Plenarvorträge 1995

 

Vortrag am 8.12.1995
Eugen Georg Woschni (Dresden), Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse:


„Barkhausens Entdeckungen und deren Einfluß auf die Entwicklung der Informationstechnik. Ein Überblick, dargestellt an typischen Beispielen“

Heinrich Barkhausen wurde am 2. Dezember 1881 in Bremen geboren. Er studierte Physik in Berlin, München und ab 1903 an der Universität Göttingen. Nach Abschluß seines Studiums und Promotion im Jahre 1906 sowie Habilitation 1910 wurde er zum 1.4.1911 zum außerordentlichen Professor an der Technischen Hochschule Dresden berufen und gründete das „Institut für Schwachstromtechnik“, das erste seiner Art in Deutschland.

Im folgenden Beitrag soll gezeigt werden, welche Auswirkungen die Entdeckungen Barkhausens auf den verschiedenen Gebieten der Schwachstromtechnik auch bereits zu seinen Lebzeiten hatten und wie diese die weitere Herausbildung neuer Wissenschaftszweige z.B. der Rechentechnik und Mikroelektronik, aber auch der Werkstofftechnik befördert haben. Damit soll zugleich anhand typischer Beispiele dargestellt werden, welche entscheidenden Auswirkungen sich für die Entwicklung von Wissenschaft und Technik ergeben haben.

Im Jahre 1917, während der Kriegsjahre, entdeckte Barkhausen einen bisher nicht bekannten Effekt, der seither seinen Namen trägt (Barkhausen-Effekt), und beeinflußte damit entscheidend die Entwicklung der Magnetwerkstoffe.

Noch heute gehört die von Barkhausen entdeckte Methode unter Einbeziehung moderner Verfahren der Signalanalyse (Spektrum, Korrelationsfunktion) zu den Standardverfahren bei der Untersuchung von Magnetisierungsproblemen. Sie war der Ausgangspunkt zur Entwicklung neuer Materialien, wie z.B. kaltgewalzter Texturbleche mit erhöhten Induktionswerten und wesentlich kleineren Ummagnetisierungsverlusten, die insbesondere in der Starkstromtechnik wegen des höheren Wirkungsgrades und der geringeren abzuführenden Verlustwärme von großer volkswirtschaftlicher Bedeutung sind.

Bereits im Jahre 1917, als Barkhausen bei der Torpedo-Inspektion in Kiel tätig war, entdeckte er zusammen mit seinem Mitarbeiter K. Kurz – Nomen est Omen – einen neuen Mechanismus zur Schwingungserzeugung, insbesondere mit kurzer Wellenlänge: die „Barkhausen-Kurz-Schwingungen“. Damit schuf Barkhausen die Grundlagen für eine Bauelemente-Familie – die sogenannten Laufzeitröhren (Klystron, Wanderfeldröhre, Magnetron) –, die auch heute noch von großer Bedeutung bei der Erzeugung hoher Frequenzen insbesondere mit großer Leistung sind. Moderne Halbleiterbauelemente, insbesondere auf der Basis von Gallium-Arsenid, sind zwar heute auch geeignet, um derartige Frequenzen zu erzeugen, jedoch nur mit relativ geringer Leistung, da es bei Halbleitern nicht gelingt, die größeren Verlustleistungen abzuführen, wie dies bei Röhren möglich ist.

Der Drang zu immer höheren Frequenzen hat seit Erfindung der Barkhausen-Kurz-Schwingungen wegen der bei höheren Frequenzen möglichen Übertragung breitbandigerer Signale unvermindert angehalten. Da man für ein Telefongespräch eine Bandbreite von ca. 3 kHz benötigt, kann man durch eine Umsetzung der Gespräche auf höhere Frequenzen mittels einer Amplitudenmodulation die einzelnen Gespräche frequenzmäßig aufeinander „stapeln“ – sogenannte Frequenzmultiplex. Inzwischen ist diese Übertragung nach analogem Prinzip durch die Digitalübertragung abgelöst worden, bei der die Nachricht in eine Folge von Spannungsimpulsen umgesetzt wird (Puls-Code-Modulation; PCM).

Genügende Bandbreite steht bei den modernen Übertragungsverfahren mit Lichtwellenleitern zur Verfügung. Allerdings lassen sich bei Lichtwellen wegen der Dämpfung in der Atmosphäre keine Übertragungen durch Abstrahlung mehr realisieren. Lichtwellenleiter aus Spezialglas sind hier heute die Lösung, und mit ihnen kann das Feld der Breitbandkommunikation mit den Möglichkeiten der Bildübertragung z.B. für Fernkonferenzen, Teletext und Telefax erschlossen werden, wie heute u.a. unter den Stichworten „Neue Dienste“, „Kabelfernsehen“ und „Multimedia“ bekannt.

 

Vortrag am 8.12.1995
Albrecht Neubert (Leipzig), Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse:


„Die Macht der Wörter“

Sprachliche Strukturen, vornehmlich lexikalische Einheiten, vermitteln in der Kommunikation nicht nur kognitive Inhalte. Sie stellen auch Wirkungsfaktoren dar, die u.U. wie physische Gewalt Macht auf Menschen ausüben können. Von der Antike bis in die Gegenwart sind zahllose Beispiele bekannt, wie Wörter in die Geschichte der Völker und in die Schicksale der Menschen eingreifen. Insbesondere am Beispiel der Kampagne der political correctness in den USA, aber auch in anderen Ländern und in Deutschland wird gezeigt, wie die „Macht der Wörter“ ausgenutzt wird und wie ihr kritisch begegnet werden kann. Damit werden neue aktuelle Gegenstände einer nicht nur am Sprachsystem, sondern am realen Diskurs orientierten modernen Sprachwissenschaft thematisiert, aber auch problematisiert.

