von Mikroorganismen begrenzen, spielt das Phosphat weltweit eine besonders bedeutsame Rolle. Es ist in Böden und Binnengewässern größtenteils an metallische Kationen gebunden und dadurch nur in geringem Maße gelöst bzw. verfügbar. Dagegen fehlen im Tiefenwasser des Weltmeeres chemische Bindungspartner.

Phosphor ist ein lebenswichtiges Element, das nicht nur für die Bindung und Bereitstellung von chemischer Energie (als ATP), sondern auch als Baustein der Zellmembran (Phospholipide) und der Nukleinsäuren benötigt wird. In Meeresgebieten, in denen nährstoffreiches Tiefenwasser in das durchlichtete obere Stockwerk gelangt, ist die Phytoplankton- und auch Fischproduktion normalerweise sehr hoch, während die meisten Seen von Natur aus phosphorarm und geringproduktiv sind. Dementsprechend ist der Phytoplanktongehalt gering und das Wasser klar. Durch das Wachstum der Städte, Gemeinden und Industrien ist in sehr vielen Binnengewässern der P-Mangel durch einen Phosphor-Überfluß ersetzt worden. Pro Einwohner und Tag gelangen mit den Ausscheidungen mindestens 2 g Phosphor in das Abwasser und seit der Einführung der Schwemmkanalisation im ungünstigsten Falle direkt in die Gewässer. Die direkte Folge dieser anthropogenen Eutrophierung sind Massenentwicklungen von Algen oder auch höheren Unterwasserpflanzen. Die rasante Eutrophierung der Seen und Talsperren, die in den fünfziger Jahren einsetzte, wurde durch die Entwicklung stark phosphorhaltiger Waschmittel und die Verwendung von Polyphosphaten als Zusätze vieler Lebensmittel zusätzlich gefördert. Das Problem der kranken Seen ist also eine Folge des Überflusses.

Seit dem Verbot P-haltiger Waschmittel vor ca. zehn Jahren und von Lebensmittelzusätzen hat sich die Phosphorbelastung vieler Gewässer teilweise auf die Hälfte verringert. In der Zwischenzeit hat sich jedoch in den Gewässer-Sedimenten so viel Phosphor angereichert, daß diese „innere Düngung“ in vielen Fällen noch ausreicht, um den Zustand einer starken Eutrophierung aufrechtzuerhalten. Ursprünglich wurde der Phosphor ausschließlich mit Hilfe von Fällmitteln (Eisen- oder Aluminiumsalze ) dem Abwasser entzogen. Seit etwa zehn Jahren setzt sich die P-Elimination mit Hilfe von Mikroorganismen immer stärker durch. Bakterien verfügen in noch weitaus höherem Maße als andere Organismen über die Fähigkeit, Phosphat aus dem Wasser aufzunehmen und in einem ihren unmittelbaren Bedarf weit überschreitenden Maße intrazellulär als Polyphosphat zu speichern. Bei der weitergehenden biologischen Abwasserbehandlung wird das Phosphatspeichervermögen der aeroben Bakterien noch dadurch erhöht, daß man eine Streßsituation schafft, die zur weitgehenden Entleerung des P-Speichers führt. Dies geschieht durch Schaffung anaerober Bedingungen. In der anschließenden Belüftungsphase speichern die Bakterien dann sehr viel mehr Phosphat, als das unter natürlichen Bedingungen üblich ist. So können in Kläranlagen P-Ablaufwerte unter 1 mg/l erreicht werden. Bei der Phosphorelimination in Abwasserbehandlungsanlagen kommt es zu Wechselwirkungen zwischen biologischen und chemischen Mechanismen. Dabei wurde der Einfluß der Kationen wie FeH3, Al3+, Ca2+ und Mg2+, die als potentielle Bindungspartner des Phosphats in Frage kommen, untersucht. Phosphor ist ein lebenswichtiger Rohstoff, und als Phosphordünger unentbehrlich, wenn für die Ernährung der Menschen ausreichende Ernten gesichert werden sollen. Da andererseits die Weltvorräte an abbauwürdigen Phosphormineralen sichtlich knapper werden, sollte die P-reiche Überschuß-Biomasse aus Kläranlagen nicht länger als Abfallprodukt behandelt, sondern für die Produktion von Handelsdünger genutzt werden.

 

Thematische Klassensitzung am 9.5.1997
Mit einer Einleitung von Herrn Nowak und der Zusammenfassung von Herrn Kühn

1995 eröffnete die Philologisch-historische Klasse ein auf mehrere Jahre angelegtes Studien- und Diskussionsprogramm. Es steht unter der Überschrift „Wertvorstellungen in den Geisteswissenschaften“. Das Thema ist für Wissenschaften, Staat und Gesellschaft generell von Bedeutung, besitzt aber wegen der strukturellen Verwerfungen des Wissenschaftsbetriebes in den neuen Bundesländern zusätzliche Dringlichkeit. Die in den westdeutschen Debatten über Selbstverständnis und Aufgabenbereich der Geistes- und Sozialwissenschaften verwendeten Begriffe „Kulturwissenschaften“ und „Gesellschaftswissenschaften“ erzeugen auf dem Boden der ehemaligen DDR semantische Irritationen. Sie wecken Erinnerungen an die Kultur- und Gesellschaftswissenschaften der SED-Zeit. Andererseits wird die Neubestimmung der Funktion und des gesellschaftlichen Ortes der Geistes- (und Sozial-) Wissenschaftler im Horizont der gegenwärtigen zivilisatorischen Herausforderungen als dringlich empfunden.

Die thematische Klassensitzung vom 12. Mai 1995, moderiert von OM Rudolf Große und angereichert durch Diskussionspapiere der Herren OM Hans Grüß, KM Wolfram Hogrebe, OM Gotthard Lerchner, OM Kurt Nowak und OM Walter Zöllner, diente der näheren Fokussierung des Studien- und Diskussionsprogramms, das sich über einen Zeitraum von fünf Jahren hinweg entfaltet.

War Teil I des Studien- und Diskussionsprogramms unter der Leitung von OM Rolf Lieberwirth dem Thema „Macht, Recht und Moral“ gewidmet, so beschäftigte sich Teil II im Mai 1997 unter Leitung von OM Ulrich Kühn mit der Bedeutung von Religion und Glaube für den wissenschaftlichen Erkenntnisprozeß und die Praxis der Wissenschaften. Teil III (Mai 1998) widmete sich unter Leitung von OM Elke Blumenthal dem Thema „Interkulturelles Erbe (Altertums- und Orientwissenschaften )“.

