Plenarvorträge 1957

Vortrag am 9.12.1957

Erich Strack (Leipzig), Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse

Professor für physiologische Chemie an Karl-Marx-Universität Leipzig, Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse seit 14. Februar 1949.


Betaine als Wirkstoffe im Tierkörper

Auf der Dipolnatur der Zellbaustoffe gründet sich das Leben. Stoffe mit ausgeprägtem Dipolcharakter sind zudem wichtige Wirkstoffe im Haushalt der Zelle. In den letzten Jahren sind die niedermolekularen, aliphatischen Stickstoff-Betaine eingehender beforscht worden. Diese Trimethyl-Betaine wirken einmal durch ihre starke Dipolnatur und weiterhin durch ihre quartäre Stickstoffgruppe, deren Wirkungsweise die Struktur der Säuregruppe variiert. Glykokollbetain ist ein guter Methyldonator, Carnitin nicht, trotz ähnlicher Struktur und trotz möglicher Umwandlung ineinander. Die Wirkungsmöglichkeiten des Carnitins (CH3)3N-CH2-CHOH-CH2-COO-) sind an der quartären Stickstoff-Gruppe, an der sekundär alkoholischen Gruppe und an der leicht substituierbaren Carboxylgruppe gebunden.
Carnitin kommt in allen tierischen Organen vor. Zugeführtes D,L-Carnitin wird von den Organen sehr unterschiedlich gestapelt. Z.B. von Milz sehr gut, von quergestreiftem Muskel nicht. Carnitin kann das Wachstum besonders sich schlecht entwickelnder Tiere fördern, die also irgendwie stoffwechselgehemmt sind. Kaulquappen werden durch Carnitin echt im Wachstum gefördert. Bei wachsenden Ratten wird nach Carnitinzufuhr das Gewicht sichtbar vermehrt, jedoch kaum das Längenwachstum. Wird einer tragenden Ratte Carnitin gespritzt, so sind die geworfenen Jungen kleiner und wachsen anfangs schlechter als Kontrollen. Carnitin ist für Ratten kein Vitamin. Carnitin ist ein allgemein stimulierender Faktor für die Zellen von noch unbekannter Wirkungsweise. Es steigert den Appetit und die Futteraufnahme beträchtlich. Bicarnesin = Dicarnitin hat andere Wirkungen als Carnitin.

 

 

Vortrag am 9.12.1957

Karl Bischoff (Halle), Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse

Professor für Deutsche Philologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse seit 14. März 1955.


Schichten und Beziehungen der Wortlandschaften an der mittleren Elbe

An Hand von dreißig Karten wurde versucht, den Aufbau der Wortlandschaften an der mittleren Elbe darzulegen. Das Gebiet zwischen Harz und Ohre steht in Verbindung mit der ostfälischen Nachbarschaft, der nahen und der bis zur Weser reichenden fernen. Die Beziehungen können weiter führen, das Westfälische und auch noch das östliche Niederländische einschließen. Andere gehen, ohne immer bis zur Weser zu reichen, an die Küste, ins Nordseegermanische, oder über Schleswig-Holstein ins Skandinavische. Im Süden werden durch sie Verbindungen nach Thüringen geknüpft. Niederländisch wird vor die Ostgrenze des altländischen Niederdeutschen gesetzt, mit ihm mischt sich östlich der Elbe und nördlich der Ohre Ostfälisches, vom Magdeburgischen her wirkt ostfälische Herrensprache ein. Unter beiden hält sich Wendisches der Bevölkerung.
Im späten Mittelalter bilden sich im Bereich der Stadtsprachen Beziehungen zwischen dem wieder vom Westfälischen abgesetzten Ostfälischen und dem Brandenburgischen, zwischen dem Südländischen und dem Thüringischen heraus. Die dadurch verstärkten älteren, auf Siedlungsgrundlage ruhenden niederdeutsch-mitteldeutschen Gemeinsamkeiten werden ausgebaut durch kräftige, vom Mitteldeutschen kommende oder übers Mitteldeutsche führende Wortvorbrüche, die z.T. späte, vom rheinischen Westen ausgehende und weit in den Osten hineinwirkende Wortausstrahlungen überlagern. Auch die nächste mitteldeutsche Nachbarschaft beeinflußt den Südrand. Im Rückstoß legt sich ostelbisches Wortgut über altländisches, greift nach Westen mehr oder weniger weit ins Ostfälische aus, teilweise schon bis an die Weser, und nach Süden ins Mitteldeutsche. Alt- und Neuland, Mitte und Norden werden so doppelt oder dreifach verklammert und verzahnt. Einheitliche Wortlandschaften gibt es an der mittleren Eibe selten, der Wortschatz dieses Gebietes ist ein außerordentlich vielschichtiges und beziehungsreiches Gebilde.

 

 

Vortrag zur Öffentlichen Sitzung am 16.11.1957

Heinrich Bredt (Leipzig), Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse

Professor für allgemeine Pathologie und pathologische Anatomie an der Karl-Marx-Universität Universität Leipzig, Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse seit 12. Dezember 1951.