 

Vortrag am 17.11.1995, Öffentliche Gesamtsitzung
Ernst Eichler (Leipzig), Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse:


„Sachsen und Böhmen: Deutsche und Tschechen in einer wechselvollen Nachbarschaft“

Sachsen und Böhmen werden als kulturhistorische Räume betrachtet, die durch vielfältige gegenseitige Beziehungen miteinander verbunden sind. Raum und Zeit und die ethnischen Träger, Deutsche wie Tschechen, sind besonders tragfähige Kräfte, die das deutsch-tschechische Verhältnis vom Mittelalter bis in die Neuzeit gestalteten. Für die Betrachtung dieser wechselvollen Beziehungen kann man sowohl die historische Entwicklung als auch den status quo, der mit den sächsischböhmischen Beziehungen aufs engste verbunden ist, wählen. Vor allem Kultur- und Sprachgeschichte im weitesten Sinne können die facettenreiche Geschichte der Kulturbeziehungen zwischen diesen Räumen gut erhellen. Es wird die Frage gestellt, ob die Erhellung solcher Beziehungen, die in ältester Zeit, spätestens im 10. Jahrhundert, einsetzten, die Lösung heutiger Probleme fördern kann. Der Bereich der Künste und Wissenschaften scheint besonders geeignet, das „Geben und Nehmen, das über alle Grenzen und über alle Gegebenheiten hinweggeht“ (Hans-Georg Gadamer), zu verdeutlichen. Die Geisteswissenschaften sind aufgerufen, sich an der Lösung der Probleme, die das deutsch-tschechische Verhältnis noch belasten, mit Vorschlägen zu beteiligen. Eine „offene Gesellschaft“, für die der tschechische Staatspräsident Vaclav Havel in seiner Ansprache in der Prager Karlsuniversität am 17. Februar 1995 eintrat, kann, auch unter Einbeziehung der aus der Vergangenheit überkommenen Überlieferungskomplexe, die bis heute nachwirken, und ihrer unterschiedlichen Wertung und der Konstituierung der daraus resultierenden weiterwirkenden Werte, imstande sein, diese kulturhistorischen Potenzen aktiv zu integrieren und sie für die Zukunft fruchtbar zu machen: Das gilt etwa für das Erbe des aus Böhmen stammenden, aber für Mitteleuropa schicksalhaft bestimmenden heiligen Adalbert/Vojtech, für die Bewegung der böhmischen Reformation, an der Deutsche wie Tschechen Anteil hatten und die in der hussitischen Revolution und im Tode von Jan Hus kulminierte und die sich als hussitische Tradition bis heute in differenzierten Überlieferungssträngen über die böhmische Reformation, den Barock und die böhmische Aufklärung bis in den im 19. Jahrhundert sich formierenden Nationalismus fortsetzt und selbst noch T. G. Masaryk in seinem historisch-philosophischen Schaffen beschäftigte.

Somit wird dieses kulturhistorische Geflecht im ostmitteleuropäischen Kontext, der die entscheidenden kulturhistorischen Zusammenhänge zu beachten hat und der für ein geeintes Europa einen integralen Faktor darstellt, besonders fruchtbar. Der sächsisch-böhmische Raum ist seit der hussitischen Revolution und der böhmischen Reformation, die von der deutschen Reformation sehr wohl als Vorgänger – Martin Luther berief sich mehrfach auf Jan Hus – empfunden wurde, ein Feld vielfältiger geistesgeschichtlicher Begegnungen, das weniger ethnisch (deutsch-tschechisch/sorbisch) als geistesgeschichtlich-innovativ in bezug auf die sich hier herausbildenden bleibenden Werte, wie der Rolle des Individuums im Begriffsfeld der späteren Aufklärung, zu bestimmen ist. Somit war diese Nachbarschaft gestaltend fruchtbar und konnte ethnische Kontroversen zugunsten bleibender Werte überwinden.

 

Vortrag am 13.10.1995
Egon Fanghänel (Halle-Wittenberg), Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse:


„Burckhardt Helferich. Die Chemie der Butadiensultame“

Der Lebensweg von Burckhardt Helferich (10.6.1887–5.7.1982) – Ordentliches Mitglied (1931) und später Korrespondierendes Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig und zugleich einer der letzten großen deutschen Repräsentanten der Chemie, der diese Disziplin als Einheit ihrer Teilgebiete vertreten hat – wird im Spannungsfeld zu einem der wechselhaftesten Abschnitte deutscher Geschichte dargestellt.

Als herausragender Wissenschaftler und markante Persönlichkeit schuf Burckhardt Helferich mit seinen Arbeiten zur Synthese von Di- und Oligosacchariden wesentliche Grundlagen für die gegenwärtige Renaissance des Aufbaus komplexer Zuckerstrukturen, die mit den biochemischen Funktionen von Glykoproteinen in engem Zusammenhang steht.

In seinem wissenschaftlichen Spätwerk wandte sich Burckhardt Helferich im Rahmen der Entwicklung des Psychopharmakons „Ospolot“ der Chemie cyclischer Sulfonsäureamide zu und beschrieb dabei auch erstmalig die Verbindungsklasse der Butadiensultame (1,1-Dioxo-1,2-thiazine). Auf diesen Ergebnissen aufbauend, wurden vom Referenten die elektrophile Substituierbarkeit dieser Verbindungstypen detailliert untersucht und neue Butadiensultam-Derivate für die Synthese von Heterocyc1en durch Ringsch1uß- und Ringtransformationsreaktionen genutzt. Es konnten auf diesem Wege neue Vertreter der Pyridaziniumsulfonate, Pyrido-1,1-dioxo-1,2thiazine, Pyridine und Pyrazole in einfacher Weise zugänglich gemacht werden. Der Wert dieser Verbindungen für die Synthese von Farbstoffen für Informationstechnologien sowie für potentielle Wirkstoffe wurde aufgezeigt.