Die Berichte der Themenverantwortlichen für die Teile II und III geben in gedrängter Form Auskunft über Inhalt und Verlauf der Sitzungen. Dem Bericht von OM Kühn ist ein Thesenpapier des Hamburger Physikers Hartmut Spitzer, der als auswärtiger Gast an der Veranstaltung teilnahm, beigefügt. [Kurt Nowak]

 

„Religion und Glaube als Orientierungswissen für Wissenschaft und Praxis?“

Die thematische Sitzung der Philologisch-historischen Klasse wurde im Rahmen des Studien- und Diskussionsprogramms „Wertvorstellungen in den Geisteswissenschaften“ abgehalten. Diesmal stand sie unter dem Thema „Religion und Glaube als Orientierung für Wissenschaft und Praxis?“ Es ging um die Frage, ob angesichts der heutigen Aporien, in denen sich die Menschheit und speziell unsere westlichabendländische Kultur befinden, Religion und Glaube (und also auch die Theologie) ein mögliches Orientierungspotential für die Wissenschaften bereithalten könnten. Diese Frage, die unter der Ägide eines marxistisch dominierten Verständnisses von Wissenschaft naturgemäß verneint worden war, scheint auch heute dem methodischen Selbstverständnis von Wissenschaft zuwiderzulaufen. Andererseits ist gerade in den Naturwissenschaften der Ruf zumindest nach ethischer Orientierung nicht mehr zu überhören. Die Frage wäre dann, ob dieser Ruf (mit seinen u.U. religiösen Implikationen) nur das jeweilige Anwendungsfeld einer Wissenschaft betrifft, oder ob auch der jeweilige Erkenntnisbereich selbst von dieser Orientierungsfrage betroffen ist. Es ist deutlich, daß diese Frage den geisteswissenschaftlichen Diskurs übersteigt und also im Prinzip gemeinsam von Naturwissenschaften, Technikwissenschaften und Geisteswissenschaften zu erörtern wäre.

In der Konzeption der Klassensitzung vom 9. Mai war dem dadurch Rechnung getragen worden, daß in ihr – nach einer Einleitung aus der Perspektive der Theologie (OM Ulrich Kühn, Leipzig) – neben zwei geisteswissenschaftlichen Beiträgen (Rechtswissenschaft: OM Olaf Werner, Jena); (Geschichtswissenschaft: OM Matthias Werner, Jena) zunächst zwei Vertreter aus dem Bereich der Naturwissenschaften (Medizin: OM Gottfried Geiler, Leipzig; Physik: Hartmut Spitzer, Hamburg – als Gast) zu Worte kamen. Den einleitenden Statements der genannten Disziplinen war als Doppelfragestellung vorgegeben worden:

  1. Kommt der Religion/dem Glauben für die wissenschaftliche Erkenntnis Bedeutung zu?
  2. Welche Bedeutung kommt der Religion/dem Glauben für die Praxis der Forschung bzw. die Anwendung ihrer Ergebnisse zu?

Danach wurde die Gesamtthematik in Form eines fächerübergreifenden Podiumsgesprächs erörtert, in das auch das Plenum der anwesenden Klassenmitglieder einbezogen wurde. Leider war es aus organisationspraktischen Gründen nicht möglich, die Teilnahme an dieser Sitzung generell auch den Mitgliedern der anderen beiden Klassen der Akademie anzubieten.

Die theologische Einleitung wies zunächst auf das Deutungsangebot der christlichen Theologie und des christlichen Glaubens hin, wonach Welt und Mensch nicht aus sich selbst bestehen und wonach der Mensch erlösungsbedürftig ist. Von daher kommen z.B. die grundsätzliche Grenze alles vom Menschen Leistbaren, das Problem von Schuld und Wiedergutmachung, die Ehrfurcht vor dem Leben, die Frage des Alterns, die Bewahrung der Welt als eines „Hauses“ für den Menschen, die Möglichkeit des Rechtsverzichtes um der Liebe willen, die Bedeutung von Anbetung und Einkehr in den Blick.

Der medizinische Beitrag unterstrich zunächst grundsätzlich die Ambivalenz des Fortschritts, auch in der Medizin. Er wies sodann auf die Mehrdimensionalität von „Gesundheit“ (körperlich, seelisch, sozial) hin, nannte die ethischen Probleme, die mit der Organtransplantation, der Gentechnologie, der sogenannten Apparatemedizin überhaupt gegeben sind, und verwies auf die im Grundgesetz und in der Berufsordnung der Ärzte von 1994 grundlegende Kategorie der „Würde des Menschen“.

Der Physiker verwies zunächst auf die (persönlichen) Erfahrungen des Göttlichen, das er sowohl im Prozeß der Evolution des Lebens (und in manchen rätselhaften Denkfiguren seiner Wissenschaft) wie in der bedingungslosen Offenheit von Menschen füreinander wahrnimmt. Dies hat allerdings für die wissenschaftliche Forschungspraxis als solche keine direkte Relevanz, allenfalls bei der Auswahl der Forschungsthemen. Vor allem ist es von Gewicht bei der Anwendung von Forschungsergebnissen, wo nach der Verantwortungsfähigkeit sowohl des Individuums wie der Gesellschaft zu fragen ist. Religion und Glaube können hier sinn stiftende und sinnfindende Bedeutung haben.

Aus der Sicht der Rechtswissenschaft spielen Religion und Glaube vor allem bei der Auslegung und Inanspruchnahme des Rechtes eine entscheidende Rolle. Die Präambel des Grundgesetzes mit dem Hinweis auf die Verantwortung vor Gott verweist auf die Werte und das Telos, dem das gesetzte Recht letztlich zu dienen hat, die es aber als Recht selbst nicht zureichend einholen kann.

Der Geschichtswissenschaftler war in seinem Votum zurückhaltender als die anderen Gesprächspartner. Er befaßte sich vor allem kritisch mit der Frage, ob der Historiker neben dem Versuch, geschichtliche Abläufe zu verstehen, auch Deutungen und damit Wertungen des Geschehens vorzunehmen habe. Dies letztere wäre allenfalls von seinem (subjektiven) Standpunkt aus möglich. Auch Lehrmeisterin des Lebens könne die Geschichte nur sehr bedingt sein, sofern sie nämlich ein großes Sammelbecken sei, wo für jeden etwas bereitliege. Der Historiker als Wissenschaftler könne solche Lehren selbst nicht namhaft machen.

