Plenarvorträge 1955

Vortrag am 12.12.1955

Friedrich Adolf Willers (Dresden), Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse

em. Professor für angewandte Mathematik an der TH Dresden, Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse seit 10. Mai 1954.

Rechenautomaten, insbesondere der Automat D 1

Nach einem kurzen Überblick über die geschichtliche Entwicklung sowohl der Analogiegeräte wie der automatischen Ziffern-Rechenmaschine wurden die Besonderheiten des am Institut für Angewandte Mathematik der Technischen Hochschule Dresden gebauten Automaten erörtert. Insbesondere wurden der Speicher, das Rechenwerk, das Befehlsrechenwerk und die Ein- und Ausgabevorrichtung behandelt. Am Schluß wurde auf die beim Rechenautomaten zu benutzenden Rechenverfahren, wie die Monte-Carlo-Methode, eingegangen.

 

 

Vortrag am 12.12.1955

Karl Barwick (Jena), Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse

Professor für klassische Philologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse seit 16. Mai 1949.

Probleme der stoischen Sprachlehre und Rhetorik

Nach einleitenden Bemerkungen über die Bedeutung sprachlicher und rhetorischer Probleme im philosophischen System der Stoa und einem Hinweis auf den stoischen Charakter von Augustins Schrift „Über die Dialektik“ wurde die Auffassung der Stoiker von der Entstehung der Sprache, ihrer Worte und Wortformen in großen Zügen rekonstruiert. Aus der Sprachschöpfungslehre der Stoa erklären sich die Methoden ihrer Etymologie, die kurz skizziert wurden. Etymologie und Sprachschöpfungslehre der Stoa sind von dem platonischen Kratylos stark beeinflußt, aber in entscheidender Weise um- und weitergebildet. Die antike Tropenlehre wurde als eine Schöpfung der Stoa erwiesen, die mit ihren Theorien von der Entstehung der Sprache eng zusammenhing; sie liegt aber nicht mehr in ihrer ursprünglichen Form vor, sondern in überarbeiteten und erweiterten Fassungen. Abschließend wurde die Stellung der Stoa zu den sprachlichen Neuschöpfungen der Gegenwart behandelt und gezeigt, daß sie, in Anlehnung an ihre Auffassung vom Ursprung der Sprache, mehrere Arten von Neubildungen unterschieden, deren Spuren z.B. noch bei Varro, Horaz und Quintilian begegnen.

 

 

Vortrag zur Öffentlichen Sitzung am 19.11.1955

Wolfgang Langenbeck (Halle), Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse

Professor für organische Chemie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse seit 10. Mai 1954.

Aktivierung als Kernproblem der Katalyse

Durch die Ostwaldsehe Definition der Katalyse ist diese zu einem Problem der Reaktionsgeschwindigkeit geworden. Die chemische Geschwindigkeit ist der physikalischen ganz analog, nur tritt an die Stelle des zurückgelegten Weges die umgesetzte Stoffmenge. Durch Einführung der molaren Konzentration erhält das Massenwirkungsgesetz die einfache Form dc/dt = c. Durch den Katalysator wird k vergrößert. Unter Aktivierung versteht man die Umwandlung eines schwach wirksamen Katalysators in einen stärker wirksamen. Die Aktivierung hat sowohl für die wissenschaftliche Katalyseforschung wie für die chemische Technik eine sehr große Bedeutung. Dies wird an den geschichtlichen Beispielen der Döbereinerschen Knallgaskatalyse (Döbereinersches Feuerzeug) und an der Entwicklung der Ammoniaksynthese nach Haber und Bosch dargelegt. Der von Mittasch entwickelte Begriff der Mischkatalysatoren läßt sich noch erheblich verfeinern. In eigenen Arbeiten des Vortragenden und seiner Mitarbeiter wurden die hochaktiven Mischsalzkontakte hergestellt. Sie entstehen durch Zersetzung von Mischkristallen der Salze eines edlen und eines unedlen Metalles mit reduzierenden organischen Säuren. Werden sie mit Wasserstoff erhitzt, so bekommt man ein äußerst fein verteiltes Gemisch aus dem edlen Metall und dem Oxyd des unedlen Metalles. Die Oberfläche dieser Kontakte ist sehr groß, z.B. 275 qm/g, und daher ist ihre Aktivität außerordentlich hoch. Bei homogenen Katalysatoren spielt die Oberfläche keine Rolle. Metallfreie organische Katalysatoren lassen sich aber durch Substitution aktivieren, Schwermetallionen durch Komplexbildung mit organischen Verbindungen. Solche Modellversuche lassen sich auf die Theorie der Fermentwirkung anwenden. Die vom Vortragenden 1927 begründete Hauptvalenztheorie der Fermente ist durch analytische Versuche und Anwendung von radioaktiven Isotopen in anderen Laboratorien bestätigt worden.