 

Vortrag am 13.10.1995
Kurt Rudolph (Marburg), Korrespondierendes Mitglied der Philologisch-historischen Klasse:


„50 Jahre Nag-Hammadi-Texte und die Gnosisforschung“

Die vermutlich im Dezember 1945 in Oberägypten bei der Bahnstation Nag Hammadi gefundenen koptischen Papyrus-Bücher brachten 39 bisher unbekannte Originaltexte der antiken und frühchristlichen Gnosis zutage. Da die Quellensituation bis dahin sehr prekär war und vielfach nur aus häresiologischen Berichten bestand, wurde die Forschung auf diesem Gebiet in vielfältiger Hinsicht revolutioniert. Die alten Fragen nach Entstehung und Entwicklung der gnostischen Bewegung, besonders ihr Verhältnis zum Frühjudentum und antiken Christentum sowie zur zeitgenössischen Religions- und Philosophiegeschichte, suchen nach neuen Antworten. Auch der einzige bis heute in lebendiger Überlieferung vorhandene singuläre Quellenbestand der Mandäer im Irak und Iran wurde erst gegen Ende des 19. Jhs. und dann vor allem im 20. Jh. besser zugänglich. Es brauchte aber wieder 40 Jahre (bis 1987), ehe die (13) Nag Hammadi Codices (NHC) vollständig in einer Faksimile-Ausgabe zugänglich waren; ihre textkritische Edition ist auch heute noch im Gange. Übersetzungen und Textausgaben einzelner Schriften erschienen zwar schon vorher, waren aber oft editorisch mangelhaft. Der Fund enthält 51 Texte mit 1153 Seiten in recht unterschiedlichem Erhaltungszustand; davon sind 45 Texte eindeutig gnostisch, die übrigen wurden von den Besitzern oder Sammlern aber gnostisch verstanden. Herkunft und Charakter der Bibliothek ist noch umstritten, sicher ist nur, daß sie aus christlich-gnostischen (valentinischen?) Kreisen stammt und ursprünglich aus mehreren kleineren Sammlungen bestand. Der Fundort war zugleich ein Zentrum des frühen christlichen Mönchtums. Alle Texte sind Übersetzungsliteratur, d.h. vor allem aus dem Griechischen übertragene Schriften. Paläographisch gehören sie in das 4. Jh., ihrer Entstehung nach in das 2. und 3. Jh. n. Chr., traditionsgeschichtlich sind einige wohl noch älter (1. Jh. oder vorchristlich).

Nach dem bisherigen Stand der Untersuchung läßt sich folgendes feststellen: die Texte bilden sowohl sprachlich (dialektmäßig) als auch inhaltlich keine Einheit; man findet valentinianische, barbelognostische oder sethianische Texte neben hermetischen und nichtgnostischen. Auch literarisch finden sich alle Formen zeitgenössischer Literaturproduktion (Apokalypsen, Dialoge, Spruchsammlungen, Briefe, Traktate, Gebete, legendäre Reiseberichte bzw. Aposteltaten). Auffällig ist der breite Bezug auf die jüdische Bibel, besonders auf die Ursprungsgeschichten im ersten Mosebuch, auch neutestamentliche Literatur wird benutzt (besonders Paulusbriefe und das Johannes-Evangelium). Literarkritisch lassen sich bei einigen Texten deutlich die sekundären christlichen Bearbeitungen feststellen (z.B. im Apokryphon des Johannes und der Sophia Jesu Christi), was die alte These von der nichtchristlichen Entstehung der Gnosis bestätigte. Für die frühchristliche Theologiegeschichte sind die christologischen und trinitarischen Aussagen und Spekulationen von Bedeutung, wobei eine sichere Grenze zwischen späterer häretischer und orthodoxer Auffassung nicht zu ziehen ist. Dabei zeigt sich auch der Wert der Texte für die Philosophie der Kaiserzeit, besonders für die Geschichte des Platonismus. Ähnliches gilt für die gnostische Wirkungsgeschichte auf Mani (3. Jh.). Der durchgehende antikosmische Dualismus ist die Klammer, die die meisten Schriften zusammenhält, wozu der durchweg streng asketische (enkratische) Zug gehört. Einiges Licht fällt auch auf die bisher wenig bekannte Gemeindebildung und den kultisch-liturgischen Bereich (Taufen, Mahle, Gebete, Predigten, Seelenmessen u.a.). Die Forschung wird noch Jahrzehnte mit den Texten beschäftigt sein, ehe ein deutlicheres Bild von der Welt der antiken Gnosis gewonnen ist.

 

Vortrag am 9.6.1995
Peter Schuster (Wien), Korrespondierendes Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse:


„Evolutive Biotechnologie. Theorie, Praxis und Perspektiven“

Die molekulare Evolution wurde in den vergangenen Jahren zur Lösung biotechnologischer Probleme, insbesondere zur Erarbeitung neuer Strategien zur Herstellung von Biolmolekülen mit vorgegebenen Strukturen und Funktionen eingesetzt. Kernstücke dieser neuen Technologien sind In vitro-Replikation und Zufallssynthese von RNA- und DNA-Molekülen, mit welchen umfangreiche „Bibliotheken“ oder „Libraries“ von Genotypen angelegt werden, um aus ihnen durch Selektionsverfahren nach dem Darwinschen Prinzip geeignete Moleküle auszuwählen. Die Optimierung der Eigenschaften von Biopolymermolekülen gelingt im allgemeinen durch einige nacheinander ausgeführte Selektionszyklen. Mit Hilfe solcher der Natur „abgeschauter“ evolutiver Verfahren wurden zum Beispiel RNA-Moleküle hergestellt, welche spezifisch an vorgegebene Zielmoleküle binden. „Ribozyme“, katalytisch wirksame RNA-Moleküle, mit neuen katalytischen Funktionen wurden auf diese Art gezüchtet ebenso wie RNA-Moleküle, die gegenüber dem enzymatischen Abbau durch spezifische RNasen resistent sind. Zusätzlich gelang es, die katalytischen Eigenschaften von natürlichen Ribozymen zu verändern: Sogenannte Gruppe-I-Introns wurden darauf trainiert, DNA anstelle von RNA zu spalten.

Erfolgreiche und effiziente Anwendungen der molekularen Evolution zur Lösung von Problemen der Biotechnologie erfordern grundlegendes Verstehen der Evolutionsvorgänge. Zwei Fragen sind von fundamentaler Bedeutung:

  1. Wie können evolutive Techniken erfolgreich sein, wo doch die Zahlen möglicher Genotypen ungeheuer groß sind und daher die Chancen, einen bestimmten Genotyp zu finden, nur verschwindend kleine Wahrscheinlichkeiten haben, und
  2. wie kann es vermieden werden, daß molekulare Populationen auf lokalen Fitneßoptima von geringer Höhe landen und dort „gefangen“ bleiben?