Die sehr facettenreiche Diskussion im Podium und im Plenum machte deutlich, daß von einer Orientierung durch Religion und Glaube in der wissenschaftlichen Einzelforschung kaum die Rede sein kann (der Theologe spricht hier von einer relativen „Eigengesetzlichkeit“ der wissenschaftlichen Arbeit). Hingegen bringt der immer entscheidender werdende Anwendungsbereich (und bereits die Auswahl der wissenschaftlichen Forschungsgegenstände) die Frage nach dem leitenden Menschenbild, nach der Unantastbarkeit der menschlichen Würde, die Verpflichtung vor der nächsten Generation in den Blick und damit de facto auch den (religiösen) Horizont, in dem solche Fragen letztlich zu erörtern sind. Es wird damit auch die Verantwortung unübersehbar, die dem Wissenschaftler bei seiner Arbeit über seinen speziellen Gegenstand hinaus – und also gesamtgesellschaftlich – obliegt. Aber sogar im Erkenntnisbereich selbst weisen z.B. die auftauchenden Kategorien des Geheimnisses oder des Rätsels, ebenso auch die Unabweisbarkeit der Vornahme von Deutungen (über das objektiv Feststellbare hinaus) auf Dimensionen hin, die ihrerseits Fragen religiöser Orientierung wachrufen. Am Rahmen des Gesprächs wurde auch deutlich, daß eine Erörterung dieser ganzen Thematik mit Angehörigen anderer Kulturen und religiösen Traditionen sehr fruchtbar sein könnte. [Ulrich Kühn]

 

„Elf Thesen und Fragen

  1. Ich verstehe und erlebe Religion und Glauben als Rückbindung in einen Seinsgrund, der mich trägt und durch mein Leben begleitet. Diesen Seinsgrund spüre oder ahne ich zum Beispiel in der (gottesbildlosen) Zen-Meditation und beim Singen von Kirchenmusik. Religion und Glaube wirken als lebenslanges Motivationssystem, wenn sie früh (d.h. im Elternhaus) vermittelt und verankert worden sind. Ich bin in einem christlich geprägten Elternhaus aufgewachsen.
  2. Gott oder das Göttliche zeigen sich mir zunächst einmal apersonal – im Prozeß der Schöpfung, genauer gesagt im Prozeß der Evolution der Materie und des Lebens. Die wunderbare Vielfalt der Erscheinungen, das Zusammenwirken ganz unterschiedlicher Kräfte und die ungeheuren Dimensionen im Kosmos verlangen mir ein Staunen und manchmal auch einen Schauer ab, den frühere Generationen mit dem Heiligen und Numinosen verbunden haben mögen. Gott ist also nicht der, der den Kosmos quasi von außen schafft, sondern etwas, das sich in der Entwicklung und Vielfalt des Kosmos immer wieder manifestiert.
  3. Göttlichkeit begegnet mir aber auch in der Liebe, in der bedingungslosen Offenheit für andere Menschen, andere Lebewesen oder unbelebte Teile der Mitwelt. Diese Begegnung hat den personalen Charakter einer Ich-Du-Beziehung. Ich spüre sie – in Ansätzen – auch in lebendigen Gemeinden und den Vorbildern der christlichen Tradition bis hin zu Jesus und zu Moses. Gott erscheint mir also apersonal und personal zugleich.
  4. Physik ist eine Weltsicht, die nach den materiellen und energetischen Grundstrukturen der physischen Welt und ihren Wechselwirkungen fragt. Dabei werden letztlich nur Phänomene erfaßt, die sich mathematisch beschreiben lassen und deren Beschreibungen durch reproduzierbare Messungen verifiziert werden können. Gott, Religion oder Glaube sind daher keine Gegenstände der Physik.
  5. Gleichwohl hat die moderne Physik einige rätselhafte Denkfiguren hervorgebracht (Welle-Teilchen-Dualismus, Unschärfe-Relation, statistische Natur der Teilchenreaktionen), die es mit den Koans der Zen-Tradition aufnehmen können. Ein Physikstudium kann den Geist und das Gespür für „andere Erfahrungen“ öffnen, ähnlich wie es eine Praxis des „ständigen Übens“ vermag (etwa die Übung in verschiedenen Meditationsweisen oder im klösterlichen Stundengebet).
  6. Wissenschaftliches Entdecken und Arbeiten stützt sich – neben methodischrationalem Vorgehen – auf spielerische Suche, intuitive Verknüpfungen und „Geistesblitze“. Es kann also vorkommen, daß der persönliche religiöse Glaube für den einen oder die andere über die Intuition in den Prozeß der wissenschaftlichen Erkenntnis hineinwirkt. Es heißt zum Beispiel, daß Einstein aufgrund seines Gottesbildes („Gott würfelt nicht“) zunächst die statistische Deutung der Quantenmechanik abgelehnt hat. Trotzdem kann ich nach 35 Jahren Forschungspraxis getrost sagen: Religion und Glaube haben für die wissenschaftliche Erkenntnis und Forschungspraxis in meinem Fachgebiet, der Teilchenphysik, keine offensichtliche und nachweisbare Bedeutung. Eine Einschränkung ist dabei allerdings zu machen. Bei der Auswahl von Forschungsthemen (und bei der Forschungsfinanzierung) gehen die Werthaltungen der Beteiligten mit ein. Ich habe mich zum Beispiel vor etwa zehn Jahren bewußt entschieden, mich außer in der Teilchenphysik auch in der Rüstungskontrollforschung zu engagieren. Das verdanke ich u.a. Anstößen von Studenten des Evangelischen Studienwerkes Villigst, die mich Anfang der 1980er Jahre mit Technikkritik und einer Hinterfragung der atomaren Abschreckung konfrontierten.
  7. Das reproduzierbare Experiment der Naturwissenschaften ist der Urkeim von technisch-maschineller Produktion. Im reproduzierbaren Experiment ist die Fähigkeit zur technischen Produktion bereits angelegt. Der Drang nach einer mathematisch beherrschbaren Naturbeschreibung korrespondiert mit einer auf industrielle Technik gestützten Naturausbeutung. Es geht um Macht, Verstehensmacht und Verfügungsmacht.
  8. Bei der Anwendung von Forschungsergebnissen der heutigen Physik (und anderer naturwissenschaftlichen Disziplinen) herrschen in der Regel Zweckrationalität und Nutzenoptimierung vor, nicht Glaube und Religion. Naturwissenschaftliche Erkenntnisse werden weiterhin „primär“ als Verfügungswissen aufgefaßt. Der Mensch ist der Verfüger. Die strukturelle Verantwortungsfähigkeit und das ethische Immunsystem von Institutionen, die sich mit Anwendung von Forschungsergebnissen beschäftigen, sind chronisch unterentwickelt. Nur wenige Forschungsrichtungen, wie z.B. die Ökologie, können den Blick für ganzheitliches Denken und Verantwortung allem Lebendigen gegenüber öffnen und in der Praxis stärken. Für mich ergibt sich die Verantwortung des Naturwissenschaftlers daraus, daß seine Forschungsergebnisse angewendet werden können. Die Anwendung führt unvermeidlich zu Ambivalenzen. Die Pflicht des Naturwissenschaftlers besteht darin, sich in die Wertfindungs- und politischen Prozesse zur Bewältigung solcher Ambivalenzen einzumischen. „Politik ist die verdammte Pflicht des Physikers im Atomzeitalter“ (C. F. von Weizsäcker).
  9. In einer kulturgeschichtlichen Betrachtung fällt auf, daß die religiösen Traditionen einer Region sehr wohl Einfluß auf die Entwicklung von Naturwissenschaft und Technik gehabt haben. Natur- und Technikwissenschaften florieren beispielsweise auf dem hinduistisch-buddhistisch geprägten indischen Subkontinent, nicht aber in der arabisch-islamischen Region. Technikwissenschaften und Frühindustrialisierung entwickelten sich zuerst in protestantischen Gebieten Europas und Nordamerikas, nicht in den katholischen. Auch die Umweltbewegung ist als Gegenreaktion zur industriellen und konsumbedingten Umweltzerstörung zunächst in protestantisch geprägten Ländern entstanden. Kapitalismus und praktischer Materialismus bleiben aber eine Erblast des Protestantismus und breiten sich jetzt epidemisch über die ganze Erde aus.
  10. Welche Orientierung können nun Religion und Glaube geben? Ich glaube, wir brauchen Religion und Glauben für Sinnfindung und Sinnstiftung, für die Entwicklung und Pflege von Werten, für die Entwicklung von ethischen Immunsystemen. Das Leitbild einer nachhaltig zukunftsverträglichen Entwicklung – etwa im Sinne der Agenda 21 von Rio – wird nur Erfolg haben können, wenn die kulturelle und spirituelle Dimension voll mit einbezogen wird.
  11. Meine Fragen an die universitäre Theologie sind vor diesem Hintergrund:
  • Können Theologen einer Flechte mit derselben Kenntnis und demselben Respekt begegnen wie einem Baum oder einem Menschen? Können sie ein Atom mit derselben Wertschätzung betrachten wie ein Biomolekül?
  • Ist der Mensch als Gottes Ebenbild wirklich die Krone der Schöpfung?
  • Was wird aus Gott, wenn die Sonne erloschen und die Erde unbewohnbar geworden sein werden?
  • Jedes Teil eines natürlichen Ökosystems hat eine Rolle und trägt zum Kreislauf von Werden und Vergehen bei. Wie können wir Menschen der Mitwelt nützlich sein? Wozu sind wir gut? (K. Meyer-Abich)
  • Wie kann das ethische Immunsystem von Institutionen gestärkt werden? [Hartmut Spitzer]