 

 

Vortrag am 17.10.1955

Johannes Kühn (Heidelberg), Korrespondierendes Mitglied der Philologisch-historischen Klasse

em. Professor der neueren Geschichte an der Universität Heidelberg, Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse 19. Juni 1943, Korrespondierendes Mitglied der Philologisch-historischen Klasse seit 1. Mai 1949.

Das geohistorische Grundgesetz Europas

In seinen Ausführungen versuchte der Vortragende, die Geschichte eines geohistorischen Hauptgesetzes zu umreißen. „Gesetz“ bedeutet die aus der eigentümlichen geographischen Lage Europas hervorgehende Raumregel mit Wirkung für die Nacheiszeit seit etwa 5000 Jahren. Sie besteht in immer wiederholten Einladungen der geographischen Gegebenheiten an die geschichtlichen Menschen dieses Raumes unter jeweils veränderten Formen ihres geschichtlichen Daseins. Europa ist danach durch immer neue Ströme nördlicher und östlicher Völker entstanden, die nach Sund W (bis an die jedesmal erreichbaren Grenzen) drangen. Das ergibt, schematisch gesprochen, die Form eines natürlichen „SW-Gefälls“, das zu einer immer engeren Verkeilung der Völker und Staaten führte, bei denen es überall zwei Hauptstoßrichtungen von Ausbreitung oder Einflußübung gab: eine im Grunde südwestliche Stoßrichtung und eine im Grunde nordöstliche Rückstoßrichtung. Sehr klar ergeben sich für die Geschichte der europäischen Hochkulturen vier Perioden:

1. die südeuropäisch-vorderasiatischen Hochkulturen von Indien bis Italien, getragen von zahlreichen, sämtlich von Norden gekommenen Menschengruppen,

2. die sogenannte mittelalterliche Kultur mit ihrer allmählichen Staatwerdung der überall von Norden und Osten her erneuerten Bevölkerung und der mächtigen rhythmischen Dynamik ihrer binneneuropäischen Vor- und Rückstöße,

3. die Eroberung der Hochsee durch die europäischen W-Völker einerseits, die Infiltration Nordasiens durch die Russen anderseits bewirken die Verlängerung des „Südwestgefälls“, das sich im W der Lage der Ozeane entsprechend weit aufgabelt. Es erzeugt an der Spitze seiner Bewegungen von Stoß und Rückstoß schließlich das englische Empire und das russische (eurasische) Imperium. Hinter England erhebt sich jedoch der Schatten eines geographisch noch begünstigteren Stärkeren: der USA.

4. Indem diese Flügelimperien sozusagen die natürlichen Grenzen ihrer Bewegungstendenzen gefunden haben, kommt es zur Rückwendung gegen das alte Europa. Die Macht der sich ständig verstärkenden Flügel der bewohnten Welt schlägt über Europa zusammen. Das ist der Zustand der Welt im 20. Jahrhundert.

 

 

Vortrag am 9.5.1955

Johannes Buder (Halle), Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse

em. Professor für Botanik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse seit 10. Mai 1954.

