Plenarvorträge 2017

Vortrag am 13.1.2017

Edeltraud Günther (Dresden), Mitglied der Technikwissenschaftlichen Klasse

Dr. rer. pol., Professorin für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Betriebliche Umweltökonomie; Ordentliches Mitglied der Technikwissenschaftlichen Klasse seit 14. Februar 2014;
Arbeitsschwerpunkt: ökonomisch-ökologische Optimierung in Organisationen.

 

Rechnet sich Nachhaltigkeit?

Am 21. September 2016 wurde der Regierungsentwurf des Gesetzes zur Stärkung der nichtfinanziellen Berichterstattung der Unternehmen in ihren Lage- und Konzernlageberichten (CSR-Richtlinie-Umsetzungsgesetz) veröffentlicht, um die Richtlinie 2014/95/EU in deutsches Recht umzusetzen. Das Gesetz betont die Bedeutung nichtfinanzieller Informationen: „Unternehmen werden heute zunehmend nicht mehr nur nach ihren Finanzdaten bewertet und befragt. Sogenannte nichtfinanzielle Informationen zu Themen wie die Achtung der Menschenrechte, Umweltbelange oder soziale Belange bilden einen immer wichtigeren Bereich der Unternehmenskommunikation. Investoren, Unternehmen sowie Verbraucherinnen und Verbraucher verlangen insoweit vor allem mehr und bessere Informationen über die Geschäftstätigkeit von Unternehmen, um zu entscheiden, ob sie investieren, Lieferbeziehungen eingehen oder Produkte erwerben und nutzen. … Gleichzeitig sind nichtfinanzielle Faktoren schon heute wichtige unternehmensinterne Entscheidungsfaktoren, etwa wenn es um die Risikobetrachtung geht.“ Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob und wenn ja, wie sich Nachhaltigkeit rechnet.

Der Vortrag geht am Beispiel des Umweltkapitals dieser Frage nach, die seit mehr als 40 Jahren in empirischen Studien untersucht wird. Auch wenn Metaanalysen insgesamt einen statistisch signifikanten positiven Gesamteffekt nachweisen (Endrikat, Hoppe, Günther 2014) und somit Ergebnisse früherer Metaanalysen zum Zusammenhang von CSR und finanzieller Leistung bestätigen konnten (Margolis, Elfenbein, Walsh 2007 und Orlitzky, Schmidt, Rynes 2003), gelten die Forschungsergebnisse noch immer als inkonsistent und die ob-Frage scheint offen. In der Konsequenz werden regelmäßig neue Einzelstudien veröffentlicht.

Doch wie lassen sich die unterschiedlichen Wirkrichtungen erklären? Die betriebswirtschaftliche Theorienlandschaft bietet verschiedene Erklärungsansätze für die Wirkrichtung „Umweltleistung wirkt auf ökonomische Leistung“: Theorien wie die Stakeholdertheorie (Freeman 1984) oder der Natural Resource Based View (Hart 1995) erklären, wie die Ökologieorientierung zur Wertschöpfung beitragen kann, wohingegen die Vertreter der Trade-off Hypothese (Friedman 1970) einen inhärenten Zielkonflikt zwischen Ökologieorientierung und finanzieller Leistung sehen, da Ressourcen in nicht produktive Tätigkeiten gelenkt werden. Die Betrachtung der anderen Wirkrichtung „ökonomische Leistung wirkt auf Umweltleistung“ wird durch die Slack Resources Theorie (Bowen 2002) erklärt: Unternehmen, die finanziell gut aufgestellt sind, können sich Ökologieorientierung leisten. Dagegen argumentieren die Vertreter der Opportunismusthese (Preston, O´Bannon 1997), dass die Anreizsysteme in den Unternehmen meist so ausgelegt sind, dass langfristige Investitionen wie sie durch eine Ökologieorientierung meist erforderlich werden, nicht attraktiv sind. Kombiniert können die unterschiedlichen theoretischen Erklärungsansätze zu einem Teufelskreis oder einem Tugendkreis, aber auch zu einem wechselseitigen Ausgleich führen. Und so zeigt auch ein Blick in die Theorien: es kommt darauf an, welcher Zusammenhang untersucht wird. Haben wir heute über Ullmanns Zustandsbeschreibung: „empirical data in search of a theory“ (Ullmann, A.A. 1985) hinaus umfassendere Erkenntnisse? Ja, wir wissen, dass der positive Zusammenhang überwiegt.