Über den Tod. Eine naturwissenschaftliche Betrachtung

Einleitend wird der allgemeine menschliche, psychologische und gefühlsmäßige Hintergrund geschildert. vor dem sich die naturwissenschaftliche Erforschung des Todes abspielt. Alle Bedenken und Hemmungen, die der Wahl eines solchen Themas entgegenstehen, werden durch das Ziel des Vortrages abgewehrt, das in einer Vorstellung vom Tode besteht, an den ohne Furcht gedacht werden kann. Dem natürlichen Stufenbau naturwissenschaftlicher Methoden, nämlich der Beschreibung, der Zusammenordnung, der Ursachenforschung und der zeitlichen Einordnung, wird ausführlich Beachtung geschenkt.
An den Beobachtungen der Laien wird die Kenntnis der hinweisenden und sicheren Merkmale des Todes entwickelt und die Frage des Scheintodes behandelt. Der Abbau der lebenden Substanz bis zur anorganischen Phase hin erfolgt nach sehr bestimmten Regeln, indem in systematisierter Art die einzelnen Strukturen der lebenden Substanz aufgelöst werden. So tritt die Eigenheit des Bauplanes bei der geweblichen Nekrose mitunter klarer hervor. Eine Dreiteilung Leben – Tod – Verwesung existiert nicht, Leben und Tod sind komplementäre Begriffe, die sich gegenseitig begrenzen und erläutern. Im Organismus gibt es niemals eine Phase, in der das vollständig Lebendige plötzlich in das vollständig Tote übergeht. Vielmehr sieht man eine sich überdeckende Änderung der Teilkörper und der Teilfunktionen, so daß – bildhaft gesprochen – ein lebender Mensch „vom Tode gezeichnet“ sein kann.
Der Begriff des Partialtodes wird erläutert. Der Tod ist notwendig mit den Vorgängen des Lebens verbunden. Änderungen dieser letzteren können auf den Zeitpunkt des Todes Einfluß nehmen. Eingehend wird in dieser Hinsicht die Art und Ursache der Krankheiten besprochen, die nach historischem Überblick auf die Unterbrechung bestimmter Funktionskreise des Lebendigen zurückgeführt werden. Beispiele für solche Funktionskreise sind u.a. Atmung, Stoffwechsel, Fortpflanzung, Wachstum. Krankheit und Tod werden am Begriff der Atmung erläutert, die in ihren verschiedenen Stellen gestört sein kann. Unterbrechung oder Schließung eines Funktionskreises entscheidet über Leben und Tod. Funktionskreise sind meist nach Art eines Kettensystems verbunden, können sich in ihrer gleichsinnigen Wirkung übergipfeln. Immer ist aber der ganze Mensch krank, und das tritt besonders beim Vorgang des Sterbens zutage, der an den Funktionskreisen sich ausprägt, die Repräsentanten der Gesamtpersönlichkeit sind, d.i. Herztätigkeit und Funktionen des Zentralnervensystems. Im Sterben erfolgt ein Abbau stammesgeschichlich jüngerer Hirnleistungen und Hervortreten ältester funktioneller Bahnungen.
Sterben ist ein Schichtenabbau der biologischen Persönlichkeit, ist den allgemeinen Regeln des Lebendigen zugeordnet. Die Todeszeit wird neben den unendlich vielen gestörten Regulationen des Körpers auch von der Wetterlage, also der Umwelt, bestimmt. Beispiele dafür werden behandelt. Eine Voraussage der Todeszeit ist zur Zeit nicht möglich. Die Ursache des Todes kann in einer Hinsicht beantwortet werden, wenn nämlich die Frage gekoppelt ist mit einem sinnvoll definierten Sachverhalt, z.B. Begriffen der Rechtsfindung oder der öffentlichen Gesundheitsführung. Solche Erhebungen der Todesursachenstatistik sind von größter Bedeutung. Sie sind aber kein Ersatz für die allgemeine Frage nach der Ursache des Todes. An Hand von Beispielen wird gezeigt, daß – von Katastrophen abgesehen – keine einheitliche Ursache vorliegt, sondern meist eine ganze Perlenkette sich überschneidender Teilergebnisse, die zu einer Fülle von Teilursachen aufgegliedert werden können.
Aufgabe der naturwissenschaftlichen Forschung ist es, derzeit übersehbare Teilvorgänge zu kausalen Relationen zusammenzuschließen, deren geistige Zusammenordnung sehr wahrscheinlich zu neuen Wortfindungen führen wird. Die Ursachenforschung gleicht derzeit einem großen Bauplatz, dessen Grundmauern erst ausgeschachtet sind. Das Problem des Alterns und des physiologischen Todes wird dahin ausgeführt, daß die Alternsforschung erst in einer elementaren Grundlagenforschung die aufeinanderfolgen den Phasen des Menschen von der befruchteten Eizelle bis zum physiologischen Tod nachzeichnen muß. Die Zusammenordnung all dieser Befunde wird später erst uns erkennen lassen, wie das Altern als kardinale Erscheinungsform des Lebendigen aufzufassen ist.
Der Lehre vom Leben eine Lehre vom Tod gegenüberzustellen, wird abgelehnt, da jeder Gedanke, der dem Tode gewidmet ist, ein Bekenntnis zum Leben selbst sein soll.

 

 

Vortrag am 14.10.1957

Kurt Schwabe (Dresden), Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse

Professor für Physikalische Chemie und Elektrochemie an der TH Dresden, Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse seit 11. Dezember 1950.


Aziditätsmaße

Nachdem die verschiedenen Definitionen für Säuren miteinander verglichen worden sind, werden die Methoden zur Messung der aktuellen Azidität behandelt. Es wird gezeigt, daß diese Methoden, die zunächst für wäßrige Lösungen und damit für die Arrhenius’sche Säuredefinition entwickelt wurden, schon in solchen Lösungen nicht zu den gleichen Ergebnissen, insbesondere nicht zur gleichen Abhängigkeit des Aziditätswertes von der potentiellen Säurekonzentration führen.
Ein Aziditätsvergleich zwischen wäßrigen und wasserfreien Medien mit Hilfe potentiometrischer Methoden ist prinzipiell unmöglich. Mit Hilfe der Mediumfaktoren kann man nur mittlere Aktivitäten von Elektrolyten in verschiedenen Lösungsmitteln vergleichen, sie sind eine Funktion von Art und Konzentration des Lösungsmittels sowie des Elektrolyten, so daß für jedes Lösungsmittel eine andere Aziditätsskala gilt, die zudem noch mit der Art der Säure variieren kann.
Azititätsvergleiche in verschiedenen Solventien mit Hilfe der Hammett-Funktion oder der Katalysenkonstanten gestatten auch keine eindeutigen Aussagen über die Azidität in einem bestimmten Solvens, bezogen auf den wäßrigen Aziditätswert. In wasserhaltigen organischen Lösungsmitteln (Minimalgehalt an H2O: 5–8 %) erhält man mit der Glas kette die gleichen pH-Werte, die sich aus der Verschiebung des polarographischen Halbstufenpotentials reversibler Depolarisatoren beim Übergang von Wasser zu dem betr. Medium ergeben. Dadurch wird die auch theoretisch begründete Annahme gestützt, daß in solchen wasserhaltigen Medien Säuren (im Brönstedschen Sinne) Hydrattsierte Protonen liefern und wie in wäßrigen Lösungen mit der Glaskette gemessen werden können.