Im Fall der Sekundärstrukturen von RNA-Molekülen können beide Fragen auf der Basis der globalen Beziehungen zwischen Sequenzen und Strukturen beantwortet werden. Im Rahmen des Vortrags wurde ein kurzer Abriß einer Theorie der molekularen Evolution gegeben, welche geeignet ist, die Optimierung von Molekülen erschöpfend zu modellieren. Im Anschluß daran wurden verschiedene Anwendungen der Theorie zum Design von Biomolekülen diskutiert.

 

Vortrag am 9.6.1995
Karl Peschel (Jena), Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse:


„Die Sueben Caesars im Lichte der Archäologie“

Caesar beschreibt im bellum Gallicum die gens der Sueben als eine germanische Großgruppe rechts des Rheins, die sich durch hohe Mobilität, beständige Aggressivität und das Streben nach Dominanz auszeichnet. Aus seiner Schilderung lassen sich einerseits stammesprägende Merkmale gewinnen, so Hinweise, die Ursprung und Gemeinschaftsformen oder Ereignisse und Vorbildwirkung betreffen. Andererseits werden mit Vorstößen, die in geringem Zeitabstand entlang der gesamten Rheinlinie erfolgen, germanische militärische Aktivitäten als solche der Sueben zusammengefaßt, die über die Stoßkraft eines Stammeskörpers der Zeit weit hinausreichen. Im Umriß sichtbar wird die Herkunft aus der Weite des Ostens, dort die Annäherung an die von den keltischen Volcae bewohnte Hercynia silva, ein Bergland, das der Geograph Strabon wenige Jahrzehnte später als suebische Mitte benennen sollte, sodann die Überlagerung westlich anschließender nationes, schließlich mit dem Datum 58 v. Chr. der späte, als einziger genauer lokalisierbare Schub einer manus Sueborum, der bei dem Versuch zerbricht, den Rhein nördlich der Mainmündung zu überschreiten.

Die Schilderung Caesars, in der sich Züge stammlicher Identität und allgemeine Barbarensicht mischen, gibt die Handhabe, Sachzeugen ausfindig zu machen, deren Träger Caesar als „suebisch“ begriffen hätte. Sie erlaubt nicht, solche Sachzeugen schlicht zu Anzeigern eines Stammes der Sueben zu erklären. Entsprechend bewegt sich die Interpretation auf einem schmalen Grat. Sie verläuft zwischen dem von außen angelegten Barbarenschema und tatsächlichen Sachzeugen eines Bundes, der von Sueben dominiert wird. Archäologisch werden drei Linien verfolgt und auf ihre Wurzeln zurückgeführt, alles im Zeitraum zwischen der Mitte des zweiten und der Mitte des ersten Jahrhunderts v. Chr.

  1. Das Vorkommen von Sachgut in fremder Umgebung. Die Aufmerksamkeit richtet sich besonders auf handgefertigte Tongefäße. Aus Siedlungen liegen Gefäße vor, die sich in Tonaufbereitung, Form und Verzierung kennzeichnend von der jeweils vorherrschenden örtlichen Tonware unterscheiden. Sie haben ihrerseits eine dichte Verbreitung zwischen Oder und mittlerer Weichsel und kennzeichnen dort die Przeworskkultur. Über mittlere Elbe, Saale und Unstrut streut diese Keramik mit abnehmender Zahl der Beispiele bis zur Wetterau und über den unteren Main.
  2. Das besondere Grabbrauchtum. Im Grab wird, abweichend von der üblichen, sehr schmalen Ausstattung, der Krieger durch die Beigabe von Lanze, Schwert und Schild hervorgehoben, zugleich ein Kontrast zwischen Mann und Frau dargestellt. Die Sitte wurzelt im Gebiet der Przeworskkultur und strahlt bis zum unteren Main aus. Auf die Urne ist verzichtet; die Bestattung erfolgt in einer Erdgrube. Beigegebene Keramik ist zertrümmert und gehört der Przeworskkultur an. Die Bewaffnung entstammt – auch in ihrer Zusammensetzung – der keltischen Latènekultur. Beigaben, die Frauen auszeichnen, lassen erkennen, daß ganze Familien in Bewegung waren.
  3. Das Verhalten zur einheimischen Grundbevölkerung. Die Träger der Latènekultur an Saale, Unstrut und Main bestatten in Urnen, oft auf der Drehscheibe gefertigten Gefäßen, westlich der Weser auch urnenlos, jeweils mit landschaftlich abweichender Ausprägung der Beigaben. Die Zeugnisse der Przeworskkultur werden vom einheimischen Brauchtum zwar umfangen, erweisen sich aber auch als prägend, so auf die Selbstdarstellung des Mannes als Krieger im Totenkult. Allmählich gehen die Neuankömmlinge in der einheimischen Bevölkerung auf. Am längsten halten sich Merkmale der fremden Keramik.

Übertragen auf die Sachzeugen der Zeit, verbirgt sich in Caesars Suebi ein Kern, der auf die mittlere Oder zurückweist. Eine Wurzel reicht dort in die Latènekultur des keltischen Südostens vor 200, die zweite kommt aus dem südlichen Bereich der Pommerschen Kultur, der seinerseits aus älteren Verbindungen zur Ostseeküste erwachsen ist. Noch im zweiten Jahrhundert v. Chr. erfolgt die Ausdehnung nach Westen. Auf dem Weg zum Rhein werden an der mittleren Elbe und an Saale und Unstrut Bevölkerungsteile mitgerissen, wie aus der Verbreitung hier heimischen Trachtzubehörs hervorgeht, das bis zur oberen Donau und zum Hochrhein streut. Sofern wir die Sueben, wie Caesar sie darstellt – beweglich, kriegerisch, machtbewußt, dabei dem Keltentum nahestehend –, in den uns überkommenen schriftlosen Quellen überhaupt zu fassen vermögen, so kann der Zugriff allein über die Zeugnisse der Przeworskkultur gelingen, und zwar von deren Inundationsgebiet im nördlichen Mittelgebirgsraum her.

 

Thematische Klassensitzung der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse am 12.5.1995


Diese Sitzung sowie die vom 10. Mai 1996 dienten der Vorbereitung bzw. der Konstituierung der Technikwissenschaftlichen Klasse.

 

Thematische Klassensitzung der Philologisch-historischen Klasse am 12.5.1995


Mit der thematischen Klassensitzung vom 10. Mai 1996 zusammengefaßt von Herrn Nowak.