Der Phototropismus einzelliger Organe

Einzellige pflanzliche Organe sind für das Studium der Reizkrümmungen von besonderer Bedeutung, weil bei ihnen infolge ihrer einfacheren Organisation viele Komplikationen fortfallen, die bei den meist untersuchten Keimlingen von Mono- und Dikotylen das tiefere Eindringen in die entscheidenden Vorgänge erschweren. Der Vortragende berichtete zusammenfassend über die einschlägigen Untersuchungen, die er und seine Mitarbeiter seit 1918 an Sporangienträgern von Schimmelpilzen, Rhizoiden von Lebermoosen und Characeen sowie an Keimmyzelien parasitischer Pilze (Uredineen und Botrytis) durchgeführt haben und über die hierfür von ihm entwickelten Methoden. Eine dieser Methoden besteht in der Versenkung der normal in Luft wachsenden Organe in Wasser und Paraffinum liquidum, wodurch der Gang der Lichtstrahlen im Innern der durchsichtigen Organe entscheidend verändert werden kann; eine andere in der lokalisierten Partialbestrahlung der Organe mit feinen Lichtbüscheln. Diese wird dadurch erzielt, daß ein in Länge und Breite verstellbarer Spalt durch ein Mikroskopobjektiv geeigneter Brennweite und geringer Apertur auf dem Organ abgebildet und dieses mit dem feinen Lichtstrahl systematisch „abgetastet“ wird. Den Anstoß zu diesen Untersuchungen gab die 1914 von Blaauw zunächst für Phycomyces aufgestellte Hypothese, daß bei den phototropischen Krümmungen kein besonderer phototropischer Reizvorgang vorliege, sondern daß die Krümmung lediglich die Folge der von ihm entdeckten Lichtwachstumsreaktion (LWR) und der durch die einseitige Bestrahlung und die Linsenwirkung des Organs bedingten verschieden starken Beleuchtung der einzelnen Mantelzonen des Organs sei. Diese von den meisten Pflanzenphysiologen zunächst mit großer Skepsis aufgenommene Hypothese, die keineswegs den Rang einer Theorie beanspruchen konnte, obwohl in den Lehrbüchern meist von der „Blaauwschen Theorie“ gesprochen wird, erfuhr mit Hilfe der oben genannten Methoden eine eindringende Prüfung. Sie führte zu den folgenden Ergebnissen: 1. Alle einzelligen Organe, die phototropisch reagieren, zeigen eine entsprechende LWR. Sie kann positiv oder negativ sein, während aphototropische Organe, wie z.B. die Rhizoide von Chara, auch keine LWR aufweisen. 2. Das Wirkungsspektrum für die LWR und die phototropische Reaktion stimmt überein ; beide Vorgänge sind also auf den gleichen photochemischen Prozeß zurückzuführen. 3. Durchsichtige zylindrische oder paraboloide phototropische Organe mit pos. LWR krümmen sich in Luft positiv, in Par. liquidum negativ, solche mit neg. LWR dagegen in Luft negativ, in Par. positiv. Diese Inversion des Phototropismus beruht auf der Veränderung des Strahlenganges im Organ. In Luft wirkt es als Sammel-, in Paraffin als Zerstreuungslinie. 4. In einem Medium mit annähernd gleichem Brechungsindex wie der des Zellinhaltes wachsen die Organe ungekrümmt weiter, wenn sie einseitig (aber in ihrer ganzen Breite) belichtet werden. Durchstrahlt man sie aber nur halbseitig, so erfolgt eine Krümmung annähernd senkrecht zur Lichtrichtung, und zwar bei pos. L WR zum verdunkelten, bei neg. L WR zur erhellten Organhälfte hin. Damit ist zugleich eine Methode gefunden, rasch und bequem zu prüfen, ob eine pos. oder eine neg. LWR vorliegt oder ob eine LWR überhaupt fehlt. 5. Organe, die in der rezipierenden Zone nicht durchsichtig sind (wie z. B. die jungen Träger von Pilobolus kleinii, bei denen das lipoidgelöste Karotin bis zur äußersten Spitze reicht), zeigen eine neg. LWR. Hier kann es infolge der starken Lichtabsorption nicht zu einer Linsenwirkung kommen. Sie krümmen sich daher bei einseitiger Totalbeleuchtung stets positiv, und zwar gleichmäßig in allen Medien: Luft, Wasser und Paraffin. Das Ergebnis zeigt zudem schlagend, daß das lipoidgelöste Carotin, an dem sich nach der besonders von Bünning propagierten Lehrmeinung die entscheidenden photochemischen Prozesse abspielen sollten, dafür völlig belanglos ist und daß diesem Farbstoff hier nur die Rolle eines Lichtschirmes zukommt. 6. Durch geeignete partielle Belichtung einzelliger Organe lassen sich unter Umständen (besonders bei reifen Pilobolusträgern) auch unerwartete Krümmungseffekte erzielen, z.B. negative Krümmungen in Luft, positive in Paraffin. Aber auch diese erweisen sich bei genauer Analyse als erneute Bestätigung der aus den Versuchen unter Nr. 1–5 abzuleitenden Vorstellungen. 7. Bei durchsichtigen Organen mit einer Linsenwirkung empfängt in Luft natürlich die vordere Hälfte des Membranzylinders in summa mehr Licht als die Hinterhälfte. Wenn trotzdem die Konzentrierung der Strahlen auf den Brennstreifen einen größeren Effekt zur Folge hat und zu einer positiven Krümmung führt, so liegt die Ursache dafür nicht an dem längeren Weg der Strahlen in der hinteren Zylinderhälfte (wie es Castle vermutet), sondern daran, daß das verstärkte Wachstum an der mechanisch günstigsten Stelle erfolgt (längerer Hebelarm!). Die entscheidenden photochemischen Prozesse spielen sich zudem nicht im Innern des Trägers ab, der oft nicht einmal ganz mit Plasma erfüllt ist, sondern meist einen ansehnlichen Saftraum enthält, sondern in der der Wand unmittelbar anliegenden Plasmahaut. Die Richtigkeit dieser Auffassung läßt sich durch geeignete partielle Belichtung erweisen. Durch die Versuche zu 1–7 hat nunmehr die Blaauwsche Hypothese für einzellige Organe den Rang einer wohlbegründeten Theorie erhalten, die allen bisherigen scharfen Prüfungen gerecht geworden ist. Weitere Versuche mit chlorophyllhaltigen einzelligen Organen (Moosprotonemen, Nitella-Internodien und grünen Algen), die z.Z. noch nicht völlig abgeschlossen sind, werden das Gesamtbild wohl durch einzelne neue Züge bereichern, dürften aber an den gewonnenen Grundvorstellungen nichts Wesentliches ändern.