 

 

Vortrag am 14.10.1957

Franz Dornseiff (Leipzig), Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse

Professor für klassische Philologie an der Karl-Marx-Universität Leipzig, Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse seit 14. Februar 1948.


Die ,Göttliche‘ bei Pindar

Pindar liebt es, seine Gedichte mit prunkenden feierlichen Anrufungen an Gottheiten, an personifizierte Dinge und Begriffe zu eröffnen und steht damit in der Chorlyrik nicht allein. Auch in der Tragödie ist dieses Motiv häufig. Unter diesen Anfängen fällt in Isthmia 5 die Theia auf, die als Mutter der Sonne (Helios) zuständig sei für das Schöne als Sichtbares. Der Wortsinn von Theia als ,die Göttliche‘ ist in diesem Zusammenhang nicht verständlich – alle dgl. Personifikationen sind irgendwie göttlich. – v. Wilamowitz, Pindaros, 1922, S. 200f. hat sprachliche Verbindung von ϑεα mit ϑεᾶσϑίαι ,schauen‘ als Torheit bezeichnet. Damit bagatellisierte er zugleich die Quelle Pindars dafür, nämlich Hesiodos Theogonie 135 und 371, wo gesagt ist, daß die Titanin Theia Mutter von Sonne, Mond und Morgenröte sei. Sie sei dort „ein leerer Name, den sich Hesiod ausgedacht hatte, um dem Helios eine Mutter zu geben“.
Aber sollte erst Pindar diese Theia zu der Bedeutung ,belebende, belichtende, verklärende Leuchtkraft‘ präzisiert und vertieft haben und ohne an ϑέα, das Schauen‘ zu denken? Das Scholion sagt: „von Θεία lassen sie den Helios stammen, weil er für uns Urheber der ϑέα und ὄιψς ist. Des Rätsels Lösung ist, daß Θεία schon bei Hesiodos metrische Dehnung von ϑέα ist. Des Reimes und des Metrums wegen erscheint sie ebenso wie ihre Schwester Rhea als Θείαν τε ‘Ρείαν τε. Solche metrische Dehnungen sind nicht auf die von Wilhelm Schulze, Quaestiones epicae 1892 zusammengebrachten beschränkt, es kommen immer noch neue zum Vorschein. So hat P. von der Mühll, Mus. Helv. 13, 1956, 193f. in dem in Hesiods Schildbeschreibung des Herakles V. 212 überlieferten ἐφοίβον ein gedehntes ἐφόβουν erkannt: ,die Delphine setzen die (andern?) Fische in Furcht‘.
Vor allem aber ist es dank neuen Funden überholt, wesentliche bei Hesiod berichtete Fakten als von Hesiod ausgedacht zu interpretieren. Die Theogonie des Hesiod hat als Ganzes eine genaue Parallele bekommen durch eine chorritische Göttergeschichte, wonach am Anfang der Welt drei Götterdynastien stehen Allalu Anu Kumarbi und als spätere Drangsal der riesenhafte steinerne Ullikummi, die einander sehr rauh ablösen, genau wie bei Hesiod die Generationen Uranos Kronos Zeus einander folgen, und dem Ullikumrni entspricht genau als letzte Gefahr Typhon. Hesiod steht vom II. Jahrtausend her in großer kosmogonischer Tradition und Topik. Für die Entstehung unserer Welt ist die Entstehung des Lichtes wichtig. Da findet sich nun die Entstehung einer Art Urlicht, das erst später durch die Gestirne verstärkt wird, als kosmogonisches Motiv nicht nur bei Hesiod (bei ihm genealogisch besorgt), sondern als Schöpfungsaktion am Beginn des Pentateuchs auch in Genesis 1, wo Elohim als Erstes das Licht ins Dasein ruft, sozusagen als indirekte Beleuchtung eingeschaltet. Der Gegensatz des Lichtes, die Finsternis, ist auch schon da, ebenso die Wasser, augenscheinlich mit den frisch erschaffenen Himmel und Erde gegeben. Die leuchtenden Himmelskörper, Sonne, Mond und Sterne, hängt Elohim erst am 4. Schöpfungstag am Firmament auf. An Genesis 1 hat schon theologische Interpretation ohne Vergleichsmaterial zeigen können, daß Umbildung von bereits vorhandener Kosmogonie vorliegt. Man darf wohl schließen, daß die Hauptsache in diesem Kapitel die Einführung des Sabbats war. Sie dürfte zu dem Pentateuch-Unternehmen des judäischen Königs Josaphat etwa 868 gut passen, das den jungen etwas kirchenstaatlichen Reststaat Juda literarisch unterbauen wollte (vgl. 2. Chron. 17, Dtn 17, dazu Verf., Freundesgabe für Ernst Robert Curtius, Bern 1956, 61. Antike und Alter Orient, Leipzig 1956, 295ff.)
Eine Paraphrase der 1. Seite des Pentateuchs mit genauer Berücksichtigung der erwähnten Lichteinzelheiten gibt im Buch Hiob Jahwe in seiner naturwissenschaftlichen Lektion an den beschwerdeführenden Menschen Hiob: 38, 19 hat das Licht schlechthin seinen Ort; ebenso wie die Finsternis (freundlicher Hinweis meines Kollegen Bardtke).
Es folgt daraus, daß Θεία nicht nur bei Pindar, sondern auch schon bei Hesiod metrische Dehnung aus ϑέα = ,die Schau‘ ist und gar nicht mit die Göttliche übersetzt werden darf. Ebenso luftig personifizierend ist ihr Gemahl Hyperion ,der obendrüber‘. Eine weitere Quelle von Pindar aus der Zeit um 600 v.Chr. ist ein Gedicht der großen Dichterin Sappho, fr. 27 a Diehl: „Manche finden, ein Heer von Reitern, manche von Fußsoldaten, manche von Schiffen sei auf der schwarzen Erde das Schönste. Ich aber das, was einer liebt. (Das ist leicht begreiflich zu machen; denn) so war es bei Helene, die auf Paris hereinfiel, und so kommt es auch, daß ich mir jetzt Anaktorias Anblick wünsche. Sie mag vielleicht nicht das Letzte an Schönheit sein, aber.“ Die einzelnen Glieder dieser Priamelreihe kehren bei Pindar Isthmia 5 wieder. Ähnlich in Bau und Gedanken auch Theognis V. 255/56: „Das schönste ist die Gerechtigkeit, das beste die Gesundheit, das erfreulichste: zu erhalten, was man begehrt.“

