Plenarvorträge 2017

Festvortrag zur Öffentlichen Frühjahrssitzung am 7. April 2017

Volker Leppin (Tübingen), Mitglied der Philologisch-historischen Klasse
Dr. theol., Professor für Kirchengeschichte an der Universität Tübingen; Ordentliches Mitglied 2006, Korrespondierendes Mitglied der Philologisch-historischen Klasse seit 8. Oktober 2010.
Arbeitsschwerpunkte: Hauptarbeitsgebiete: Scholastik und Mystik im späten Mittelalter, Biographie und Theologie Luthers und Zwinglis, Religion und Aufklärung.

 

Umkehr und Neubeginn. Mystische Spuren in den reformatorischen Bewegungen Mitteldeutschlands

Immer deutlicher wird, dass die Mystik des späten Mittelalters für Luthers reformatorische Entwicklung hohes Gewicht besaß: Es war die Lektüre des Mystikers Johannes Taulers und der gleichfalls dem 14. Jahrhundert entstammenden „Theologia deutsch“, die für ihn in den Jahren 1515/16 wichtige Erkenntnisse zum Verständnis der Buße brachten. Vor diesem Hintergrund entstand sein Protest gegen den Ablass, den er am 31. Oktober 1517 äußerte. Angesichts dessen, dass Thomas Müntzer und Andreas Karlstadt aus denselben mystischen Wurzeln andere Konsequenzen für die Reformation zogen als Luther selbst, trennten sich bald die Wege – und Luther entwickelte tiefe Skepsis gegenüber einer nicht durch die Bibel kontrollierten Mystik. Der Impuls aber, den die Mystik gebracht hatte, blieb auch im Luthertum lebendig, sowohl in Gestalt von Abweichungen wie bei Jakob Böhme in Görlitz als auch durch Integration in die lutherische Orthodoxie wie bei dem zeitweiligen Quedlinburger Pfarrer Johann Arndt.

 

Vortrag am 10.3.2017

Manfred Wendisch (Leipzig), Mitglied der der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse
Dr. rer. nat., Professor für Meteorologie an der Universität Leipzig, Direktor des Leipziger Instituts für Meteorologie und Leiter der „Arbeitsgruppe Atmosphärische Strahlung“, Ordentliches Mitglied der  Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse seit 11. Februar 2011.

Klimaänderungen in der Arktis – Was geht uns das an?

Innerhalb der letzten 25 Jahre wurde ein bemerkenswerter Anstieg der bodennahen Lufttemperatur in der Arktis beobachtet, welcher zwei bis dreimal stärker ist, als im Vergleich zur globalen Erwärmung. Dieses Phänomen wird als „Arktische Verstärkung" bezeichnet. Die erhöhte Erwärmung in der Arktis geht einher mit dramatischen Veränderungen einer Vielzahl von weiteren Klimaparametern. Beispielsweise wurde von Satelliten aus beobachtet, dass sich das arktische Meereseis in den letzten 30 Jahren signifikant zurückgezogen hat. Allerdings können numerische Klimamodelle diesen Rückgang immer noch nicht korrekt reproduzieren. Es ist daher zwingend erforderlich, den Ursprung dieser und weiterer Unstimmigkeiten in den Klimamodellen zu erkennen und die Beschreibung der arktischen Klimaentwicklung durch diese Modelle zu verbessern.
Im Vortrag werden mögliche Schlüsselprozesse erläutert, welche wesentlich zur Arktischen Verstärkung beitragen können. Insbesondere werden Probleme bei der Beschreibung von Energieflüssen, Effekte von Wolken sowie mögliche Fernwirkungen der Klimaänderungen in der Arktis auf das Wetter in mittleren Breiten diskutiert.
Insbesondere tiefe (< 3 km Höhe) Wolken spielen eine besondere Rolle im Arktischen Klimasystem. Im Gegensatz zu den mittleren Breiten wirken tiefe Wolken in der Arktis hauptsächlich erwärmend auf die untere Atmosphäre. Das liegt an den konkreten Umgebungsbedingungen in der Arktis. Dazu gehören ein hauptsächlich tiefer Sonnenstand, das zeitweise Fehlen von Sonneneinstrahlung (Polarnacht), eine gewöhnlich hohe Bodenreflexion durch Schnee und Eis, sowie oftmals sehr niedrige atmosphärische Grenzschichthöhen. Diese besonderen Verhältnisse bedingen in der Regel eine Verstärkung der globalen Erwärmung in der Arktis. Weiterhin existieren in der Arktis sehr häufig Mischphasenwolken, die gleichzeitig flüssige Wolkentropfen und Eiskristalle enthalten, und ebenfalls zu einer zusätzlichen Erwärmung beitragen. Im Vortrag wird das Zusammenspiel dieser Faktoren mit weiteren Klimaparametern (Meereseisbedeckung, Wasserdampf, Aerosolpartikeln) erläutert; weiterhin werden offene Fragen zu entsprechenden komplexen Rückwirkungen diskutiert.