 

 

Vortrag am 9.5.1955

Johann Fück (Halle), Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse

Professor für semitische Philologie und Islamkunde an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse seit 1. Juli 1948.

Die Sprachtheorie des Sibawaih

Die Grammatik des Sibawaih (Ende des 8. Jahrhunderts) ist die älteste erhaltene systematische Darstellung der arabischen Sprache. Sie behandelt die klassische, aus Koran und Dichtung bekannte ’Arabîya, welche zur Zeit des Sibawaih nur noch von den Beduinen gesprochen wurde. Ihr Kennzeichen ist der sog. I’rāb, d.h. das Auftreten bzw. Fehlen der auslautenden Vokale -a, -i, -u im Nominativ, Genitiv, Akkusativ gewisser Nominalformen und im Indikativ, Subjunktiv und Apokopatus gewisser Verbalformen. Die Endungen sind mit dem „flektierten“ Wort nicht fest verbunden, sondern erscheinen nur im Satzinnern , sie fehlen am Satzende, bei größeren Sinnesabschnitten und beim Aufzählen. Der I’rāb ist somit kein Teil der Formenlehre (Sibawaih sind die Begriffe Kasus, Modus, Deklination und Konjugation unbekannt), sondern das zentrale Problem der Syntax. Das Auftreten des I’rāb gilt stets als Folge eines (notfalls zu supponierenden) Agens (das unserm Regens entspricht). Die Anordnung in Sibawaihs Werk ist daher von syntaktischen Gesichtspunkten bestimmt; die Lehre der Nominal- und der Verbalbildung wird an die Syntax angehängt, die Behandlung phonetischer Erscheinungen ans Ende verwiesen. Diese Darstellung entspricht somit der synchronischen Sprachforschung de Saussures und der Genfer Schule; d.h., sie betrachtet die Sprache als ein geschlossenes System konventioneller Sinnzeichen, deren jedes erst durch sein Verhältnis zu den andern Zeichen Wert und Geltung gewinnt. Dagegen kennt Sibawaih keine diachronische, die geschichtliche Sprachentwicklung verfolgende Betrachtung. Dadurch erweist er sich als Vertreter jenes aus dem orientalischen Hellenismus stammenden strukturalen Denkens, welches auch in den anderen Wissenschaften des mittelalterlichen Islams, in der Naturphilosophie, Alchemie, Astrologie usw. vorherrscht, wenn auch im Unterschied von diesen Disziplinen die arabische Nationalgrammatik eine vorwiegend selbständige Entwicklung durchgemacht hat.