 

Thematische Klassensitzung am 9.5.1997
Vortrag von Eberhard Knobloch (Berlin), Korrespondierendes Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse:


„Ingenieure der Renaissance: Schriften, Technik, Selbstverständnis“

Scharfsinn und Erfindungsreichtum waren es, denen die Ingenieure der Renaissance, das heißt des 15. und 16. Jahrhunderts, ihr Ansehen verdanken. Fünf Aspekte kennzeichnen ihre Schriften, ihre Technik und ihr Selbstverständnis.

  1. Baumeister und Ingenieur: Der typische Renaissanceingenieur war zugleich Baumeister und Künstler. Als Beispiel kann der Florentiner Filippo Brunelleschi dienen, der keine Schriften hinterlassen hat. Seinen Ruhm begründete er durch den theoretisch begründeten Bau der Kuppel des Florentiner Domes. Ein prägnantes Zeugnis vom Baugeschehen der Renaissance vermittelt Piero di Cosimos Bild vom Bau eines Doppelpalazzo.
  2. Maschine und Autor: Der Traktat zur Ingenieurkunst ist eine Schöpfung der Renaissance. Die Textbeschreibung ging mit bildlichen Darstellungen einher, um ein hinreichendes Verständnis der Maschinen zu erzielen. Die sogenannten „Maschinentheater“ des 16. Jahrhunderts gehen mit einer Wiederbelebung der Metapher vom Welttheater einher und legen von der Emanzipation der Malerei zu einer mathematischen Wissenschaft beredtes Zeugnis ab.
  3. Mathematik und Technik: Humanisten wie Regiomontan, Ingenieure wie Francesci di Giorgio Martini beklagten die mangelnde mathematische Bildung der zeitgenössischen Ingenieure. Das Lob der Mathematik bei Pacioli und Ramelli hatte keine unmittelbaren Konsequenzen für das Ingenieurwesen. Leonardo da Vinci plante eine mathematisch fundierte Lehre von Maschinenelementen, darin weit seiner Zeit vorauseilend.
  4. Archimedismus oder Was macht einen Ingenieur aus? Leit- und Identifikationsfigur der Renaissanceingenieure war Archimedes. Viele Autoren von Maschinenbüchern wählten ihn neben Vitruv und Heron zur Symbolfigur ihrer Titelblätter. Diese weisen auf vier wichtige Aspekte der Renaissancetechnik hin: unterhaltsam, nützlich, neu, wunderbar. Der Phantasie, die durch Dädalos („der Kunstreiche“) personifiziert wurde, kam eine besondere Bedeutung im Streben nach Kreativität zu.
  5. Das unmöglich Scheinende möglich machen: Der Scharfsinn der Ingenieure überwand auch scheinbar unüberwindbare Schwierigkeiten. Eine spektakuläre Leistung dieser Art war Domenico Fontanas Versetzung des Obelisken auf der römischen Piazza San Pietro im Jahre 1586.

 

Vortrag am 11.4.1997, Öffentliche Gesamtsitzung
Jürgen Werner (Leipzig), Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse:


„Brecht und das Erbe: Der Fall Sokrates“

In seinem Buch „Brechts Verhältnis zur Tradition“ hat Mittenzwei gezeigt, wie sich Brechts Auffassungen über einzelne literarische Gestalten, Werke, Autoren im Laufe seines Lebens gewandelt haben. Nicht von Mittenzwei behandelt wurde Brechts Haltung gegenüber Sokrates, einer Persönlichkeit, die – das machte den Fall in der DDR besonders interessant – auch und gerade unter Marxisten nicht unumstritten war. Immerhin hat der Stückeschreiber den griechischen Philosophen von 1918 an wiederholt erwähnt, und er hat ihm zwei kleine Geschichten gewidmet. Die ersten Nennungen des Sokrates sind neutral; sie betreffen vor allem eine Äußerlichkeit: die auffallende Nase, die in der Sokrates-Ikonographie von der Antike an immer wieder eine Rolle gespielt hat. Später zeichnet Brecht sowohl negative als auch positive Sokratesbilder. Die negative Darstellung in der Keuner-Geschichte „Sokrates“ hat zu der Auffassung geführt, Brecht habe den Sokrates „nie gemocht“. Dem steht die positive Darstellung vor allem in der Kalendergeschichte „Der verwundete Sokrates“ gegenüber. Der Widerspruch zwischen diesen beiden Gestaltungen ist um so auffälliger, als Brecht 1949 beide Geschichten nebeneinander in ein und demselben Band „Kalendergeschichten“ zum Druck brachte. Der Vortrag versucht, diesen „Fall“ zu klären.