 

Vortrag am 21.4.1995, Öffentliche Gesamtsitzung
Gotthard Lerchner (Leipzig), Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse:


„Regionale Identität und standard sprachliche Entwicklung. Aspekte einer sächsischen Sprachgeschichte“

Die zu der europäischen Einigung derzeit im deutschen Sprachraum parallel verlaufenden Regionalisierungsprozesse stellen die Sprachwissenschaft vor komplizierte theoretische und methodologische Fragen nach dem Stellenwert regionaler Sprachentwicklung im Rahmen gemeinsprachlicher Kommunikationskultur. Dem Regiolekt als Gesamtsystem (Diasystem) landschaftlicher Existenzweisen von Sprache kommt, so die Ausgangsthese als methodologischer Ansatz zur Lösung des Problems, in Geschichte und Gegenwart des Deutschen grundsätzlicher Eigenwert gegenüber dem Standard zu, insofern jener sich in spezifischer Weise als Traditionsträger signifikanter historischer Konstanten eines raumbezogenen kulturellen Gedächtnisses erweist und im Verlauf der individuellen Sozialisation indigener Sprecher maßgeblich an deren Identitätsbildung Anteil hat. Das begründet für die Sprachhistoriographie die Aufgabe, die Geschichte des Regiolekts – im erklärten Gegensatz zur bisher herrschenden sprachhistoriographischen Methodologie – als grundsätzlich eigenständigen Forschungsgegenstand der völlig andersartigen Erkenntnisinteressen verpflichteten Geschichtsschreibung des Standards zur Seite beziehungsweise direkt entgegenzusetzen.

Mit dieser Zielstellung arbeitet der Beitrag für den konkreten Fall einer „sächsisehen“ Sprachgeschichte drei spezifische Grundtendenzen mit manifesten Auswirkungen auf die Jahrhunderte überdauernden regiolektgeschichtlichen Traditionen des Sprechens, über diese vermittelt auf das regionale Sprachbewußtsein bzw. sozialpsychische Motivationsstrukturen der Sprecher und damit auf regionale Identifikationsprozesse heraus:

  1. die traditionsstiftende Funktion eines im spätmittelalterlichen Besiedlungsvorgang des Territoriums, dessen geographischer Lage und durch signifikante Geschichtsereignisse begründeten Transfers mit den sprachgeschichtlich konstitutiven Faktoren sprachräumliche Offenheit und großflächig wirkende interne Sprachkontaktsituationen, früh einsetzende Ausgleichsdynamik zwischen sozialvertikalen Strukturen sowie kulturell gesteuerte Expansionstendenzen;
  2. historische Konstanz und funktionale Stabilität hocheffizienter politisch-administrativer, sozioökonomischer und kultureller Kommunikationsnetze als Voraussetzung und Grundlage für ein literal wie oral breit entfaltetes, sprachgeschichtlich bemerkenswert früh ausdifferenziertes Textsortenspektrum;
  3. funktionale Polyvalenz des regiolektalen Diasystems mit der Qualität tendenzieller Standardsprachlichkeit.

Insbesondere auf Grund der systemgeschichtlich bedingten Nähe des Regiolekts zum im 18. Jh. konsolidierten nationalsprachlichen Standard erfährt der Regiolekt in dieser Zeit eine radikale Domäneneinschränkung auf alltagssprachliche Funktionsbereiche, bleibt gerade damit aber – vor allem emotional begründet – identitätsstiftend wirksam.

 

Vortrag am 10.3.1995
Volker Bigl (Leipzig), Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse:


„Weisheit des Alters oder „Zweite Kindheit“. Probleme und Ergebnisse der gegenwärtigen Alters- und Demenzforschung“

Der kontinuierliche Anstieg der mittleren Lebenserwartung der Bevölkerung in den Industriestaaten der letzten Jahrzehnte hat einen ebenso großen Anstieg der altersbedingten oder altersabhängigen Krankheiten mit sich gebracht. Während Herz-Kreislauf-Erkrankungen und maligne Tumorerkrankungen durch neue diagnostische und therapeutische Verfahren zunehmend besser behandelbar geworden sind, stellen die dementiellen Alterserkrankungen sowohl für die Betroffenen und ihre Angehörigen als auch für die Gesellschaft noch immer eine schwere Belastung dar, die sich noch weiter verschärfen wird. Die in allen Völkern sprichwörtliche „Weisheit des Alters“ wird durch die demographischen Veränderungen zunehmend – auch im öffentlichen Bewußtsein – durch die vielfältigen Formen der Abnahme der geistigen Leistungsfähigkeit und der Verlangsamung intellektueller Fähigkeiten bis zum völligen Erlöschen aller „höheren“ Hirnfunktionen verdrängt. Schon Shakespeare beschrieb diese andere Seite des Alters: „Der letzte Akt, mit dem die seltsam wechselnde Geschichte schließt, ist zweite Kindheit, gänzliches Vergessen …“ (William Shakespeare, „Wie es euch gefällt“). Dabei hat die Demenz- und Altersversorgung in den letzten Jahrzehnten immer wieder gezeigt, daß physiologisches Altern nicht notwendigerweise mit dem Verlust essenzieller Leistungen des Gehirns einhergeht, sondern daß das schwere Hirnleistungsversagen (Altersdemenz) im höheren Lebensalter zu den altersbegleitenden Krankheiten gezählt werden muß. Die Unterscheidung zum „normalen“ Alter ist in den Frühstadien der Erkrankung klinisch noch immer schwierig und dementsprechend die Diagnose erst neuropathologisch endgültig zu sichern.

Im Gegensatz zur weitverbreiteten Annahme einer Störung der Himdurchblutung als Ursache der senilen Demenz beruhen mehr als zwei Drittel der Fälle auf progressiven neurodegenerativen Veränderungen, die heute mit den seltenen, bereits im Präsenium auftretenden Fällen als Demenz vom Alzheimertyp oder als Alzheimersche Demenz (benannt nach dem deutschen Psychiater Alois Alzheimer (1864 bis 1915), der 1906 diese Fälle als erster beschrieben hat) bezeichnet werden. Die Häufigkeit dieser Erkrankung steigt nahezu exponentiell von etwa 10% der über 65jährigen Bevölkerung auf über 25 % der 85jährigen an.