 

 

Festvortrag zur Öffentlichen Sitzung am 16.4.1955

Albrecht Alt (Leipzig), Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse

Professor für alttestamentliche Wissenschaft an der Universität Leipzig, Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse seit 19. November 1932.

Ein Grundproblem der Geschichte des alten Orients

Die Frage, ob die Geschichte des Vorderen Orients von ihren Anfängen bis auf Alexander den Großen als eine Einheit zu verstehen ist, kann sicher nicht in dem Sinn bejaht werden, daß die Bevölkerung der Länder im Umkreis des östlichen Mittelmeeres von jeher mit Bewußtsein ein gemeinsames Leben geführt oder auch nur angestrebt hätte. Vielmehr zeigt allein schon die grundverschiedene Gestaltung des Staates, der Schrift, der Kunst und anderer wesentlicher Dinge, die sich in den ältesten uns dort bekannten Kulturzentren, in Ägypten und Babylonien, sogleich bei ihrem Eintritt in die Geschichte um und nach 3000 v.Chr. herausgebildet hat, daß zwischen ihnen trotz allem sie verbindenden Erbe aus ihrer prähistorischen Vergangenheit keine vorgegebene Einheit bestand, die weiterhin zwangsläufig nur zu noch vollerer Entfaltung in der gleichen Richtung hätte kommen müssen. Und was von diesen Ländern gilt, trifft gewiß auch auf die anderen zu, die uns erst später historisch sichtbar werden; schon ihre geographische Lagerung in einem halbkreisförmig von Ägypten bis nach Babylonien reichenden schmalen Gürtel um die arabische Wüste her läßt kaum etwas anderes erwarten, und die bunte Zusammensetzung ihrer Einwohnerschaft konnte ihre Neigung zum Abschluß gegeneinander nur verstärken. Dennoch machen sich von ziemlich frühen Zeiten an auch Tendenzen zur geschichtlichen Verknüpfung größerer Räume über die Grenzen der einzelnen Länder hinaus bemerkbar und nehmen allmählich immer wirksamere Formen an, sei es in Großreichbildungen wie schon in der zweiten Hälfte des 3. Jahrtausends von Babylonien aus bis in das östliche Kleinasien, sei es in gegenseitigen Verflechtungen zwischen einer Vielzahl von Herrschaften, wie wir sie neuerdings auf Grund der Briefe aus dem Archiv der Könige von Mari am mittleren Euphrat in der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends für das ganze Gebiet von Palästina und Syrien über Mesopotamien und Assyrien bis nach Babylonien beobachten können, oder schließlich sogar in einem Gleichgewicht zwischen nur wenigen einander berührenden Großmächten, wie es sich in der zweiten Hälfte desselben Jahrtausends zwischen dem Pharaonenreich Ägyptens, dem Reich der Hettiter in Kleinasien und Nordsyrien und den Reichen von Assyrien und Babylonien entwickelt hat. Das war dann freilich eine im ständigen Wechsel der politischen Konstellationen erst werdende geschichtliche Einheit. Aber gegen Ende des 2. Jahrtausends brach dieses umfassende System wieder auseinander und hinterließ zunächst nur einen Trümmerhaufen, aus dem erst in der ersten Hälfte des 1. Jahrtausends sozusagen ganz von vorne an ein neuer Anlauf zur Herstellung der Einheit des Orients gemacht werden konnte. Der neue Anlauf vollzog sich aber in wesentlich anderen Formen als alles Bisherige, nämlich in einer Reihe einander ablösender Großreiche, bei deren Errichtung es von vornherein nicht auf ein Gleichgewicht zwischen mehreren Mächten, sondern auf die Unterwerfung möglichst aller Länder durch eine einzige Herrschaft abgesehen war. Die vielen kleinen Staaten, die der Zeit vorher das politische Gepräge gegeben hatten, verloren jetzt ihre Selbständigkeit und wurden in Provinzen der Großreiche verwandelt; darüber hinaus suchten besonders die Assyrer die angestammte Eigenart der von ihnen besiegten Völker durch die Deportation ihrer Oberschichten in andere Gegenden zu brechen. Hätte dieses radikale Verfahren sein Ziel erreicht, so wäre die ganze Bevölkerung des Orients zu einer gestaltlosen Masse verschmolzen und damit in gewissem Sinne eine Einheit gewonnen worden. Aber die Widerstände waren begreiflicherweise zu stark, und die Perser handelten vernünftig, indem sie bis auf Ausnahmefälle diese Politik aufgaben. Sie begnügten sich in der Hauptsache mit der Durchsetzung und Wahrung der herrschaftsmäßigen Einheit und gestatteten ihren Untertanen in den nichtpolitischen Dingen, vor allem in der Religion und im Recht, die Beibehaltung und Pflege dessen, was seit alters den Kern ihres Wesens ausgemacht hatte. Nur der äußere Rahmen der Einheit des Orients war somit fertig, als Alexander das Perserreich eroberte; die Füllung dieses Rahmens mit neuen gemeinsamen Gehalten blieb den geistigen Mächten der Folgezeit, dem Hellenismus, dem Christentum und dem Islam vorbehalten.