 

Vortrag am 14.3.1997
Uwe-Frithjof Haustein (Leipzig), Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse:


„Die chronische Urtikaria – eine komplexe Störung im Dialog mit der Umwelt“

Die chronisch rezidivierende Urtikaria wird zu einem relativ kleinen Teil immunologisch durch IgE und Immunkomplex-vermittelte Reaktionen ausgelöst, häufiger durch Analgetika – nichtsteroidale Antiphologistika-Additiva im Sinne der Intoleranz sowie durch physikalische Faktoren. Ein beträchtlicher Prozentsatz bleibt jedoch ätiologisch ungeklärt. Pathogenetisch steht die Aktivierung und Mediatorfreisetzung aus Mastzellen im Vordergrund des Geschehens. Zur Diagnostik sind Anamnese, Such-Diät, Allergietestungen (Epikutan-, Prick-, Intrakutantest, RAST) sowie Provokationsverfahren, nicht zuletzt mit anaphylaktoiden Substanzen, unerläßlich. Bei über 400 Patienten wurde in 43 % nach oraler Provokation eine Intoleranz auf nichtsteroidale Antiphlogistika, Farbstoffe und Konservierungsmittel festgestellt. Therapeutisch werden Karenz und ggf. eine allergen- bzw. additivafreie Kost empfohlen, die bei 44 % der Patienten im Vergleich zu 24 % nicht so behandelter Kranker zur Erscheinungsfreiheit führte (p

 

Vortrag am 14.3.1997
Heinrich Magirius (Dresden), Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse:


„Theoretische Implikationen und die Praxis der Denkmalpflege heute“

Der Praxis der Denkmalpflege, die nach Wilfried Lipp und Michael Petzet heute von „Materialisierung, Technisierung und Juristifizierung“ gekennzeichnet ist, steht eine theoretische Konzeption gegenüber, die mit hohem ideellen Anspruch das Denkmal für die Zukunft dadurch zu retten versucht, daß sich die Denkmalpflege allein der Bewahrung der „historischen Substanz“ verpflichtet fühlt. Durch Beschränkung auf die dokumentarische Seite der Denkmale als Geschichtszeugnis wird eine entmythologisierende, aufklärende Wirkung erstrebt, das traditionelle Verständnis des Denkmals als Monument aber weithin abgelehnt.

Vortragender versucht eine kritische Würdigung der Wandlung der Praktiken und Theorien in den letzten vierzig Jahren, in denen sich im Westen und Osten Deutschlands erst nach und nach unterschiedliche Auffassungen durchsetzten. In der DDR blieben die pragmatischen Tendenzen der Nachkriegszeit weithin beherrschend, wobei eine zunächst ideologische, später existentielle Gefährdung aller Objekte erkennbar wurde. Im Westen kamen nach Abschluß der Wiederaufbauphase in den sechziger Jahren „Restauration“ und angebliche „Ideologisierung“ zunehmend in Verruf. Der immensen „Erweiterung des Denkmalbegriffes“ seit den siebziger Jahren stellte man ein Ideal bloßer Konservierung des Gegebenen und der Sicherung von Geschichtsspuren gegenüber. In der Praxis der Denkmalpflege kann aber immer seltener zwischen Konservierung, Restaurierung und Rekonstruktion deutlich unterschieden werden. Die Öffentlichkeit steht den extremen theoretischen Implikationen weithin verständnislos gegenüber. Postmoderne Strömungen heben die Möglichkeit von „Inszenierungen“ hervor, stellen aber Denkmale als „Bildungsgut“ in Frage. Diesen Entwicklungen gegenüber wird der Standpunkt vertreten, daß die Denkmale als alternative Qualitäten unserer Kultur mit einer eigenständigen Biographie begriffen werden sollten, deren kultureller Wert sich aber nur in geistiger Auseinandersetzung und im praktischen Handeln erschließt.

 

Vortrag am 14.2.1997
Reiner Groß (Chemnitz), Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse:


„Chargen mit Leuten, nicht aber Leute mit Chargen besetzen. Gedanken über die Verwaltungsstruktur in Sachsen“

Im Mittelpunkt des Vortrages stand die sächsische Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte von der Mitte des 16. Jahrhunderts bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, wobei den Bemühungen um eine zweckmäßige und effektive Verwaltung in Sachsen besondere Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Am Anfang wurden allgemeine Gedanken über die Verwaltung als ausführende Staatstätigkeit geäußert, die immer in einem konkreten Zusammenhang mit konkreten staatlichen Verhältnissen steht. Verwaltung ist mit der Tätigkeit von gut ausgebildeten und mit Fachkenntnissen ausgestatteten Menschen verbunden, die über ein ausgeprägtes Verantwortungsbewußtsein gegenüber der Verwaltungsaufgabe und der einzelnen Person als Subjekt der Verwaltung verfügen. Dies und ein angemessenes Verhältnis von Verwaltungsaufgabe zu Verwaltungsaufwand zeichnen eine zweckentsprechende Verwaltung aus. Verwaltung ist immer mit Behörden verbunden, die sich im Laufe der Jahrhunderte zu vielfältig gegliederten, an Verwaltungsebenen und Sachbereichen orientierten Behördensystemen entwickelt haben. Modeme Verwaltung und Verwaltungsstrukturen sind an der Verwirklichung solcher Prinzipien wie die Gewaltenteilung, die Trennung von Justiz und Verwaltung, die Drei-, Vier- oder Fünfstufigkeit der Verwaltungsebenen in einem Staatswesen, ein kollegialisches System oder die Einzelverantwortlichkeit erkennbar.

Verwaltung und Verwaltungs strukturen von heute sind das Ergebnis eines jahrhundertelangen Entwicklungsprozesses im Zusammenhang mit Herrschaftsausübung und Staatsbildung. Für das Territorium des heutigen Freistaates Sachsen lassen sich diese Prozesse bis in das 10. Jahrhundert zurückverfolgen. Im Verlaufe dieser Entwicklung kommt es zur Ausprägung eigenständiger Traditionen, die zum einen in der Behördenbezeichnung, zum anderen in einem eigenständig gebildeten sächsischen Beamtenstand, zum dritten in der den sächsischen Verhältnissen entsprechenden Behördenstruktur bestehen. Seit dem 16. Jahrhundert ist das weitgehend von Erfolg gekennzeichnete Bemühen festzustellen, die Behördenstruktur den jeweiligen Erfordernissen anzugleichen. Das führt zu Behördenneubildungen und erweiterten Verwaltungsstrukturen. Das trifft für die Regierungszeit von Herzog/Kurfürst Moritz und Kurfürst August ebenso zu wie für das Ende des 17. und das beginnende 18. Jahrhundert mit dem Übergang zu absolutistischen Regierungsformen. Ab 1831 erfuhr die Verwaltung des Königreiches Sachsen im Rahmen einer umfassenden Staatsreform eine gründliche Umbildung, die zu einem modernen Staatswesen führte. Das nach 1831 Geschaffene hatte bis 1933 bzw. 1945 dauerhaften Bestand. Obwohl sich nach dem Übergang der Staatsform von der konstitutionellen Monarchie zur Republik am Verwaltungsaufbau grundsätzlich nichts änderte, setzten nach 1920 Bemühungen um eine Verwaltungsreform ein, die zwischen 1927 und 1932 zu wichtigen Reformvorschlägen führten, ohne daß sie eine Verwirklichung fanden.