Obwohl die Suche nach den pathogenetischen Mechanismen der Alzheimerschen Demenz heute einen zentralen Platz in der neurowissenschaftlichen Forschung einnimmt, sind die Ursachen der neurodegenerativen Veränderungen noch immer weitgehend unbekannt. Für einen kleinen Teil der Fälle spielen genetische Faktoren, wie Mutationen in einem Genort auf Chromosom 21, der für ein großes Zelloberflächenprotein mit noch unbekannter Funktion kodiert (Alzheimer- Vorläuferprotein, APP) eine ursächliche Rolle (familiäre Formen). Der weitaus größte Teil der Erkrankung tritt jedoch sporadisch auf. Eine Reihe weiterer Mutationen in weiteren Genorten, die Proteine unbekannter Funktion kodieren, und bestimmte Allele von Apolipoprotein E wurden als genetische Risikofaktoren identifiziert.

Auf der zellulären Ebene des Gehirns stehen Veränderungen im Stoffwechsel bestimmter Strukturproteine, im Neurotransmitter- und Energiestoffwechsel sowie in den intrazellulären Signalkaskaden im Mittelpunkt der Forschung, die über noch nicht im einzelnen bekannte Mechanismen zum Untergang von Nervenzellen durch Apoptose, d.h. durch Aktivierung genetischer Programme zur Selbstzerstörung der Zellen, fuhren. Diese neurodegenerativen Veränderungen befallen im Verlauf der Erkrankung bevorzugt bestimmte Populationen von Nervenzellen (selektive Vulnerabilität), dieser Prozeß generalisiert sich mit fortschreitender Erkrankung. Entsprechend geht die klinische Symptomatik von milden kognitiven Störungen („gutartige Vergeßlichkeit“) in den völligen Verlust der Persönlichkeit über.

Anhand von Tiermodellen gelingt es zunehmend, bestimmte zellbiologische oder funktionelle Aspekte der Krankheit abzubilden und damit die Suche nach den zugrunde liegenden Pathomechanismen und nach neuen diagostischen und therapeutischen Verfahren zu unterstützen.

 

Vortrag am 10.3.1995
Wolfram Hogrebe (Leipzig), Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse:


„Erkenntnis und Ahnung“

Ahnungen kommen in traditionellen Theorien des Erkennens – von Ausnahmen abgesehen – nicht vor. Sie sind zu flüchtig und unzuverlässig, obwohl sie – wie allgemein auch zugestanden – eine wichtige Rolle im Geburtsgeschehen eines neuen Gedankens spielen. Dieser Umstand stimuliert den Versuch des Autors, die erkenntnistheoretische Bedeutung von Ahnungen im „context“ genauer zu analysieren. So lassen sich verschiedene Formen der Ahnung unterscheiden: präsentische, diagnostische, explanatorische Ahnungen sind von Kontext- und Ereignis-Ahnungen zu unterscheiden. Im Ergebnis bestätigen diese Analysen auch Kants gelegentliche Einsicht: Ohne Ahnung gewinnen wir keine Erkenntnisse, aber Ahnungen können natürlich Erkenntnisse auch nicht ersetzen und kommen ohne sie auch nicht vor. Die wichtige Rolle der Kontext-Ahnung, durch die allein wir Anschluß an ein weiter nicht erkennbares Ganzes halten, betonen Philosophen wie Jacobi, Fries und Schleiermacher. Vor allem Schleiermacher bietet eine exquisite Analyse der Ahnung, die auch bei der Geburt von Zeichen unentbehrlich ist: Ohne Ahnung würde nichts Sinnliches zum Zeichen. Abschließend wird der Bedeutung von Ahnungen nachgegangen, wie sie in theoriefähigen Äußerungen der Dichter (Goethe, Hölderlin, Novalis, Eichendorff, Musil u.a.) greifbar ist.

 

Vortrag am 10.2.1995
Renate Hanitzsch (Leipzig), Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse:


„Können wir die Kontrastverschärfung beim Sehen erklären?“

Unser Auge sieht nicht nur Kontraste, sondern das Sehsystem verschärft die vorhandenen Kontraste, und es wird dadurch das Erkennen von räumlichen Mustern erleichtert. Wir wissen heute, daß ein Kontrastverschärfungsmechanismus schon auf der Ganglienzellebene der Netzhaut vorhanden ist, also auf der letzten Schaltstufe in der Netzhaut, ehe die Information zum Gehirn weitergeleitet wird. Diese Kontrastverschärfung funktioniert nur bei heller Beleuchtung (Helladaptation). Sie ist nicht vorhanden bei sehr geringer Beleuchtung (Dunkeladaptation). Wir können nur bei ausreichender Beleuchtung lesen.

Die Kontrastverschärfung kommt durch laterale Hemmung zustande. Die weniger wichtige Information wird unterdrückt und die wichtigere Information hervorgehoben. Die ersten Schaltstellen der Netzhaut, die laterale Hemmung bewirken, sind die Horizontalzellen. Ihre Funktion verstehen wir nur unvollständig. Ein Photorezeptor, der stark belichtet worden ist, erzeugt in einer Horizontalzelle ein elektrisches Potential, das das Potential durch eine weniger starke Belichtung in den angrenzenden Photorezeptoren unterdrückt; dadurch soll ein Beleuchtungsunterschied betont werden.

Warmblüter besitzen zwei morphologisch unterschiedliche Arten von Horizontalzellen, die A-Typen und die B-Typen. Eine unterschiedliche Funktion beider Typen ist bislang nicht bekannt. Wir haben mit Mikroelektroden die Potentiale von Horizontalzellen auf Belichtung isolierter Kaninchennetzhäute registriert, die mit einem speziellen Nährmedium umströmt werden. Das Ergebnis ist (Hanitzsch und Bligh, zum Druck in Vision Research eingereicht), daß sich die A- und B-Typen nach Dunkeladaptation unterscheiden. Nur die B-Typen zeigen die sogenannte dark suppression, d.h., nach einer längeren Dunkeladaptation haben sie nur ein kleines Potential an Belichtung und erst bei wiederholter Reizung eine deutliche und große Lichtantwort. Sie können nur helladaptiert eine laterale Hemmung ausüben und nicht dunkeladaptiert. Das würde erklären, daß die Kontrastmechanismen nur bei heller Beleuchtung vorhanden sind und nicht bei geringer Beleuchtung.