Doch was lernen wir aus diesem Stand der betriebswirtschaftlichen Forschung für die technikwissenschaftliche Forschung? In der Forschung und in der betrieblichen Praxis sollten wir unseren Blick von der Frage „Rechnet sich Nachhaltigkeit?“ hin zur Frage „Wie rechnet sich Nachhaltigkeit?“ wenden. Denn die Vielzahl der empirischen Studien mit nicht signifikanten Ergebnissen zeigt, dass Nachhaltigkeit kein Selbstläufer ist. Für jede einzelne unternehmerische Entscheidung ist zu überlegen, wie diese so nachhaltig gestaltet werden kann, dass sie sich rechnet. Die betriebswirtschaftliche Forschung hat über die letzten 40 Jahre einen großen Instrumentenkasten (Günther, Stechemesser 2011) entwickelt, auf den zur Umsetzung dieses Ziels zurückgegriffen werden kann.

In der quantitativen empirischen Forschung können Studien die Frage „Wie rechnet sich Nachhaltigkeit?“ beantworten, wenn sie sich den Vorläufervariablen des Zusammenhangs zwischen Umweltleistung und ökonomischer Leistung widmen. In der qualitativen empirischen Forschung können Fallstudien im Detail Aufschluss über das Wie und Warum einer erfolgreichen Ökologieorientierung geben und einen Beitrag zur Theorieentwicklung leisten (Eisenhardt 1989). Aber auch Forschung zur Analyse der Barrieren für eine ökonomisch erfolgreiche Ökologieorientierung kann einen Erkenntnisfortschritt erzielen. Schließlich kann die Zeitdimension der Nachhaltigkeit, d.h. die Kurz- bzw. Langfristigkeit unternehmerischer Entscheidungen untersucht werden.

Literatur:
Bowen, F E (2002): Organizational slack and corporate greening: Broadening the debate. British Journal of Management 13(4): 305–316.
Eisenhardt, K (1989): Building Theory from Case Study Research. Academy of Management Review, Vol. 14, No. 4., Oct., 1989, 532-550.
Endrikat, J, Guenther, E, Hoppe, H (2014): Making sense of conflicting empirical findings: A meta-analytic review of the relationship between corporate environmental and financial performance. European Management Journal. Volume 32, Issue 5, October 2014, Pages 735–751.
Freeman, R E (1984): Strategic Management: A Stakeholder Approach. Boston 1984.
Friedman, M (1962): Capitalism and freedom. Chicago: The University of Chicago Press, Phoenix Books.
Friedman, M (1970): The social responsibility of business is to increase its profits. New York Times Magazine (13. September).
Hart, S L (1995): A natural-resource-based view of the firm. Academy of Management Review, 20(4): 986-986.
Günther, E, Hoppe, H, Endrikat, J (2011): Corporate financial performance and corporate environmental performance. A perfect match? Zeitschrift für Umweltpolitik und Umweltrecht, 34(3/2011): 279-296.
Günther, E, Stechemesser, K (2011): Instrumente des Green Controllings: ein Blick zurück, ein Blick nach vorn. Controlling - Zeitschrift für erfolgsorientierte Unternehmensführung. Special Grünes Controlling, 23(8/9): 417-423.
Margolis, J D, Elfenbein, H A, Walsh, J P (2007): Does it pay to be good? A meta-analysis and redi-rection of research on the relationship between corporate social and financial performance. Work-ing paper, Harvard University, Boston.
Orlitzky, M, Schmidt, F, Rynes, S (2003): Corporate social and financial performance: A meta-analysis. Organization Studies, 24(3): 403-441.
Preston, L, O’Bannon, D P (1997): The corporate social-financial performance relationship: A typology and analysis. Business and Society 36(4): 419–429.
Ullmann, A A (1985): Data in search of a theory: A critical examination of the relationship among social performance, social disclosure and economic performance of U.S. firms. Academy of Management Review, 10(3): 540-557.

 

Vortrag am 13.1.2017

Catrin Schmidt (Dresden), Mitglied der der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse

Dr.-Ing., Dekanin der Fakultät Architektur der TU Dresden, Direktorin des Institutes für Landschaftsarchitektur der TU Dresden, Professorin für Landschaftsplanung; Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse seit 13. Februar 2015.
Arbeitsschwerpunkte: Landschaftsforschung, landschaftliche Transformationsprozesse in unterschiedlichen Raum-Zeit-Gefügen, landschaftliche Folgewirkungen der Energiewende und anderer gesellschaftlicher Trends, Ausprägung städtischer Grünsysteme und Grünflächentypen.