 

Vortrag am 14.2.1997
Elmar Peschke (Halle), Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse:


„Zur funktionellen Integration des »dritten Auges« in rhythmische Prozesse der Säugetiere“

Durch unsere Sinnesorgane wurde eine gewinnbringende Einnischung in Raum und Zeit ermöglicht. Dabei kommt dem optischen System, unserem „vornehmsten Sinn“, nicht nur bei der gnostischen, sondern auch bei der räumlichen und zeitlichen Orientierung eine ganz entscheidende Bedeutung zu. Der hochentwickelte und leistungsfähige „Sehsinn“ der Primaten stellte in der Evolution einen entscheidenden Selektionsvorteil dar, wobei sich die Bedeutung des Lichtes nicht allein auf die unverzichtbare Voraussetzung für Erkennungsmechanismen reduziert. Vielmehr synchronisiert Licht als stärkster Zeitgeber ständig unsere Lebensabläufe im Tagesund Jahresgang und nimmt koordinierenden sowie modifizierenden und damit disziplinierenden Einfluß auf alle biologischen Funktionen und physiologischen Abläufe.

Mit der Etablierung der Chronobiologie als medizinisch-biologischer Teildisziplin wurden jahrtausendealte Beobachtungen und Erkenntnisse einer wissenschaftlichen Analytik zugeführt, wobei die Frage nach einem möglichen „Zeitsinn“ oftmals in engem Zusammenhang mit der Bedeutung eines überzähligen „dritten“ Auges diskutiert wurde. Fragen wir nun danach, wie viele Augen der Mensch hat, so ist diese Frage nicht trivial, da uns bereits in der griechischen Mythologie Darstellungen mit einem mittleren oder auch zusätzlichen „dritten“ Auge begegnen. Diese Darstellungen lassen sich jedoch auf Mißbildungen oder Monster (Terata) zurückführen und haben somit keinerlei Bedeutung für die hier aufgeworfenen Fragestellungen.

Jedoch bereits in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts ordnete der geniale französische Aufklärer Rene Descartes (1596–1650) mit antizipierender Kraft dem optischen System eine epithalamische Hirnanhangstruktur zu, die Epiphysis cerebri, die von ihm als „Sitz des erkennenden Teiles der Seele“, der res cogitantes, verstanden wurde. Unsere „Lateralaugen“ standen nach seiner Ansicht in direkter Verbindung zur Epiphyse und repräsentierten so tatsächlich, wie auch heute oftmals treffend bezeichnet, das „Tor zur Seele“. Diese Epiphyse, wegen ihrer Ähnlichkeit mit einem Pinienzapfen als Pinealorgan, wegen ihrer antigonadotropen Partialfunktion als „Keuschheitsdrüse“ bezeichnet, ist tatsächlich in der aufsteigenden Wirbeltierreihe bis zur Entwicklungshöhe der Reptilien ein Lichtsinnesorgan (medianes „drittes“ Auge). Bei den Vögeln tritt ein Funktionswandel ein, die Epiphyse wird hier zum Generator biologischer Rhythmen.

Bei den Säugetieren fungiert das Pinealorgan als endokrine Drüse. Damit stellt sich die Frage, wo bei den Mammaliern Rhythmen generiert werden. Ist das Pinealorgan der Säugetiere zu einem atavistischen Organ „verkommen“ ,oder ist ihm noch eine Bedeutung im optischen System und darüber hinaus für die Rhythmogenese verblieben? Die Antwort konnte auf Grund intensiver Untersuchungen der vergangenen 20 Jahre gegeben werden. Die Säuger-Epiphyse bleibt dem optischen System funktionell verbunden, photisch gesteuerter nervaler „input“ (insbesondere der Einfluß von Katecholaminen) wird in einen hormonellen „output“ (Melatonin) umgesetzt. Die Epiphyse fungiert als neuroendokriner „transducer“ und informiert über das Verhältnis von Licht- und Dunkelzeit im Tagesverlauf (Uhrenfunktion) sowie dessen Veränderungen im Jahresverlauf (Kalenderfunktion).

Die Generierung circadianer Rhythmen erfolgt bei den Säugetieren nicht in der Epiphyse, sondern in einem hypothalamischen Kerngebiet, dem Nucleus suprachiasmaticus (NSC). Unser heutiger Kenntnisstand über Strukturen, die im Dienste der Rhythmogenese stehen, läßt sich wie folgt zusammenfassen: Die rhythmusgenerierende Bedeutung des Nucleus suprachiasmaticus, sein photischer Input von der Retina über den retinohypothalamischen Trakt (RHT), Afferenzen vom „intergeniculate leaflet“ des Corpus geniculatum laterale über den geniculohypothalamischen Trakt, Efferenzen zum Nucleus paraventricularis und weiterführende Verbindungen über das Centrum ciliospinale und Ganglion cervicale superius bis hin zum photoneuroendokrinen „transducer“ Epiphysis cerebri stellen im großen und ganzen das heute anerkannte morphologische Substrat und Kernstück dessen dar, was sich unter dem Begriff „Mechanismen der inneren Uhr“ subsumieren läßt.

Der NSC – bereits zu Beginn unseres Jahrhunderts beschrieben, aber erst seit etwa zwei Dekaden als primärer „circadian pacemaker“ anerkannt – spielt bei der Generierung von circadianen Rhythmen die entscheidende Rolle. Von besonderer Bedeutung für das Verständnis funktioneller Interaktionen zwischen diesem hypothalamischen Kern und der Epiphyse war der Nachweis von Melatonin-Rezeptoren im NSC, die auf eine funktionelle Wechselwirkung der beiden Strukturen hinweisen. Daß die Dichte der Melatonin-Rezeptoren im NSC neben einer Vielzahl anderer Funktionsmerkmale am Tage erhöht ist, während im Gegensatz dazu physiologische, biochemische und morphologische Untersuchungen eine Aktivitätserhöhung der Epiphyse während der Nacht belegen, ist mit einem inhibitorischen Melatonin-Einfluß auf den NSC als zeitbezogenes feinregulatorisches Instrumentarium vereinbar.