 

Vortrag am 10.2.1995
Hans Grüß Leipzig), Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse:


„Über einige Probleme im Umgang mit Musik des 20. Jahrhunderts“

Heinrich Besseler begrenzte 1959 in seiner Akademie-Abhandlung „Das musikalische Hören der Neuzeit“ den von ihm betrachteten Zeitraum mit dem 19. Jahrhundert. Dort konnte der Satz Hugo Riemanns „Musikhören ist die Betätigung logischer Funktionen des menschlichen Geistes“ prinzipielle Gültigkeit beanspruchen. Die schon seit dem Ende des 16. Jahrhunderts beobachtete partielle Identität zwischen dem aus der sprachlichen Syntax als geläufig bekannten Gebrauch eines Punktes am Satzende und einer musikalischen Schlußbildung mit Hilfe der zu einer Tonika führenden Kadenz begünstigt die hernach zunehmende Tendenz, der Musik einen Sprachcharakter zu unterstellen, den sie im Grunde als vorsprachliches Phänomen nur insofern hat, als sie in einem weitverzweigten Signalzusammenhang zwar partiell verstanden, aber als jeweils individuelles Werk nicht übersetzt werden kann. Die historisch als Einzelne registrierbaren Werke in dem von Besseler betrachteten Zeitraum beruhen auf der Kombination von musikalischen Einzelerscheinungen, welche die von Riemann konstatierte Logik und in weiterem Sinne die Formkategorien der Musik des 17. bis 19. Jahrhunderts ausbilden.

Jedoch löst sich gegen Ende des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts diese Basis infolge der Wirkung des ihr immanenten Entwicklungspotentials in der Arbeit der stärksten Komponisten wie Alexander von Zemlinsky, Franz Schreker, Max Reger, Amold Schönberg, Alban Berg, Anton Webern – auch Paul Hindemith – allmählich auf, so daß für Riemanns Logik-Begriff die begründenden Ansatzpunkte schwinden. An die Stelle einer wie auch immer funktionierenden Logik treten nun theoretisch gebildete Abstrakta, zunächst in Form der 12-Ton-Reihe Schönbergs, später, etwa von der Mitte unseres Jahrhunderts ab, serielle Ordnungen verschiedener Art bis hin zu teilweise oder gar nicht gesteuerten Zufallsstrategien (Cage).

Auf dem Erfahrungsraster des im Grunde noch bildungsbürgerlichen Musiklebens unseres Jahrhunderts müssen diese Erscheinungen zeitgenössischer Musik unverständlich bleiben, zumal Gegenpositionen zu den geschilderten Entwicklungen wie die „minimal music“ einerseits ein eigenes, im Grunde regressives Stadium ausbilden und andererseits die allgegenwärtige „Umgangsmusik“ (Besseler) die im Grunde archaischen, aber unverändert lebensfähigen Basismomente europäischer wie außereuropäischer Musik zunehmend dominieren läßt. Mit diesen Momenten ist die Musik aus Besselers „Neuzeit“ leichter einsehbar verknüpft als mit der fortgeschrittenen Musik des 20. Jahrhunderts.

 

Vortrag am 13.1.1995
Heinz Penzlin (Jena), Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse:


„Gehirn – Bewußtsein – Geist. Zur Stellung des Menschen in der Welt“

Den Menschen in seiner schicksalhaften Ambivalenz von Macht und Ohnmacht kennzeichnete bereits vor 2450 Jahren der griechische Tragödiendichter und Staatsmann Sophokles in seinem Trauerspiel „Antigone“ überzeugend mit folgenden Worten:  „Weit über Erwarten begabt mit Können und Geist schreitet er einmal zu Schlechtem, einmal zu Gutem. “ Bis heute fällt uns unsere Einordnung in unsere Welt schwer.

Die Zoologen zählen seit Carl von Linné die Menschen als besondere Gattung Homo zusammen mit den Halbaffen (Prosimiae) und den Affen zu der Ordnung der Primaten („Herrentiere“) innerhalb der Säugetiere (Mammalia). Neben dem aufrechten Gang und dem Stimmapparat ist ohne Zweifel die sogenannte „Neencephalisation“, d.h. die progressive Entwicklung des Gehirns (Neopallium, Neocerebellum), die wichtigste Spezialisation auf dem Wege vom Menschenaffen zum Menschen. Durch sie entstand das Substrat für die ausgeprägten Fähigkeiten des Menschen zur Begriffsbildung, zum abstrakten Denken und zur sprachlichen Kommunikation und damit die Möglichkeit einer bewußten Weitergabe von Erfahrungen von Generation zu Generation (tradigenetische oder Kulturevolution).

Aber: Weder in der makroskopischen Anatomie noch im histologischen Aufbau des menschlichen Gehirns ist eine gegenüber den Menschenaffen „dramatische“ qualitative Veränderung zu entdecken, die uns den Übergang vom tierischen zum menschlichen Dasein einigermaßen hinreichend verständlich machen könnte. Die Biologie kann uns nur einen sehr dürftigen Beitrag zum Verständnis des Wesens des Menschen mit all seinen Implikationen liefern.

Der Mensch existiert als Leib-Seele-Geist-Einheit. Er zeichnet sich vor allen anderen Lebewesen dadurch aus, daß er weiß, was er weiß, was er empfindet, was er denkt und was er möchte. Nur er besitzt den selbstbewußten Geist, das Vermögen, sich als betrachtendes Ich, als „Selbst“, als „Person“ seiner kognitiven Welt gegenüberzustellen, seine eigene Tätigkeit zu objektivieren. Johann Gottfried Herder kennzeichnete den Menschen als den „ersten Freigelassenen der Schöpfung“. Der Mensch war in seiner „Freiheit“ so unerhört erfolgreich, daß es heute keinen Ort auf der Erdoberfläche mehr gibt, der noch nicht im Gefolge menschlicher Aktivität in irgendeiner Weise in Mitleidenschaft gezogen, verändert worden wäre.