 

Vortrag am 10.3.2017

Hans Wiesmeth (Dresden), Mitglied der Technikwissenschaftlichen Klasse
Dr. rer. pol. habil., em. Professor für Volkswirtschaftslehre an der Technischen Universität Dresden; Mitglied der Technikwissenschaftlichen Klasse seit dem 13. Februar 2004, Präsident der SAW seit 1. Januar 2016;
Arbeitsschwerpunkte: Allgemeine Gleichgewichtstheorie, Allokationsansätze, Allokationsmechanismen für öffentliche Güter, insbesondere auch im Umweltbereich, Umweltökonomie in Theorie und Praxis.

(Leere) Getränkeverpackungen in Georgien – Design einer Umweltpolitik

Leere Glas- und Plastikflaschen sind aus Sicht des Getränkekonsumenten „Abfall“, den es zu entsorgen gilt. Problematisch ist dabei, dass die Entsorgung aus Sicht des Konsumenten noch keineswegs die Entsorgung aus gesamtstaatlicher Sicht bedeutet.
In Georgien, einem Transformationsland mit noch sehr niedrigem Pro-Kopf-Einkommen, enden Getränkeverpackungen meist auf mehr oder weniger offiziellen Müllhalden, nicht selten bleiben sie in der Umwelt liegen, ein systematisches Recycling gibt es nicht.
Vor allem durch die Assoziierung mit der EU ist das Land angehalten, die Umweltgesetze an die Vorgaben der EU anzupassen und vor allem zu implementieren. Dies führt zu einer ganzen Reihe von Herausforderungen, die bei den gesetzlichen Regelungen zu beachten sind:

  • Das niedrige Umweltbewusstsein trägt erheblich zur Verschmutzung der Umwelt bei und führt zu einer geringen Zahlungsmentalität in Bezug auf die Abfallgebühren.
  • Die technische Infrastruktur des Abfallsystems ist nur in den größeren Städten grundlegend vorhanden; eine Abfallsortierung an der Quelle erfolgt meist nicht.
  • Die für die Getränkeverpackungen geplanten Maßnahmen sollten zu gegebener Zeit erweiterbar sein, beispielsweise auf alle Verpackungsabfälle oder Elektronikschrott.