Sowohl morphologisch als auch hinsichtlich seiner immunhistochemisch nachgewiesenen Neuropeptid- bzw. Neurotransmitter-Ausstattung läßt sich der NSC in Subkerne gliedern. Die Pars ventrolateralis ist durch Vasoaktives Intestinales Polypeptid (VIP) und Peptid Histidin-Isoleucin hinreichend charakterisiert und wird von N-Acetylaspartylglutamat-immunreaktiven Fasern des RHT erreicht. Sie wird in engerem Zusammenhang mit der rhythmus generierenden Bedeutung des Kernes gesehen als die Arginin-Vasopressin enthaltende und nicht durch retinale Projektionen via RHT erreichte Pars dorsomedialis. Hinzu kommen für die Pars ventrolateralis Serotonin-haltige Fasern aus den Raphe-Kernen, die einen stimulierenden Einfluß auf die VIP-immunreaktiven Neurone ausüben sollen. Schließlich wird – in jüngerer Zeit besonders beachtet – ein sekundärer „input“ des NSC anerkannt. Er ist durch Neuropeptid Y enthaltende Fasern repräsentiert, die vom „intergeniculare leaflet“ des Corpus geniculatum laterale bezogen werden.

Keine topische Zuordnung gestattet eine Vielzahl weiterer nachgewiesener Neuropeptide im NSC wie z.B. Galanin, Neurotensin, Somatostatin, Substanz P oder auch Enkephalin. Besonders hervorzuheben sind ferner die nachgewiesenen ,,Sättigungspeptide“ Cholecystokinin und Bombesin, die möglicherweise Einfluß auf das benachbart liegende „Sättigungszentrum“ (Nucleus ventromedialis hypothalami, VMH) bzw. „Fraßzentrum“ (Area hypothalamica lateralis, AHL) nehmen. Funktionelle Beziehungen zwischen NSC, VMH, AHL und Epiphyse unter Berücksichtigung tages- und jahreszeitbezogener Veränderungen sind Gegenstand derzeitiger Untersuchungen.

Die bisher vorgestellten Befunde haben Gültigkeit für Untersuchungen am „Ganztier“, also in vivo-Untersuchungen, womit nicht gesagt sein soll, daß nicht auch dezentralisierte, isolierte Organe bzw. Zellen oder Zellverbände Rhythmen aufweisen können. Neben hochfrequenten Oscillationen im Sekunden- und Minutenbereich wurden in wenigen Fällen circadiane Rhythmen unter in vitro-Bedingungen an isolierten Vogel-Epiphysen, Insekten-Nervengewebe, Nebennierenrinden-Zellkulturen, Herzzellverbänden sowie Leberzellen von Säugetieren beobachtet. Eigene Untersuchungen konnten belegen, daß circadiane Rhythmen der Insulin-Freisetzung auch an isolierten pankreatischen Inseln neonater Ratten erfaßt werden können, wenn die Inseln unter „lebensnahen“ perifusionstechnischen Bedingungen gehalten werden.

Die Kenntnis über biologische Rhythmen hat sich in zunehmendem Maße als praxisrelevant herausgestellt. Funktionelle bis hin zu organischen Schäden durch häufig wechselnde Schichtarbeit, Leistungsabfall durch „jet lag“, unzeitgemäße Applikation von Cytostatika im Tagesgang und zahlreiche weitere Beispiele unterstreichen die Bedeutung von Chronobiologie und Chronopharmakologie als unverzichtbarem Bestandteil medizinischer Wissenschaft. Die Zielstellung allen medizinischen Handeins wird seit alters her darin gesehen, zur „rechten Zeit“ das "Richtige" zu tun. In Kenntnis chronobiologischer Gesetzmäßigkeiten wird diese Überzeugung des strengen Zeitbezuges erneut aktuell, was beispielsweise heißen könnte: zu Zeiten höchster Rezeptordichte oder -sensibilität die geringsten, noch voll wirksamen Dosen von Medikamenten zwecks Vermeidung von oft schweren oder tödlichen Nebeneffekten zu verabreichen. Daß bereits unsere Vorfahren in ihrer auf Empirie begründeten Lebensweisheit um diese Dinge wußten, kann man in der Bibel bei Ecclesiastes nachlesen, wo es heißt:

Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vornehmen unter dem Himmelhat seine Stunde.
Geboren werden und sterben, pflanzen und ausrotten, was gepflanzt ist, lieben und hassen, Streit und Friede hat seine Zeit.
Gott aber tut alles fein zu seiner Zeit…

 

Vortrag am 10.1.1997
Manfred Streit (Jena), Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse:


„Die Soziale Marktwirtschaft im europäischen Integrationsprozeß“

Zu Beginn wurde an eine Unterscheidung erinnert, die von wirtschaftspolitisch Handelnden selten gemacht wird, nämlich zwischen Konzeption und Praxis. Die Soziale Marktwirtschaft als Richtschnur oder Generallinie wirtschaftspolitischen Handeins beinhaltet einen konzeptionellen Anspruch. Sie erfüllt ihre Funktion erst, wenn sie von den Handelnden selbst, aber auch von einer kritischen Öffentlichkeit als Entscheidungshilfe bzw. als Maßstab für die wirtschaftspolitische Praxis herangezogen wird. Es soll erläutert werden, daß die Kluft zwischen konzeptionellem Anspruch und politischer Praxis in den vergangenen fast fünf Jahrzehnten immer größer wurde.

Dieser Befund ist bedeutsam, wenn die Soziale Marktwirtschaft im Kontext des europäischen Integrationsprozesses betrachtet wird. Dabei wurde der Frage nachgegangen, inwiefern die Konzeption half, die Position der Bundesrepublik Deutschland in diesem Prozeß zu präzisieren und zur Geltung zu bringen. Hier lautete der Befund, daß – parallel zum wirtschaftspolitischen Stilverfall in der Bundesrepublik – auch der konzeptionelle Durchsetzungswille bzw. das Durchsetzungsinteresse deutscher Politiker und Administratoren im Integrationsprozeß abnahm. Es vollzog sich ein Wandel vom marktwirtschaftlichen Konstitutionalismus zum politischökonomisch leicht erklärbaren interventionistischen Opportunismus.

Inzwischen schält sich aus wolkigen Europabekenntnissen auch in Deutschland eine Position heraus, die viel mit Vorstellungen gemeinsam hat, die in Frankreich vorherrschen. Allerdings sind sie dort nicht nur Ausdruck eines politischen Opportunismus, sondern haben eine lange konzeptionelle Tradition. Im sich verschärfenden weltweiten Standortwettbewerb gewinnt eine Abschottungsmentalität an Zuspruch. Was als wohlfahrts- oder sozialstaatliche Errungenschaft angesehen wird, soll mit Politikkartellen innerhalb der EU, und möglichst darüber hinaus, sowie europäischen Beschäftigungsprogrammen und Manipulationen des Außenwertes des geplanten Euro verteidigt werden.