 

 

Vortrag am 16.9.1957

Walter Frenzel (Dresden), Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse

Professor für Textiltechnik an der TH Dresden, Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse seit 11. Dezember 1950.


Die Spindel in ihrer Entwicklung

Die Spinnspindel gehört zu den ältesten Werkzeugen des Menschen; sie ist auch das wichtigste Element in der mechanischen Spinnerei. Es ist unbekannt, wer die Handspindel zuerst gebrauchte. Ägyptische Grabdenkmäler von 2000 v.Chr., Pfahlbaufunde, alte Sagen weisen auf dieses älteste Spinngerät hin.
Der technologische Vorgang beim Spinnen mit der Handspindel, mit dem Hand- und dem Trittrade wird erklärt, anschließend die Entwicklung der ersten Spinnmaschine von J. Hargreaves geschildert und derjenigen von R. Arkwright, S. Crompton, R. Roberts und H. de Cirard, um auf die Entwicklung der Glocken- und Ringspinnmaschine überzugehen. Von der anfangs starr gelagerten Rabbeth-Spindel ging man zur flexiblen Spindel mit Dämpfungsorgan über, mit der durch Spannrollenantrieb höhere Drehzahlen (9–13.000) erzielt wurden. Mit Selfaktorspindeln suchte man weichgedrehte Garne auf der Ringspinnmaschine herzustellen. Die Freund-Spindel vermeidet den Fadenballon. Mit der Perfektspindel wird der Fadenballon gleich und die Drehzahl exakt konstant gehalten. Der rotierende Fadenführer „Hegemax“ vermindert die Fadenbruchgefahr. Mit dem „Gwaltney-Frame“ werden die Fadenspannungen beim Spinnen ausgeglichen. Die Vorteile des Zentrifugenspinnens liegen in gesteigerten Drehzahlen (16–20.000) und in der niedrigen Spinnspannung, die fadenbruchfreies Arbeiten und Herstellung Weichgedrehter Garne zuläßt. Meimbergs Kammspinnverfahren sucht ohne Spindel auszukommen.

 

 

Vortrag am 16.9.1957

Erwin Jacobi (Leipzig), Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse

em. Professor für Staatsrecht, Verwaltungsrecht, Arbeitsrecht und Kirchenrecht an der Karl-Marx-Universität Leipzig, Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse seit 1. Juli 1948.


Die Richtlinien des Obersten Gerichts der Deutschen Demokratischen Republik

Die Richtlinien des Obersten Gerichts der Deutschen Demokratischen Republik sind durch das Gerichtsverfassungsgesetz der DDR vom 2.10.1952 im Anschluß an das sowjetische Recht eingeführt und bereits wiederholt praktisch gehandhabt worden. Sie können gemäß GVG § 58 durch das Plenum des OG „im Interesse der einheitlichen Anwendung und Auslegung der Gesetze durch die Gerichte der DDR mit bindender Wirkung für alle Gerichte“ auf allen Gebieten des Rechts der DDR erlassen werden, die gerichtlicher Rechtsprechung zugänglich sind. An Hand der Grundbegriffe von Gesetzgebung und Rechtsprechung werden die Richtlinien inhaltlich als Akte der Rechtsanwendung, nicht der Rechtsetzung klargestellt, deren Rechtswirkung nicht die volle Gesetzeskraft hat, sondern dieser nur angenähert ist. Die Richtlinien sind also keine Rechtsquellen.
Hieraus werden praktisch bedeutsame Folgerungen abgeleitet für Umfang, Beginn und Ende der Rechtswirkung von Richtlinien, für die Rechtsfolgen eines Verstoßes gegen Richtlinien und für die Nachprüfbarkeit der Richtlinien durch den Richter. Den Richtlinien vergleichbar sind im Recht der Bundesrepublik bestimmte Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts gemäß § 67 Satz 3 des Gesetzes über das Bundesverfassungsgericht vom 12.3.1951. Hier wie dort handelt es sich um die Bindung der Gerichte an vom Obersten Gericht festgelegte Rechtsauffassungen und damit um eine Einengung der richterlichen Rechtsanwendung zwecks einheitlicher Anwendung und Auslegung der Gesetze durch die Gerichte.
Dieses Ziel läßt sich aber auch ohne rechtliche Bindung der Richter durch die tatsächliche Präjudizwirkung der Urteile von Obersten Gerichten erreichen: Ein disziplinierter Richter wird nicht ohne zwingende Gründe von einer höchstrichterlichen Entscheidung abweichen.
Es ist deshalb zu wünschen, daß das Oberste Gericht der DDR von den Richtlinien einen sparsamen Gebrauch macht.

 

 

Vortrag am 6.5.1957

Georg Spackeler (Freiberg), Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse

Professor für Berbaukunde an der Bergakademie Freiberg, Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse seit 16. Januar 1950.