Im Vortrag wird eine auf Länder wie Georgien zugeschnittene Umweltpolitik entwickelt. Sie beruht auf dem Konzept der „Erweiterten Herstellerverantwortung“. Aus ökonomischer Sicht soll dieses Konzept die Funktion eines „vernünftigen“ Allokationsmechanismus für die betreffenden Umweltgüter übernehmen, hier also für die leeren Getränkeverpackungen.
Eine „vernünftige“ Behandlung des Themas aus gesamtstaatlicher Sicht verlangt eine Reduzierung des Verpackungsaufkommens und impliziert die „Abfallhierarchie“, welche die Vermeidung des Abfalls an erste Stelle setzt. Erst danach kommen die Weiterverwendung sowie das Recycling.
Es ist offensichtlich, dass diese Form der Umweltpolitik auf die Mitwirkung sowohl der Konsumenten als auch der Produzenten angewiesen ist. Es gilt also, sie angemessen in die Maßnahmen einzubinden. Die betreffenden Instrumente und deren Verlinkung werden im Vortrag erläutert. Dabei ist darauf zu achten, dass eine reine Gebots- und Verbotspolitik (Auflagenpolitik) nicht zielführend sein wird. Es ist weder organisatorisch noch politisch möglich, das Umweltverhalten einer großen Zahl von Konsumenten zu überwachen und zu kontrollieren. Demnach ist über geeignete Rahmenbedingungen nachzudenken, die das Verhalten der ökonomischen Akteure geeignet beeinflussen. Abschließend wird die finanzielle Umsetzbarkeit dieser Regelungen für Georgien genauer betrachtet. Vergleiche mit anderen umweltpolitischen Maßnahmen, auch in anderen Ländern (Deutschland, Österreich, Bulgarien), runden den Vortrag ab. Die Komplexität von Allokationsmechanismen jenseits des bekannten Marktmechanismus wird ersichtlich.

 

Vortrag am 10.2.2017

Pirmin Stekeler-Weithofer (Leipzig), Mitglied der Philologisch-historischen Klasse

Dr. phil., Gründungsprofessor für Theoretische Philosophie an der Universität Leipzig seit 1992, 2008-2015 Präsident der Sächsischen Akademie Wissenschaften zu Leipzig. Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse seit 9. Januar 1998;
Arbeitsschwerpunkte systematisch: Logik und Philosophie der Sprache, des Wissens und der (mathematischen) Wissenschaften; geschichtlich: besonders Platon, Kant, Hegel, Heidegger und Wittgenstein.

Framebreaking. Warum die Geschichte der großen Ideen immer wieder neu rekonstruiert werden muss

„Nihil magis praestandum est, quam ne pecorum ritu sequamur antecedentium gregem“: „Nichts ist wichtiger als nicht nach Art des Viehs der Herde der Vorangehenden zu folgen.“ (Seneca, De Vita Beata, Motto von Kants „Wahre Schätzung der lebendigen Kräfte“).
Wissenschaft ist, wie z.B. Richard Rorty und Michel Foucault im Nachgang zu Hegel und Heidegger wissen, nicht fortschreitende Entdeckung von Neuem im Sinn einer Abbildung von bloß empirischen Einzeltatsachen, sondern Entwicklung allgemeinen, typischen Wissens mit vielfältigen Anwendungen. Nicht nur in den Geisteswissenschaften stellt sich diese Entwicklung als kooperativer Streit um die je zu einer Zeit bestmögliche Kanonisierung generischer Urteils- und Schlussformen dar. Nach der Instituierung der Resultate wird der Streit vergessen. Die Schüler lernen Wahres, ohne zu wissen, dass es bloß Resultat ist. Naturgesetze sind z.B., wenn wir sie weder idealisieren noch verdinglichen, sondern robust als das nehmen, wie sie in Lehrbüchern stehen, entsprechende Setzungen. Das gilt auch für die kanonisierte Geschichte der Ideen und des Wissens, wie sie sich die Disziplinen über sich erzählen und in einer Wissenschaftsgeschichte, wenn sie ihre Aufgabe erfüllt, modifiziert oder revidiert werden. Das für selbstverständlich Gehaltene muss in der Tat immer wieder neu befragt werden, sodass Philosophie als das Selbstbewusstsein gelehrten Wissens wie Robert Nozick und lange zuvor schon Platon und Sokrates sagen, eine Art framebreaking zur Aufgabe hat, also die Destruktion allzu eingefahrener Denkweisen. Die wissenschaftliche Aufklärung als Aufklärung vermeintlichen Wissens über sich selbst beginnt daher nicht etwa erst im 18. Jahrhundert in Kritik an einer seit dem Mittelalter von Theologie und Religion beherrschten Lehrpraxis, sondern spätestens mit dem provokativen Satz des Heraklit „Die Sonne ist so breit wie ein Menschenfuß“. Nur der Unbedarfte wird den Satz wörtlich als Meinung eines noch archaischen Autors lesen. Heraklit kritisiert in unübertroffen lakonischem Sarkasmus die Torheit derer, die noch an Helios und einen Sonnenwagen glauben. Man muss ein wenig selbst nachdenken, um zu erkennen, dass die Sonne, die morgens weit hinter Persien aufgeht, riesig sein muss. Der ‚thaletische‘ Strahlensatz zeigt ja, wie die Linien verlaufen, wenn die Sonne durch den Daumen oder dann durch den Fuß bei ausgestrecktem Bein verdeckt wird.