Die Erdbevölkerung nimmt mit steigender Geschwindigkeit zu. Noch wesentlich schneller wächst der vom Menschen verursachte industrielle Energie- und Stoffumsatz. Der Mensch droht alles unter seinen Müllbergen und Abprodukten zu erdrücken. Das Ökosystem Erde ist diesen Belastungen nicht mehr gewachsen. Die Erde stöhnt unter der Last des Menschen. Der saure Regen, das Ozonloch und der „Treibhauseffekt“ sind deutliche Alarmsignale dieser Situation, die ernst genommen werden müssen. Es ist keine Zeit mehr zu verlieren!

Der Mensch ist nur partiell ein wirklich Freigelassener der Schöpfung. Er bleibt mit dem Ökosystem Erde, aus dem er einst hervorgegangen ist, auf Gedeih und Verderb verbunden, er bleibt von ihm abhängig. Da er das einzige Wesen auf unserer Erde ist, das sein Handeln zu hinterfragen, zu reflektieren, rationell zu planen vermag, ist er auch voll verantwortlich für sein Tun, verantwortlich nicht nur für sich, seine Kinder und Kindeskinder, sondern für alle seine Mitgeschöpfe. Der Schlüssel zur Zukunft liegt in unserer Hand, in der Hand eines Wesens, das sich selbst nicht begreift, das sich als Gott dünkt und – häufig – wie ein Irrer aufführt.

Was der Mensch ist? Die Antwort liegt bei uns, bei jedem einzelnen. Sie kann nur lauten: Das entscheidet jeder für sich selbst. Jeder ist das, was er aus sich macht. Der Mensch ist von Natur aus nur ein „Entwurf“. An ihm liegt es, sich zum wahren Menschsein zu erheben oder seinen eigenen Untergang zu besorgen. Der Mensch: ein Homo viator, einer, der auf dem Wege ist, nicht am Ziel, einer, der die Weisheit sucht, aber nicht einer, der die Weisheit besitzt. Unser aller Schicksal lastet auf unserer Seele. Die Bürde unserer Freiheit heißt Verantwortung. Enttäuschen wir nicht die Nachunskommenden!

 

Vortrag am 13.1.1995
Elke Blumenthal (Leipzig), Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse:


„Thomas Manns »Joseph« und die ägyptische Literatur“

Es ist seit langem bekannt, daß Thomas Mann für seinen Josephroman höchst sorgfaltige Vorstudien betrieben hat. Das geht aus seinem Schriftwechsel, aus Gesprächszeugnissen und aus seiner Bibliothek mit der benutzten Fachliteratur hervor, die in Zürich weitgehend erhalten geblieben ist. Dort findet man auch die Übersetzungssammlungen ägyptischen Schrifttums und nicht zuletzt die bis heute unübertroffene Kulturgeschichte Ägyptens von Adolf Erman und Hermann Ranke (erschienen 1923), aus denen der Dichter erstaunlich gute Kenntnisse über die Literatur pharaonischer Zeit bezogen hat. In dem Kapitel über die Bibliothek von Josephs ägyptischem Dienstherrn Peteprê, des biblischen Potiphar, stellt er dieses Wissen mit etwa 20 Titeln von Einzelwerken und Textsorten und deren Charakterisierung unter Beweis. Darüber hinaus lassen sich mehr als 30 weitere Texte oder Gattungen nachweisen, deren er sich ebenfalls bedient hat, und zwar häufig, ohne die Quelle zu zitieren oder eine Anspielung als solche zu kennzeichnen. Die ägyptische Sprache hatte er sich so weit angeeignet, daß er Wörter und Eigennamen nicht nur korrekt verwenden, sondern auch mit ihnen spielen konnte, und ähnlich verfuhr er mit Passagen literarischer Werke oder gattungsspezifischen Stilformen und Motiven, die er, oft nur für Kenner aufzuspüren, zitiert, paraphrasiert und parodiert hat.

Die Zwecke, zu denen er dieses Material verwendet hat, sind im einzelnen durchaus unterschiedlich. Er benutzte es um des Zeit- und Lokalkolorits willen, mitunter vielleicht, um mit der eigenen Belesenheit zu brillieren, und nicht zuletzt wegen seiner ästhetischen Reize. Aber immer verfügte er über seine Vorlagen mit dichterischer Souveränität, nie im Sinne der historischen Penibilität der „Professorenromane“. Das wird am deutlichsten sichtbar, wo er dem Geschehen seines Romans, das doch auf der biblischen Josephsgeschichte aufbaut, gleichzeitig literarische Texte aus anderen Kulturen zugrunde legte, um es „als höhere Wirklichkeit, als durchsichtig und urgeprägt“ zu erweisen.

Nicht das einzige, wohl aber das dafür signifikanteste ägyptische Beispiel ist die in 1. Mose 39 berichtete Verführungsszene zwischen Joseph und Potiphars Weib, die, wie schon die Alttestamentler zu Thomas Manns Zeit und dieser selbst wußten, tatsächlich auf eine Episode der neuägyptischen Erzählung von den zwei Brüdern zurückgeht – ein Zusammenhang, den der Dichter genüßlich ausgesponnen und sogar mit einem hieroglyphisch geschriebenen Zitat illustriert hat. Ein anderes literarisches Paradigma diente ihm dazu, Joseph als Lamm zu qualifizieren und ihn über biblische Assoziationen zu einer jesushaften Figur zu stilisieren, aber im selben Kontext erscheint auch Josephs Gesprächspartner König Echnaton, der Begründer der ersten monotheistischen Religion, als Prototyp Christi. Mit der unumschränkten Freiheit des Künstlers nahm Thomas Mann auf, was er brauchte, und setzte es so ein, „wie es seiner Entelechie entsprach“ (Karl Kerényi). Die Stoffe der antiken Vergangenheit dienten ihm dazu, der höllischen Realität des von Nazideutschland bedrohten und beherrschten Europa eine humane Gegenwelt entgegenzusetzen.

Termine
Horst-Michael Prasser: Basisinnovation bei Kernreaktoren 16.01.2017 18:30 - 20:00 — TU Dresden, Festsaal des Rektorats, Mommsenstr. 11, 01069 Dresden
Forum "Offenes Land - offene Fragen" 08.02.2017 18:00 - 20:00 — Karl-Tauchnitz-Str. 1, 04107 Leipzig