Über die Möglichkeit einer Lieferung von Magnesiumsulfat als Düngemittel seitens des Kalibergbaus der Deutschen Demokratischen Republik

Untersuchungen über die Bedeutung des Mg-Sulfates als Düngemittel mit dem Ziel seiner vermehrten Verwendung haben nur Zweck, wenn die benötigten Mengen dieses Salzes auch bereitgestellt werden können. Mg-Sulfat in Form des Kieserits (MgSO4·H2O) ist ein Nebenprodukt des Kalibergbaus.
Der einleitende Vortrag prüfte daher die Frage, ob im Gebiet der DDR oder wo sonst greifbare Mengen dieses Minerals vorhanden sind und wo die Möglichkeit des Ausbaus der Erzeugung gegeben ist. Die Kalilagerstätten der Welt enthalten hauptsächlich 3 Rohsalzarten. Carnallit, ein Gemenge des Minerals Carnallit (KCl·MgCl2·6H2O) mit Steinsalz und Kieserit, etwa 8–9 % K2O enthaltend. Hartsalz, in welchem der Carnallit durch Wegführung die MgCl2 durch Sylvin (KCl) ersetzt ist, mit 10–14 % K2O und Sylvinit, ein kieseritfreies Gemenge von Sylvin und Steinsalz mit 15–22 % K2O.
Die ausländischen Lagerstätten bestehen zum großen Teil aus Sylvinit. Wir müssen uns in Deutschland mit Hartsalzen und Carnalliten begnügen. Eine fühlbare Förderungssteigerung zwecks erhöhter Ausnutzung des Kieserits werden wir nur noch aus Carnalliten durchführen können, von denen wir dafür aber sehr große Vorräte besitzen. Es würde daher ein Ausgleich gegenüber den günstigeren Erzeugungsbedingungen des Auslandes sein, wenn wir den Kieserit nutzen könnten. Ein Überblick über die Lagerstätten ergibt, daß die Bundesrepublik nur in beschränktem Maße ihre Kieseritlieferung steigern kann, während das Ausland überhaupt kaum in der Lage sein wird, Kieserit zu liefern.
Es liegt daher im Interesse der Volkswirtschaft der DDR nicht nur zum Besten der eigenen Landwirtschaft, sondern um wertvolle Exportware zu schaffen, den Wert der Düngung mit MgSO4 nachzuweisen und den Absatz daran zu fördern.

 

 

Vortrag am 6.5.1957

Anton Arland (Leipzig), Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse

Professor für Acker- und Pflanzenbau an der Karl-Marx-Universität Leipzig, Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse seit 1. Juli 1948.


Magnesium im Landbau

Vor gar nicht langer Zeit schrieb man dem Magnesium im Rahmen der Düngung nur in seltenen Fällen größere Bedeutung zu. In den letzten Jahren wurden jedoch immer mehr Erscheinungen bekannt, die für ungenügende Versorgung vieler unserer Böden mit Magnesium sprechen. Oft liegt Magnesiummangel vor, ohne daß sichtbare Zeichen zu erkennen sind. In jedem Falle bedeutet dies eine Beeinträchtigung des Ernteertrages, sowohl mengenmäßig als auch qualitativ. Versuche ergaben, daß es sehr darauf ankommt, die Pflanzen je nach Umwelt, insbesondere aber je nach Boden und Art mit ganz bestimmten Mengen Magnesium zu versorgen.
Die Bemühungen, den Bedarf der Pflanzen an Magnesium auf Grund von Ergebnissen chemischer Bodenanalysen zu ermitteln, sind insofern mit Schwierigkeiten verbunden, als es keineswegs leicht sein wird, allgemein gültige Regeln aufzustellen und Grenzzahlen festzulegen. Eine besondere Erschwernis ist gerade beim Magnesium insofern gegeben, als sich Magnesium-Mangel-Erscheinungen bei recht verschieden hohen Gehaltszahlen des Bodens wie auch bei unterschiedlichem Magnesiumgehalt der Pflanze zeigen. Das rührt daher, daß sich das Magnesium mit anderen Ionen in engen Wechselbeziehungen befindet und nicht isoliert betrachtet werden darf.
Auch bei der Düngung mit Magnesium kommt es auf Schaffung von Gleichgewichten zwischen allen Faktoren an, wobei es gilt, auch die Klimafaktoren zu berücksichtigen. Diese Gleichgewichte zu ermitteln ist nach u.E. nur mit Hilfe pflanzen physiologischer Methoden möglich, vor allem solcher, die es gestatten, einen Einblick in den Stoffwechsel der Pflanzen zu gewähren. Nach vorliegenden Versuchen erwies sich die Transpirationsintensität auch im Hinblick auf Magnesium als Indikator für optimale Versorgung der Pflanzen. Bei Handhabung der Anwelkmethode ist es möglich, den jeweiligen Bedarf der betreffenden Pflanzenart auf dem jeweils vorhandenen Boden kurzfristig festzustellen und auch das Düngemittel anzugeben, das sich am besten bewährt.
Hierbei wird es im Rahmen all dieser Versuche ganz besonders darauf ankommen, die Technik zu erarbeiten, die insbesondere im Hinblick auf die Einstimmung der Pflanzen auf besondere umweltbedingte Zustände einzuhalten ist.

 

 

Vortrag am 6.5.1957

Elisabeth Karg-Gasterstädt (Leipzig), Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse

em. Professor für Germanistik an der Karl-Marx-Universität Leipzig, Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse seit 14. März 1955.