 

Vortrag am 10.2.2017

Manfred Curbach (Dresden), Mitglied der Technikwissenschaftlichen Klasse

Dr.-Ing., Professor für Massivbau an der Technischen Universität Dresden, Gewinner des Deutschen Zukunftspreises 2016; Ordentliches Mitglied der Technikwissenschaftlichen Klasse seit 12. Februar 2016;
Arbeitsschwerpunkte: Massivbau, Textilbeton, Materialverhalten von Betonen, Schädigungsverhalten von Beton.

Faszination Carbonbeton – sparsam, schonend, schön

Innerhalb des vergangenen Jahrhunderts hat sich Stahlbeton zu dem am häufigsten verwendeten Baumaterial entwickelt. Dieser flexibel einsetzbare Verbundbaustoff dominiert das Baugeschehen im Hoch-, Tief- und Ingenieurbau. Stahlbeton weist jedoch eine entscheidende Schwäche auf: der Bewehrungsstahl, welcher die Zugfestigkeit des ansonsten spröden und wenig zugfesten Betons sicherstellt, kann korrodieren. Dadurch bleibt die Lebensdauer der Bauwerke durch korrosionsfördernde Umweltbedingungen in vielen Fällen hinter den Erwartungen zurück. Im Brückenbau führt dies beispielsweise dazu, dass viele der rund 120.000 Brücken in Deutschland in den nächsten Jahren instand gesetzt werden müssen. Der damit verbundene Kostenaufwand ist immens. Allein durch Umleitungen und Staus durch Brückenüberfahrtsbeschränkungen entsteht in Deutschland jährlich ein volkswirtschaftlicher Schaden von ca. 2 Milliarden Euro. Diese durch eine verkürzte Lebensdauer entstehenden Kosten sind inakzeptabel und langfristig nicht tragbar. Heute und in Zukunft entsteht damit bei vielen Bauwerken ein hoher Bedarf an Instandsetzungsmaßnahmen, die eine lange Lebensdauer gewährleisten müssen.

Unsere Lösung ist ein neuartiger Baustoff: Carbon Concrete Composite (kurz: C³ oder Carbonbeton), bei dem der herkömmliche Stahl durch Carbon ersetzt wird. Die Substitution des schweren, korrosionsempfindlichen und deshalb extra zu schützenden Materials Stahl durch das dauerhafte, leichtere und zudem zugfestere Material Carbon führt zu einer neuen Art zu konstruieren und zu bauen. In Anbetracht einer längeren Lebensdauer der Bauwerke sinkt der Energieverbrauch und der CO2-Ausstoß wird halbiert. Gerade vor dem Hintergrund, dass das Bauwesen weltweit für 50 % des Ressourcenverbrauchs verantwortlich ist und dass die Nutzung der Bauwerke 40 % des Gesamtenergieverbrauchs auf der Welt in Anspruch nimmt, sind die Herausforderungen des Klimawandels und Umweltschutzes ohne essentielle Veränderungen im Bauwesen nicht zu realisieren.