 

 

Vortrag am 14.3.1955

Georg Spackeler (Freiberg), Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse

Professor für Berbaukunde an der Bergakademie Freiberg, Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse seit 16. Januar 1950.

Untersuchungen bei bergmännischer Schießarbeit

Der Redner berichtete über die in seiner Forschungsstelle durchgeführten Versuche zur Verbesserung der bergmännischen Schießarbeit. Zwei Aufgaben standen dabei im Vordergrund: 1. die Messung der Detonationsgeschwindigkeit unserer brisanten Sprengstoffe im Bohrloch mit den sich daraus ergebenden Folgerungen für die bergmännische Schießarbeit und 2. die Bestimmung der zweckmäßigsten Verzögerungszeit zwischen den Einzelschüssen einer größeren Schußreihe.

Zu 1: Unter Mitwirkung des Instituts für Theoretische Physik und Geophysik der Bergakademie Freiberg wurde ein Meßgerät gebaut, mit dessen Hilfe es möglich ist, den Verlauf der Detonation im Bohrloch zeitlich genau zu verfolgen. Zahlreiche bergmännische Beobachtungen deuteten darauf hin, daß die Detonationsgeschwindigkeit unserer üblichen Sprengstoffe keine allein vom Sprengstoff abhängige Größe ist, sondern daß das einschließende Gestein einen erheblichen Einfluß auf diese ausübt. Die Messungen wurden mit dem gebräuchlichsten Sprengstoff Donarit 1 durchgeführt. Sie bestätigten die genannten Vermutungen. Vor allem erklärten sie viele Erscheinungen des Salzbergbaus durch den Nachweis, daß die Detonationsgeschwindigkeit mit der Härte des Gesteins zunimmt, daß sie aber im Salz am höchsten, also noch über der im festesten Gestein wie Gneis und Porphyr liegt. Diese Feststellung erlaubte wichtige Hinweise zur Verbesserung der Schießarbeit in sicherheitlicher und wirtschaftlicher Hinsicht, z.B. die Bestimmung der für jedes Gestein verschiedenen zulässigen maximalen Tiefe eines Schießbohrloches, die zweckmäßige Verteilung des Sprengstoffes im Bohrloch, die Abhängigkeit des Bohrloch- und Patronendurchmessers voneinander, den Einfluß des Packpapiers zwischen den Patronen u.a.

Zu 2: In gleicher Weise wurde ein Gerät konstruiert, mit dessen Hilfe es möglich ist, bei der elektrischen Zündung von Sprengpatronen die Verzögerungsdauer gegen den vorhergehenden Schuß auf einige tausendstel Sekunden (ms) herabzusetzen und dieses Zeitintervall nicht nur sehr genau festzulegen, sondern auch zwischen 10 und 90 ms beliebig zu variieren. Dadurch war es möglich, die in der ausländischen Literatur stark hervorgehobenen Vorteile so kleiner Verzögerungszeiten als richtig zu bestätigen und mit diesem Gerät ohne chemische Verzögerungszünder, die wir aus dem Auslande einführen müßten, ein ms-Schießen durchzuführen. Als Vorteil ergab sich dabei noch, daß die Zünderfabriken bei der Empfindlichkeit der Fabrikation nur eine gleichbleibende Verzögerungsstufe kennen, bei den westdeutschen Zündern z.B. eine solche von 32 ms, während wir mit unserem neuen Gerät die günstigste Verzögerung erprobt und angewandt haben. Es ergab sich, daß wenigstens im Salz und im festen Kalkstein die Verzögerungszeit von rd. 20 ms günstiger wirkt als eine solche von 32 ms, daß man mit chemischen Zündern also nicht die optimale Leistung erreichen kann. Die Vorteile des ms-Schießens liegen nicht nur im größeren mengenmäßigen Ertrage der Schießarbeit, sondern auch in der Verteilung des Haufwerkes, so daß die Lademaschinen besser angreifen können, in geringerem Anreißen des stehenbleibenden Gebirges und in der Lieferung eines feinstückigen Haufwerkes, so daß die Lademaschine ohne nachträgliche Zerkleinerung der groben Stücke arbeiten kann.