Althochdeutsch thing – neuhochdeutsch Ding

Der Vortrag ging auf Grund aus dem Althochdeutschen Wörterbuch zur Verfügung stehenden Materials dem Weg nach, auf dem neuhochdeutsch Ding sich aus althochdeutsch thing entwickelt hat, und entkräftete damit die Angabe des Trübnerschen Wörterbuches (Bd. 2, S. 60), daß dies heute nicht mehr möglich sei.
Die ältesten Belege lassen noch deutlich die Vorstellung des germanischen Tinges in seinen drei Formen, des echten, des gebotenen und des Notgerichtes, erkennen. Die Auflösung des Begriffes vollzieht sich in zwei Etappen. In der ersten, am Anfang der althochdeutschen Überlieferung bereits voll entwickelten Periode kann thing auf einzelne im Ting beschlossene Teilvorstellungen eingeschränkt werden. Es heißt dann soviel wie Gerichtstermin, Gerichtsverhandlung, deren Ergebnis und deren Gegenstand. Als die zur Verhandlung kommende Sache übersetzt es lat. causa, negotium und res. Unter ihrem Einfluß weitet es sich in einer zweiten, mit Otfrid einsetzenden Periode zur reinen Sadi- und Vorgangsbezeichnung aus. Sein Sinngehalt wird fortan durch die ihm beigegebenen Adjektive und die Verben, deren Subjekt oder Objekt es ist, bestimmt. Er reicht von den Angelegenheiten und Vorgängen des alltäglichen, äußeren Lebens bis zu den Inhalten geistig-seelischer Betätigung, eine Entwicklung, die sich bei Notker Schritt für Schritt verfolgen läßt, bis in die Welt der platonischen Ideen hinein. Die weite Anwendungsmöglichkeit steht im umgekehrten Verhältnis zur sprachschöpferischen Formkraft. Den 4 Weiterbildungen (3 Komposita, 1 Ableitung), die Ding als Sachbezeichnung aus sich zu entwickeln vermag, stehen 50 im Bezirk des Gerichtswortes gegenüber (26 Komposita, 24 Ableitungen.). Sie vermehren sich im Mittelhochdeutschen noch einmal beträchtlich, vgl. die Fülle der Komposita im Deutschen Rechtswörterbuch Bd. 2, Sp. 944–1008 (daneben allerdings nur 2 neue Abteilungen). In ihnen spricht sich die zunehmende Spezialisierung des mittelalterlichen Gerichtswesens und die Ablösung des Lateins durch die deutsche Sprache in den Rechtsaufzeichnungen seit dem 13. Jahrh. aus.
Mit dem Sieg des römischen Rechts im 15./16. Jahrhundert verklingt Ding als Gerichtswort. Es lebt noch fort in dingen und verteidigen samt ihren Weiterbildungen (gerichtlich Ausgeding, Verteidiger). Ding selbst ist nur noch Sach- und Vorgangsbezeichnung und mußte im Sinne von Volksversammlung in Anlehnung an die alte Schreibweise durch Ting ersetzt werden.

 

 

Festvortrag zur Öffentlichen Sitzung am 13.4.1957

Hermann August Korff (Leipzig), Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse

em. Professor für neuere deutsche Sprache und Literatur an der Karl-Marx-Universität Leipzig, Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse seit 24. Januar 1955.


Die Religion der Faustdichtung

Die Religiosität des abendländischen Menschen ist nicht einfach identisch mit dem Christentum, vielmehr eine nie ganz zu Ende kommende innere Auseinandersetzung mit dem Christentum – was seinen Grund darin hat, daß das Christentum kein Eigenerzeugnis des germanischen Geistes, sondern eine Religion ist, zu der der Germane in der Frühzeit seiner geistigen Entwicklung „bekehrt“ worden ist und die zweifellos eine Religion darstellt, die der Natur des germanischen Menschen in entscheidenden Zügen widerspricht.
Als das klassische Zeugnis für diese innere Spannung zwischen Germanentum und Christentum muß Goethes Faust betrachtet werden, die tiefsinnige Gestaltung jener christlichen Sage vom Teufelsbündner, in dem, was gezeigt werden soll, eine germanische und eine christliche Seele miteinander im Streite liegen – und doch unauflöslich miteinander verbunden sind. Zunächst scheint Faust ein schlechtweg gegenchristlicher Mensch zu sein.
Von der Zweiweltenvorstellung der christlichen Religion, einem Diesseits und einem Jenseits, will Faust nichts wissen. Für ihn ist das irdische Leben keine Vorbereitung auf ein himmlisches. Sein ganzes Sinnen und Trachten ist auf die irdische Welt gerichtet, in der sich das Leben für ihn erfüllen muß. „Ich fühle Mut, mich in die Welt zu wagen, der Erde Weh, der Erde Glück zu tragen“ ist darum eines der Grundworte faustischen Menschentums. Was hier als Gegenchristlichkeit erscheint, ist aber in Wahrheit nichts anderes als der innerste Grundzug des Germanentums, das, wie seine ganze Geschichte beweist, immerdar auf die Welt und ihre Eroberung gerichtet gewesen ist. Das aber ist darum auch der Inhalt von Fausts Teufelspakt: es sind die Höhen und Tiefen der Welt, die Faust vom Teufel verlangt und wofür er ihm seine Seele verschreibt. Allerdings ist alles das nur die Voraussetzung von Goethes Faustdichtung, nicht ihr letztes Wesen. Denn das, was ihren Helden überhaupt erst zu einem faustischen Menschen macht, das ist die fundamentale Tatsache, daß Faust von diesem Weltleben, diesem sozusagen germanischen Leben, unbefriedigt bleibt. „Er unbefriedigt jeden Augenblick“: mit diesem Wort stehen wir im Mittelpunkt der faustischen Seele. Und genau das ist der Inhalt auch der großen Wette, in die Goethe den einfachen Teufelspakt verwandelt hat.
Der Pakt bezieht sich auf den Genuß der Welt. Die Wette aber, in die Faust ihn kleidet, bringt seine pessimistische Überzeugung zum Ausdruck, daß diese Welt den Lebensdrang einer faustischen Menschenseele zu befriedigen nie vermag. Und diese Wette wird Faust gewinnen – dieser Faust, der noch am Ende seines langen reichen Lebens die Worte sprechen wird: „im Weiterschreiten find’ er Qual und Glück, er unbefriedigt jeden Augenblick.“ - So erweist sich Faust als der Mensch, der entgegen dem Christenmenschen sein Heil in der Welt sucht: das ist seine germanische Komponente. Aber er ist auch der durch das Christentum hindurchgegangene Mensch, der sein Heil in der Welt nicht findet und nie finden kann. Denn in ihm ist durch das Christentum etwas aufgeweckt worden, was der auf die Erde gerichtete germanische Naturmensch noch nicht kannte: die Unruhe des Geistes, die unendliche Sehnsucht des geistigen Menschen. Dieser Faust mit all seiner germanischen Weltleidenschaft und seiner doch geheimen Christlichkeit: er ist daher ein durchaus tragischer Menschentyp, so daß Goethe mit vollem Recht seine Dichtung eine Tragödie genannt hat – obwohl sie ihren Helden äußerlich in den Himmel führt. Daß sie das aber so überraschend tat, das kann nichts anderes bedeuten, als daß der Goethesche Gott – den der Dichter nur im christlichen Gewande erscheinen lassen kann – mit dem faustischen Menschen, diesem mit dem christlichen Geiste geschlagenen Germanen, einverstanden ist: und zwar nach Beendigung seiner Erdenfahrt ebenso wie im Prolog im Himmel, wo er ihn vertrauensvoll einen „guten Menschen in seinem dunklen Drange“ nennt, der sich „des rechten Weges wohl bewußt“ sei.
Dieser rechte Weg aber ist nach der Überzeugung des Dichters jener germanische, der die innere Kraft des Menschen zeigt das Leben auf sich zu nehmen und zu bestehen, obgleich es nach seiner letzten Tiefe für einen zum höheren Geiste erwachten Menschen eine Tragödie ist und bleibt.