Durch die Korrosionsbeständigkeit des Carbons kann die für den Stahl so notwendige dicke Schutzschicht aus Beton wesentlich dünner sein, ohne dass das Bauteil an Stabilität einbüßt. Dies führt zu einer drastischen Verminderung des Rohstoffbedarfs. Ein Vergleich anhand von Fassadenplatten zeigt dies eindrucksvoll: Fassadenplatten aus Stahlbeton, die 8 cm stark wären, können mit Carbonbeton mit nur 2 cm Wandstärke ausgeführt werden. Diese Materialeinsparung von 75 % reduziert den Ressourceneinsatz sowie die Herstellungs-, Transport- und Montagekosten drastisch.

Carbonbeton hilft auch, den Wert und den Zustand der bestehenden Bausubstanz zu erhalten, denn diese stellt den größten materiellen Wert dar, den eine Volkswirtschaft besitzt. Durch eine Instandsetzung oder Anpassung an neue Nutzungsanforderungen können Bauwerke viele Jahrzehnte weitergenutzt werden. Die Verstärkung von Bauwerken mit Carbonbeton bietet bereits heute eine wirtschaftliche und ressourcenschonende Alternative zum Stahlbeton. Mit Schichtdicken von 10 bis 20 mm wird bspw. bei der Verstärkung von Decken das Eigengewicht nur minimal erhöht – bei gleichzeitiger Anhebung der Tragfähigkeit. Demgegenüber bleiben die räumlichen Verhältnisse (lichte Raumhöhe, Raumvolumen) weitgehend unverändert. Im Denkmalschutz kann die optische Wirkung sichtbarer Bauelemente gewahrt bleiben. Der neuartige Materialverbund aus Carbonfasern und Hochleistungsbeton ist sparsam – schonend – schön. Carbonbeton spart Energie, schont Ressourcen und ermöglicht durch die flexible Formbarkeit neue Perspektiven für eine neue Art des Bauens.

 

Vortrag am 13.1.2017

Edeltraud Günther (Dresden), Mitglied der Technikwissenschaftlichen Klasse

Dr. rer. pol., Professorin für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Betriebliche Umweltökonomie; Ordentliches Mitglied der Technikwissenschaftlichen Klasse seit 14. Februar 2014;
Arbeitsschwerpunkt: ökonomisch-ökologische Optimierung in Organisationen.

 

Rechnet sich Nachhaltigkeit?

Am 21. September 2016 wurde der Regierungsentwurf des Gesetzes zur Stärkung der nichtfinanziellen Berichterstattung der Unternehmen in ihren Lage- und Konzernlageberichten (CSR-Richtlinie-Umsetzungsgesetz) veröffentlicht, um die Richtlinie 2014/95/EU in deutsches Recht umzusetzen. Das Gesetz betont die Bedeutung nichtfinanzieller Informationen: „Unternehmen werden heute zunehmend nicht mehr nur nach ihren Finanzdaten bewertet und befragt. Sogenannte nichtfinanzielle Informationen zu Themen wie die Achtung der Menschenrechte, Umweltbelange oder soziale Belange bilden einen immer wichtigeren Bereich der Unternehmenskommunikation. Investoren, Unternehmen sowie Verbraucherinnen und Verbraucher verlangen insoweit vor allem mehr und bessere Informationen über die Geschäftstätigkeit von Unternehmen, um zu entscheiden, ob sie investieren, Lieferbeziehungen eingehen oder Produkte erwerben und nutzen. … Gleichzeitig sind nichtfinanzielle Faktoren schon heute wichtige unternehmensinterne Entscheidungsfaktoren, etwa wenn es um die Risikobetrachtung geht.“ Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob und wenn ja, wie sich Nachhaltigkeit rechnet.

Der Vortrag geht am Beispiel des Umweltkapitals dieser Frage nach, die seit mehr als 40 Jahren in empirischen Studien untersucht wird. Auch wenn Metaanalysen insgesamt einen statistisch signifikanten positiven Gesamteffekt nachweisen (Endrikat, Hoppe, Günther 2014) und somit Ergebnisse früherer Metaanalysen zum Zusammenhang von CSR und finanzieller Leistung bestätigen konnten (Margolis, Elfenbein, Walsh 2007 und Orlitzky, Schmidt, Rynes 2003), gelten die Forschungsergebnisse noch immer als inkonsistent und die ob-Frage scheint offen. In der Konsequenz werden regelmäßig neue Einzelstudien veröffentlicht.