Wald versus Park: Urbane Wälder im Kontext städtischer Grünsysteme

In den vergangenen Jahren wurden in einigen bundesdeutschen Städten gezielt auf inner­städtischen Brachflächen neue Wälder angelegt, in Leipzig z.B. im Rahmen eines Erprobungs- und Entwicklungs­vorhabens des Bundesamtes für Naturschutz. So wurde das 3,8 ha große Stadt­gärtnerei­­holz auf einer Gärtnereibrache in Stötteritz und das 5,5 ha Schönauer Holz auf der Fläche eines ehemaligen Wohnblocks in Leipzig-Grünau aufge­forstet. Darüber hinaus ist in Städten, die in den letzten 20 Jahren Schrumpfungs­prozesse erlebt haben, ein Waldzuwachs durch natürliche Sukzession zu verzeichnen: In Dresden beläuft sich der Waldzuwachs zwischen 1993 und 2014 beispielsweise auf 53 ha. Wald ist mittlerweile selbstver­ständlicher Bestandteil städtischer Lebenswelten geworden, im Gegensatz zu den Stadtwäldern von 1900 nicht mehr nur am Stadtrand, sondern auch mitten in den Kernstädten. Vor diesem Hintergrund ist zu fragen: Welche Rolle spielen urbane Wälder im Mosaik unterschiedlicher städtischer Grün­flächen­typen? Welche Chancen, aber auch Grenzen bieten sie in Abgrenzung zu Parkanlagen (hier verstanden als offenlandbestimmte, intensiv gestaltete öffentliche Grün­flächen)? Im Vortrag werden Ergebnisse verschiedener Forschungs­­projekte und Studien der Autorin zum Thema zusammengefasst. „Wald versus Park“ wird dabei im Hinblick auf drei Aspekte näher betrachtet:

1. Wald versus Park: Akzeptanz und Erholungsnutzung
Anhand von Befragungen und Zählungen wird vertiefend erläutert, dass verschiedene Alters- und Nutzergruppen unterschiedliche Präferenzen entweder für Wälder oder Parkanlagen zeigen. Die Nutzungs­intensität in Wäldern fällt signifikant geringer aus als die von Parkanlagen, während die grundsätzliche Akzeptanz urbaner Wälder der von Parkanlagen nicht nach­steht. Die Motivationen für einen Besuch und die ausgeübten Erholungsformen zeigen zwischen Parks und Wäldern sowohl Übereinstimmungen, als auch vielfältige Unterschiede. Urbane Wälder sind insgesamt nicht weniger attraktiv für die Erholung als Park­anlagen, allerdings mit einem anderen Nutzer­spektrum verbunden.

2. Wald versus Park: Ökologische Wirkungen
Anhand der durchgeführten Untersuchungen werden die positiven Wirkungen urbaner Wälder auf den Naturhaushalt, insbesondere auf das Stadtklima und den Bodenwasser­haushalt aufge­zeigt. So können urbane Wälder in hoch vulnerablen Gebieten zur Minderung von Hitzebe­lastungen am Tag beitragen, während bei Parkanlagen die nächtliche Abkühlungswirkung hervorzuheben ist. In Bezug auf die Biodiversität zeigt das empirische Material, dass urbane Wälder nicht zwangsläufig artenreicher als Parkanlagen sind. Die Anlage urbaner Wäldern auf Brachflächen stellt aufgrund der Standortbedingungen eine ganz besondere Herausforderung dar.

3.  Wald versus Park: Wirkungen auf die Stadtentwicklung
Urbane Wälder werden forstwirtschaftlich genutzt und sind demzufolge mit geringeren Anlage- und Pflegekosten als Parkanlagen verbunden. Aber auch darüber hinaus sind positive ökono­mische Effekte zu verzeichnen. So zeichnet sich beispielsweise der Sichtbereich von Wäldern und Parkanlagen durch einen geringeren Ladenleerstand gegenüber Brachflächen aus und fällt auch der Wohnungsleerstand im Umfeld von urbanen Wäldern und Parkanlagen geringer als bei Brachflächen aus.

Im Ergebnis zeigt sich, dass urbane Wälder Parkanlagen keinesfalls ersetzen können. Aber sie können eine sinnvolle Ergänzung städtischer Grünsysteme darstellen, da sie im Vergleich zu Parkanlagen ganz spezifische Potentiale und Gunstfaktoren einbringen und dazu beitragen können, städtische Grünsysteme zukunftsfähig zu gestalten.

Termine
Kolloquium: Von Weibervögten, Aktenschwänzen und Heiligenbildern 27.01.2017 11:15 - 12:15 — Karl-Tauchnitz-Str. 1, 04107 Leipzig
Forum "Offenes Land - offene Fragen" 08.02.2017 18:00 - 20:00 — Karl-Tauchnitz-Str. 1, 04107 Leipzig