 

 

Vortrag am 11.3.1957

Heinrich Prell (Dresden), Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse

em. Professor für Zoologie an der TH Dresden, Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse seit 12. Februar 1951.


Abgasgefahren

Auf Grund seines selbstbewußten Herrschaftsanspruches über die Natur hält sich der Mensch für berechtigt, nach Belieben Gifte in der Natur auszustreuen. Dies geschieht planmäßig im Rahmen des Pflanzenschutzes und fahrlässig durch die Freigabe von Industrieabgasen. Der Mensch sucht selbstverständlich den aus diesem Vorgehen erwachsenden unbeabsichtigten Schäden vorzubeugen. Im Pflanzenschutz liegt dies weitgehend in seiner Hand, indem er Mißgriffe abstellt und ganz allgemein seine Maßnahmen verbessert (z.B. Übergang zu gezielter technischer oder zu biologischer Schädlingsbekämpfung). Hinsichtlich der Industrieabgase ist Erstaunliches geleistet worden, um gelegentlich wahrhaft ungeheuerliche Giftausstoßungen (z.B. Tagesabgabe von rund 26,9 Tonnen Arsenik. 203,2 Tonnen Schwefelsäure und 2184,7 Tonnen Schwefliger Säure seitens der Anaconda Copper Mines in Montana USA [1908]) zu vermindern. Ebenso Wichtiges bleibt aber noch zu leisten übrig.
Von einer Fülle von Giftstoffen, welche in Industrieabgasen auftreten können (z.B. Fluor-, Chlor-, Blei- und anderen Verbindungen), spielen wegen ihrer Verbreitung die Schweflige Säure (SO2) und die Arsenige Säure (As2O3) die wichtigste Rolle, da S und As nicht nur in vielen Erzen, sondern auch in manchen Kohlen reichlich vorkommen. Die Schweflige Säure ist in erster Linie ein Pflanzengift, das durch Assimilationsstörung die Pflanzen zum Kränkeln und Absterben bringt. Die chronischen Rauchschäden im Walde stellen beim Aufblühen der Industrie eine von dieser meist unterschätzte Gefahr dar. Die Arsenige Säure, als Arsenik das seit Jahrtausenden zu planmäßigen Morden meistverwandte Gift, ist als Abgasbestandteil in erster Linie für Mensch und Tier gefährlich.
Eigene Studien klärten die schwere und oft tödliche Schädigung von Bienen und von Nutzwild durch den auf Pflanzen abgelagerten Arsenikstaub auf, von der zuvor im Schrifttum nichts bekannt war. Die Bienen erwiesen sich dabei als ideale Merktiere für die Ermittlung von Arsengefahr und sind daher als solche planmäßig einzusetzen. – Als wirksame Schutzmaßnahme gegen Abgasgefahren kommt ausschließlich eine Verbesserung der Abgasreinigung in Betracht, wie sie im Kontaktverfahren der Schwefelsäuregewinnung aus dem SO2, und durch Abfangen des bei Abkühlung als Staub ausfallenden AS2O3 mit leistungsfähigen Elektrofiltern und Kammersystemen bereits in Anwendung sind.
Der Wissenschaft sollte die Möglichkeit geboten werden, der Industrie bei der Entwicklung besserer Verfahren hilfreich zu sein. Wegen der schwadenweise erfolgenden Verteilung der Abgase muß die absolute Menge der zugestandenen Giftausstoßung je Tag festgesetzt werden, nicht die relative. Das Gefühl für den Charakter der Giftausstreuung durch Industrieabgase als Ursache fahrlässiger Gesundheitsgefährdung oder gar fahrlässiger Tötung von Mensch und Tier sowie von Baum und Kraut muß wachgerufen und vom Gesetze wachgehalten werden. Schadenvergütung entlastet nicht von Schadenverhütung.

 

 

Vortrag am 11.3.1957

Werner Straub (Dresden), Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse

Professor für Psychologie an der TH Dresden, an der TH Dresden, Ordentliches Mitglied der Phiklologisch-historischen Klasse seit 16. Mai 1949.


Über Ausdruck und Ausdruckswirkung

 

 

Vortrag am 11.2.1957

Franz Runge (Halle), Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse

Professor für technische Chemie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse seit 14. März 1955.