Doch wie lassen sich die unterschiedlichen Wirkrichtungen erklären? Die betriebswirtschaftliche Theorienlandschaft bietet verschiedene Erklärungsansätze für die Wirkrichtung „Umweltleistung wirkt auf ökonomische Leistung“: Theorien wie die Stakeholdertheorie (Freeman 1984) oder der Natural Resource Based View (Hart 1995) erklären, wie die Ökologieorientierung zur Wertschöpfung beitragen kann, wohingegen die Vertreter der Trade-off Hypothese (Friedman 1970) einen inhärenten Zielkonflikt zwischen Ökologieorientierung und finanzieller Leistung sehen, da Ressourcen in nicht produktive Tätigkeiten gelenkt werden. Die Betrachtung der anderen Wirkrichtung „ökonomische Leistung wirkt auf Umweltleistung“ wird durch die Slack Resources Theorie (Bowen 2002) erklärt: Unternehmen, die finanziell gut aufgestellt sind, können sich Ökologieorientierung leisten. Dagegen argumentieren die Vertreter der Opportunismusthese (Preston, O´Bannon 1997), dass die Anreizsysteme in den Unternehmen meist so ausgelegt sind, dass langfristige Investitionen wie sie durch eine Ökologieorientierung meist erforderlich werden, nicht attraktiv sind. Kombiniert können die unterschiedlichen theoretischen Erklärungsansätze zu einem Teufelskreis oder einem Tugendkreis, aber auch zu einem wechselseitigen Ausgleich führen. Und so zeigt auch ein Blick in die Theorien: es kommt darauf an, welcher Zusammenhang untersucht wird. Haben wir heute über Ullmanns Zustandsbeschreibung: „empirical data in search of a theory“ (Ullmann, A.A. 1985) hinaus umfassendere Erkenntnisse? Ja, wir wissen, dass der positive Zusammenhang überwiegt.

Doch was lernen wir aus diesem Stand der betriebswirtschaftlichen Forschung für die technikwissenschaftliche Forschung? In der Forschung und in der betrieblichen Praxis sollten wir unseren Blick von der Frage „Rechnet sich Nachhaltigkeit?“ hin zur Frage „Wie rechnet sich Nachhaltigkeit?“ wenden. Denn die Vielzahl der empirischen Studien mit nicht signifikanten Ergebnissen zeigt, dass Nachhaltigkeit kein Selbstläufer ist. Für jede einzelne unternehmerische Entscheidung ist zu überlegen, wie diese so nachhaltig gestaltet werden kann, dass sie sich rechnet. Die betriebswirtschaftliche Forschung hat über die letzten 40 Jahre einen großen Instrumentenkasten (Günther, Stechemesser 2011) entwickelt, auf den zur Umsetzung dieses Ziels zurückgegriffen werden kann.

In der quantitativen empirischen Forschung können Studien die Frage „Wie rechnet sich Nachhaltigkeit?“ beantworten, wenn sie sich den Vorläufervariablen des Zusammenhangs zwischen Umweltleistung und ökonomischer Leistung widmen. In der qualitativen empirischen Forschung können Fallstudien im Detail Aufschluss über das Wie und Warum einer erfolgreichen Ökologieorientierung geben und einen Beitrag zur Theorieentwicklung leisten (Eisenhardt 1989). Aber auch Forschung zur Analyse der Barrieren für eine ökonomisch erfolgreiche Ökologieorientierung kann einen Erkenntnisfortschritt erzielen. Schließlich kann die Zeitdimension der Nachhaltigkeit, d.h. die Kurz- bzw. Langfristigkeit unternehmerischer Entscheidungen untersucht werden.