Im Ausblick wurde argumentiert, daß der protektionistische Rückzug auf ein mit der Währungsunion definiertes Kerneuropa, verbunden mit weltwirtschaftlichen Großmachtträumen, kaum Erfolgschancen haben wird. Die echten Chancen liegen in einer wirtschaftlichen Neuordnung Gesamteuropas als einer weltoffenen Handeisregion. Es ist durchaus möglich, daß die Wahrnehmung dieser Chancen den politisch Handelnden erst im weltweiten Wettbewerb zwischen institutionellen Systemen aufgenötigt wird. Dabei könnte die Soziale Marktwirtschaft als Konzeption unverhofft eine Renaissance erleben, die über die reine Deklamation hinausgeht.

 

Vortrag am 10.1.1997
Gottfried Geiler (Leipzig), Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse:


„Gelenke als offene Systeme. Konsequenzen für die Pathologie der Gelenkerkrankungen“

Systeme sind Komplexe von Elementen, die untereinander in Wechselwirkung stehen. Biologische Systeme sind offene Systeme mit einer dynamischen Konstanz im Sinne eines sogenannten Fließgleichgewichts. Da biologische Systeme des Organismus unabhängig von der Organisationshöhe und den individuellen Systemeigenschaften prinzipielle gemeinsame Merkmale besitzen, werden einige wesentliche Prinzipien einer Pathologie der Systeme und Systemgrenzen an einem definierten System dargestellt, dem System der Gelenke.

Gelenke sind ein kompliziertes System morphologisch, trophisch und funktionell zugeordneter Elemente. Unmittelbar zum Gelenk gehören die artikulierenden Knochen mit dem Knorpelüberzug aus hyalinem Knorpel, die Gelenkkapsel einschließlich Synovialmembran, die Synovialflüssigkeit in der Gelenkhöhle und der verstärkende Bandapparat. Mittelbar gehören die funktionell zugeordneten Muskelgruppen zum Gelenk, welche die Bewegung realisieren. Das Kreislaufsystem und das Nervensystem sind als übergeordnete regulierende Systeme integrierte Bestandteile. Innerhalb eines Gelenkes widerspiegeln die stark vaskularisierte Synovialmembran, die Synovialflüssigkeit und der gefäßfreie hyaline Gelenkknorpel durch ihre ausgeprägten Relationen das Wesen eines Systems. Die Synovialmembran ist Produktionsstätte der Synovialflüssigkeit und Emährungsbasis des gefäßfreien Gelenkknorpels. Dieser erhält Sauerstoff und Substrate via Gelenkflüssigkeit, welche Gelenkschmiere und Medium des Stofftransportes ist. Für die Pathologie der Gelenke ergeben sich folgende Aussagen:

  1. Die Lädierbarkeit der Glieder eines offenen Systems durch pathogene Reize ist unterschiedlich. Am Gelenk bildet das Subsystem Synovialmembran – Synovialflüssigkeit – hyaliner Gelenkknorpel die Achillesferse.
  2. Pathologische Veränderungen eines Systemgliedes beeinflussen und gefährden das System als Ganzes. Primäre Schädigungen der Synovialmembran treten in der Regel als Entzündung auf (Arthritis), sie führen in Abhängigkeit vom Faktor Zeit zu sekundären Knorpelschäden. Umgekehrt ziehen primäre Knorpelschäden (Arthrose) sekundäre entzündliche Reaktionen der Synovialmembran nach sich. In bei den Fällen können weitere Bestandteile des Gelenkes, vor allem die Muskulatur beteiligt sein.
  3. Pathologische Überschreitungen der Systemgrenzen sind häufig. Sie erklären sich aus der relativen Durchlässigkeit der Systemgrenzen und der Integration übergeordneter Systeme. Als solche kommen das Kreislaufsystem und das Nervensystem in Betracht. Bakterielle Gelenkentzündungen können hämatogen entstehen, sie können aber auch umgekehrt zur Quelle einer hämatogenen Bakterienaussaat mit Abszeßbildung in verschiedenen extraartikulären Organen werden. Weitere definierte Gelenkerkrankungen finden in der Überschreitung der Systemgrenzen ihre Erklärung: z.B. die Arthritis urica als Störung des Hamsäurestoffwechsels mit Ablagerung von Hamsäurekristallen im Gelenk, das sogenannte Blutergelenk bei Hämophilie infolge von Faktor-VIII-Mangel und die tabische Arthropathie bei Überanspruchung der Gelenke durch Verlust der nervalen Kontrolle.
  4. Übergeordnete Systeme ohne strukturelle Integration in einem System niederer Ordnung besitzen unter pathologischen Bedingungen die Fähigkeit zur strukturellen Manifestation. Am Gelenk betrifft dies das Immunsystem. Bei Rheumatoidarthritis, der häufigsten entzündlichen rheumatischen Gelenkerkrankung, wird die Synovialmembran durch Zellen des Immunsystems (Lymphozyten) besiedelt. Die Synovialmembran wird zum Ort pathogener Immunreaktionen, in deren Gefolge sich schwere rezidivierende Gelenkentzündungen mit Gelenkdestruktionen entwickeln.
  5. Die Glieder eines biologischen Systems besitzen die Fähigkeit zu unreguliertem Wachstum. Unreguliertes Wachstum ist Geschwulstwachstum. Geschwülste des Gelenkes können von verschiedenen Gliedern des Systems ausgehen. Gelenktumoren bilden daher ein breites Spektrum von Geschwülsten mit unterschiedlichem biologischen Verhalten und unterschiedlicher Struktur, in der sich die imitierte Tumormatrix (Knorpel, Knochen, Muskulatur, Bindegewebe) wiederfindet. Besonderes Interesse verdienen Gelenktumoren, welche die Struktur der Synovialmembran imitieren, die sogenannten Synovialome. Für den Fall der Bösartigkeit (Synoviales Sarkom) ist die Konsequenz die Destruktion des Systems mit Überschreitung der Systemgrenzen und die Ausdehnung auf weitere Systeme durch Metastasierung.

Die an den Gelenkerkrankungen dargestellten Prinzipien der Pathologie offener Systeme tragen exemplarischen Charakter. Sie sind in ihren Grundaussagen auf andere Systeme des menschlichen Organismus übertragbar.

Termine
Öffentliche Herbstsitzung 2016 09.12.2016 16:00 - 20:00 — Bibliotheca Albertina, Beethovenstraße 6, 04107 Leipzig
Horst-Michael Prasser: Basisinnovation bei Kernreaktoren 16.01.2017 18:30 - 20:00 — TU Dresden, Festsaal des Rektorats, Mommsenstr. 11, 01069 Dresden
Forum "Offenes Land - offene Fragen" 08.02.2017 18:00 - 20:00 — Karl-Tauchnitz-Str. 1, 04107 Leipzig