Über die Polymerisation ungesättigter organischer Verbindungen

Für die Eigenschaften der fertigen Polymerisation ist die Art und Weise, wie man die Polymerisation in Gang gesetzt hat, maßgeblich. Wir unterscheiden zwei Methoden der Polymerisation: 1. die radikalische Polymerisation, 2. die ionische Polymerisation, wobei man bei der letzteren noch die kationische vor der anionischen gesondert betrachten kann.
Jede Polymerisation hat drei Phasen des Reaktionsgeschehens : 1. die Startreaktion. 2. das Kettenwachstum (evtl. mit Übertragungsreaktion), 3. die Abbruchreaktion. Bei der Radikalpolymerisation reagiert das Monomere mit einem freien Radikal. wobei ein neues Radikal entsteht, das ein weiteres Grundmolekül heranzieht usw. Das Kettenwachstum läuft ziemlich ohne Übertragungsreaktion ab, so daß nur geringe Verzweigungen und Anomalien im Aufbau des Hochpolymeren vorkommen. Anders ist es bei der kationischen Polymerisation, wo die verschiedenartigen Übertragungsreaktionen eine große Rolle spielen und z.B. aus Äthylen nicht nur stark verzweigte Makromoleküle, sondern auch Moleküle mit ungerader Zahl von Kohlenstoffatomen und cyclische Kohlenwasserstoffe entstehen. Die anomalen Verbindungen waren früher in einer umfangreichen Experimentalarbeit nachgewiesen worden. Für ihr Entstehen werden jetzt die theoretischen Deutungen gegeben. Von der anionischen Polymerisation ist bisher wenig bekannt. Sie kann zu sehr großen, regelmäßig gebauten Makromolekülen führen, offenbar weil Übertragungsreaktionen nicht vorkommen.

 

 

Vortrag am 21.1.1957

Wilhelm Treibs (Leipzig), Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse

Professor für organische Chemie an der Karl-Marx-Universität Leipzig, Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse seit 14. März 1955.


Entwicklungslinien der organischen Chemie

Die sachliche Entwicklung: Die Chemie zählt als Wissenschaft, seit die Frage nach Wesen und Ursache gestellt wurde, etwa seit Paracelsus. Die Synthese des Harnstoffs durch Wöhler bedeutet den Anfang der ungeheueren Entwicklung der organisch-chemischen Forschung und Technik zum modernen organisch-chemischen Zeitalter. Die Theorie des organisch-chemischen Moleküls führt von Liebig und Wöhler über Kekulé und Butlerow, Van’t Hoff und Pasteur zur modernen elektrischen Ausdeutung der organischen Bindung auf der gesicherten Grundlage des natürlichen Systems der Elemente. In den einzelnen Ländern wurde die wissenschaftliche und technische Entwicklung durch die wichtigsten Rohstoffe – vor allem Kohle und Erdöl – entscheidend beeinflußt. Die Ausweitung des Stoffgebietes führte zum Spezialistentum, zur teilweisen Trennung von Lehre und Forschung und zur Bildung von Forschungsgemeinschaften.
Die richtungsweisenden Persönlichkeiten dieser Entwicklung waren teils systematisch arbeitende Chemiker mit relativ beschränkten Zielsetzungen (Klassiker nach Ostwald) wie Wöhler und E. Fischer, teils universale, für jedes Ziel begeisterte Forscher (Romantiker nach Ostwald) wie J. v. Liebig und A. W. v. Hofmann.

 

 

Vortrag am 21.1.1957

Rudolf Fischer (Leipzig), Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse

Professor für Slawistik an der Karl-Marx-Universität Leipzig, Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse seit 14. März 1955.


Schillers Widerhall in der russischen Literatur

Schillers Jugenddramen, die für die gesellschaftliche Situation im despotischen Zarenreich wie geschaffen waren, wurden trotz Zensurschwierigkeiten auf den russischen Bühnen sehr bald heimisch.
Namhafteste russische Schriftsteller waren es, die bereits vor Shukowski aus Schillers Lyrik übersetzten: Karamsin, Dershawin, Wostokow und andere. An Schiller entzündete sich auch der junge Puschkin, wiewohl dieser unter die eigentlichen Übersetzer nicht einzureihen ist. Allerdings vermittelten die Übersetzer, in der Auswahl und in der Wiedergabe jeweils von ihren eigenen Anschauungen bestimmt, zunächst ein mehr oder weniger verändertes Schillerbild. Schillers größtes Meisterwerk, die Wallenstein- Trilogie, blieb allzusehr und allzulange im Hintergrund. Besonders Shukowskis übersteigerung des Sentimentalen in der Lyrik und seine Übersetzung der „Jungfrau von Orleans“ verursachten, daß Schiller auf einer Seite als „Romantiker im Sinne des Mittelalters“ bezeichnet und entsprechend kritisiert wurde. Schon Tschernyschewski weist jene Kritiker zurück, die „manchmal von oben herab“ über Schiller als einen „Idealisten“ sprechen. Schillers Dichtung wolle durch ihre Ideale tatsächlich eine bessere Wirklichkeit herbeiführen. – Schillers Botschaft – „Männerstolz vor Königsthronen“ wurde in der Übertragung von Tjutschew zur Forderung nach bürgerlicher Redefreiheit und Mitbestimmung – aktivierte die Dekabristen und die revolutionären Demokraten. Herzen benannte 1857 das Kampforgan, mit dem er von London aus für die Befreiung der russischen Bauern wirkte, nach Schillers „Glocke“ „Kolokol“. Und wie A. Tolstoi und K. Fedin in Romanen bezeugen, entfachte der Sturm und Drang in Schillers Jugenddramen die Begeisterung der für die sozialistische Revolution kämpfenden Rotarmisten.
Daß russische Dichter an Schiller sich maßen und mit Übersetzungen die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mächtig sich entfaltende neue russische Literatursprache in Wort und Form bereicherten, läßt erahnen, welch vielfältiges Bildungsgut von Schiller her in Rußland fruchtbar wurde. Unter den Dichtern von Rang, denen die Gestaltung der russischen Literatursprache zu danken ist. finden wir kaum einen, dessen Beziehungen zu Schiller nicht untersucht zu werden verdienten. Das Ringen um Schiller wurde Sache vieler Generationen, und es hört auch heute nicht auf.

Termine
Öffentliche Herbstsitzung 2016 09.12.2016 16:00 - 20:00 — Bibliotheca Albertina, Beethovenstraße 6, 04107 Leipzig
Horst-Michael Prasser: Basisinnovation bei Kernreaktoren 16.01.2017 18:30 - 20:00 — TU Dresden, Festsaal des Rektorats, Mommsenstr. 11, 01069 Dresden
Forum "Offenes Land - offene Fragen" 08.02.2017 18:00 - 20:00 — Karl-Tauchnitz-Str. 1, 04107 Leipzig