Literatur:
Bowen, F E (2002): Organizational slack and corporate greening: Broadening the debate. British Journal of Management 13(4): 305–316.
Eisenhardt, K (1989): Building Theory from Case Study Research. Academy of Management Review, Vol. 14, No. 4., Oct., 1989, 532-550.
Endrikat, J, Guenther, E, Hoppe, H (2014): Making sense of conflicting empirical findings: A meta-analytic review of the relationship between corporate environmental and financial performance. European Management Journal. Volume 32, Issue 5, October 2014, Pages 735–751.
Freeman, R E (1984): Strategic Management: A Stakeholder Approach. Boston 1984.
Friedman, M (1962): Capitalism and freedom. Chicago: The University of Chicago Press, Phoenix Books.
Friedman, M (1970): The social responsibility of business is to increase its profits. New York Times Magazine (13. September).
Hart, S L (1995): A natural-resource-based view of the firm. Academy of Management Review, 20(4): 986-986.
Günther, E, Hoppe, H, Endrikat, J (2011): Corporate financial performance and corporate environmental performance. A perfect match? Zeitschrift für Umweltpolitik und Umweltrecht, 34(3/2011): 279-296.
Günther, E, Stechemesser, K (2011): Instrumente des Green Controllings: ein Blick zurück, ein Blick nach vorn. Controlling - Zeitschrift für erfolgsorientierte Unternehmensführung. Special Grünes Controlling, 23(8/9): 417-423.
Margolis, J D, Elfenbein, H A, Walsh, J P (2007): Does it pay to be good? A meta-analysis and redi-rection of research on the relationship between corporate social and financial performance. Work-ing paper, Harvard University, Boston.
Orlitzky, M, Schmidt, F, Rynes, S (2003): Corporate social and financial performance: A meta-analysis. Organization Studies, 24(3): 403-441.
Preston, L, O’Bannon, D P (1997): The corporate social-financial performance relationship: A typology and analysis. Business and Society 36(4): 419–429.
Ullmann, A A (1985): Data in search of a theory: A critical examination of the relationship among social performance, social disclosure and economic performance of U.S. firms. Academy of Management Review, 10(3): 540-557.

 

Vortrag am 13.1.2017

Catrin Schmidt (Dresden), Mitglied der der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse

Dr.-Ing., Dekanin der Fakultät Architektur der TU Dresden, Direktorin des Institutes für Landschaftsarchitektur der TU Dresden, Professorin für Landschaftsplanung; Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse seit 13. Februar 2015.
Arbeitsschwerpunkte: Landschaftsforschung, landschaftliche Transformationsprozesse in unterschiedlichen Raum-Zeit-Gefügen, landschaftliche Folgewirkungen der Energiewende und anderer gesellschaftlicher Trends, Ausprägung städtischer Grünsysteme und Grünflächentypen.


Wald versus Park: Urbane Wälder im Kontext städtischer Grünsysteme

In den vergangenen Jahren wurden in einigen bundesdeutschen Städten gezielt auf inner­städtischen Brachflächen neue Wälder angelegt, in Leipzig z.B. im Rahmen eines Erprobungs- und Entwicklungs­vorhabens des Bundesamtes für Naturschutz. So wurde das 3,8 ha große Stadt­gärtnerei­­holz auf einer Gärtnereibrache in Stötteritz und das 5,5 ha Schönauer Holz auf der Fläche eines ehemaligen Wohnblocks in Leipzig-Grünau aufge­forstet. Darüber hinaus ist in Städten, die in den letzten 20 Jahren Schrumpfungs­prozesse erlebt haben, ein Waldzuwachs durch natürliche Sukzession zu verzeichnen: In Dresden beläuft sich der Waldzuwachs zwischen 1993 und 2014 beispielsweise auf 53 ha. Wald ist mittlerweile selbstver­ständlicher Bestandteil städtischer Lebenswelten geworden, im Gegensatz zu den Stadtwäldern von 1900 nicht mehr nur am Stadtrand, sondern auch mitten in den Kernstädten. Vor diesem Hintergrund ist zu fragen: Welche Rolle spielen urbane Wälder im Mosaik unterschiedlicher städtischer Grün­flächen­typen? Welche Chancen, aber auch Grenzen bieten sie in Abgrenzung zu Parkanlagen (hier verstanden als offenlandbestimmte, intensiv gestaltete öffentliche Grün­flächen)? Im Vortrag werden Ergebnisse verschiedener Forschungs­­projekte und Studien der Autorin zum Thema zusammengefasst. „Wald versus Park“ wird dabei im Hinblick auf drei Aspekte näher betrachtet:

1. Wald versus Park: Akzeptanz und Erholungsnutzung
Anhand von Befragungen und Zählungen wird vertiefend erläutert, dass verschiedene Alters- und Nutzergruppen unterschiedliche Präferenzen entweder für Wälder oder Parkanlagen zeigen. Die Nutzungs­intensität in Wäldern fällt signifikant geringer aus als die von Parkanlagen, während die grundsätzliche Akzeptanz urbaner Wälder der von Parkanlagen nicht nach­steht. Die Motivationen für einen Besuch und die ausgeübten Erholungsformen zeigen zwischen Parks und Wäldern sowohl Übereinstimmungen, als auch vielfältige Unterschiede. Urbane Wälder sind insgesamt nicht weniger attraktiv für die Erholung als Park­anlagen, allerdings mit einem anderen Nutzer­spektrum verbunden.

2. Wald versus Park: Ökologische Wirkungen
Anhand der durchgeführten Untersuchungen werden die positiven Wirkungen urbaner Wälder auf den Naturhaushalt, insbesondere auf das Stadtklima und den Bodenwasser­haushalt aufge­zeigt. So können urbane Wälder in hoch vulnerablen Gebieten zur Minderung von Hitzebe­lastungen am Tag beitragen, während bei Parkanlagen die nächtliche Abkühlungswirkung hervorzuheben ist. In Bezug auf die Biodiversität zeigt das empirische Material, dass urbane Wälder nicht zwangsläufig artenreicher als Parkanlagen sind. Die Anlage urbaner Wäldern auf Brachflächen stellt aufgrund der Standortbedingungen eine ganz besondere Herausforderung dar.

3.  Wald versus Park: Wirkungen auf die Stadtentwicklung
Urbane Wälder werden forstwirtschaftlich genutzt und sind demzufolge mit geringeren Anlage- und Pflegekosten als Parkanlagen verbunden. Aber auch darüber hinaus sind positive ökono­mische Effekte zu verzeichnen. So zeichnet sich beispielsweise der Sichtbereich von Wäldern und Parkanlagen durch einen geringeren Ladenleerstand gegenüber Brachflächen aus und fällt auch der Wohnungsleerstand im Umfeld von urbanen Wäldern und Parkanlagen geringer als bei Brachflächen aus.

Im Ergebnis zeigt sich, dass urbane Wälder Parkanlagen keinesfalls ersetzen können. Aber sie können eine sinnvolle Ergänzung städtischer Grünsysteme darstellen, da sie im Vergleich zu Parkanlagen ganz spezifische Potentiale und Gunstfaktoren einbringen und dazu beitragen können, städtische Grünsysteme zukunftsfähig zu gestalten.

Denkströme

Denkströme IconDas Open Access (Online-)Journal der Sächsischen Akademie der Wissenschaften:

www.denkstroeme.de

Diffusion Fundamentals

Diffusion Fundamentals IconInterdisziplinäres Online Journal für Diffusionstheorie in Kooperation mit der Universität Leipzig:
diffusion.uni-leipzig.de

Termine
Auf dem Weg in die Moderne: Die Glossierung des Sachsenspiegels und ihre Folgen 28.04.2017 11:15 - 13:00 — Karl-Tauchnitz-Straße 1, 04107 Leipzig
Wissenschaft auf unterschiedlichen Größenskalen: Schlaglichter des Jungen Forums 19.05.2017 11:30 - 13:30 — Vortragssaal, Karl-Tauchnitz-Straße 1, 04107 Leipzig