 

 

Vortrag am 14.2.1955

Friedrich Weller (Leipzig), Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse

Professor für Indologie an der Karl-Marx-Universität Leipzig, Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse seit 19. Juni 1943.

Die Legende von Śunaḥśepa im Aitareyabrāhmaṇa und Śāṅkhāyanaśrautasūtra

Untersucht man die Geschichte, wie sie in beiden Texten steht, dann zeigt sich, daß sie aus mehreren Teilerzählungen kompiliert ist, die von Haus aus nicht zusammengehören. Die erste von ihnen, diejenige vom König Hariścandra, seinem Sohne Rohita und Śunaḥśepa, gibt den Ausgang für die weitere Klitterung ab. Sie hat ursprünglich nichts mit der Königsweihe zu tun. Warum sie darein verflochten wurde, läßt der Text nicht erkennen. Sie lief tragisch aus. Die daran angeschlossene Erzählung, nach welcher Śunaḥśepa vom Opfertode befreit wurde, entstammt brahmanischen Kreisen, während die erste in denen der Kṣatriya beheimatet ist. In ihrer gegenwärtigen Gestalt ist sie ebenfalls kompiliert, eine ältere Form dieser Teilgeschichte läßt sich dadurch gewinnen, daß die Stelle Aitareyabrāhmaṇa vii 16, 7–12 und ihre Parallele im Śāṅkhāyanaśrautasūtra ausgemerzt werden kann. Sehr stark kompiliert ist die folgende Teilerzählung von der Adoption Śunaḥśepas durch Viśmāmitra. Unter ihren verschiedenen Fassungen ist die Erzählung in Prosa (Aitareyabrāhmaṇa vii 17, 2 = Śāṅkhāyanaśrautasūtra, S.193) die älteste. Die einschlägigen Berichte in den Versteilen sind jünger. Wie die Legende als Ganzes sind auch die Teilerzählungen kompiliert. Dies gilt für Prosa- wie Versteile. Weil dabei die Prosa unterweilen kompilierte Versbestände voraussetzt, muß sie in diesen Fällen jünger sein als die kompilierten Verspartien. Erhellt schon daraus, daß diese Legende eine ziemlich verwickelte Entwicklungsgeschichte hinter sich hat, so ergeben sprachliche Eigentümlichkeiten des Aitareyabrāhmaṇa, daß der textliche Zustand der Legende hier nicht immer älter ist als im Śāṅkhāyanaśrautasūtra. Andererseits ist die Erzählung in diesem Werke unterweilen weiter entwickelt als in jenem (Aufenthalt Rohitas im Walde). Aufs ganze gesehen, ist die Legende in beiden Überlieferungszweigen einheitlich kompiliert. Das schließt aus, daß ihre in beiden Werken vorliegende Form auf mündlicher Überlieferung beruhe. Diese muß letzten Endes auf ein gemeinsames Manuskript zurückgehen, welches überarbeitet war. Da Prosa- wie Versteile verschiedene Ursprünge und Verfasser voraussetzen, scheidet diese Legende aus, die Ākhyāna-Theorie als richtig zu erweisen.

 

 

Vortrag am 24.1.1955

Richard Arwed Pfeifer (Leipzig), Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse

Professor für Hirnforschung an der Karl-Marx-Universität Leipzig, Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse seit 16. Mai 1949.

Über den gegenwärtigen Stand der Hirnforschung

Nach kurzem geschichtlichen Überblick wird die Aphasielehre in einer neuen Auffassung dargestellt. Es wird Abstand genommen von einer kompakt-stationären Lokalisation der Sprache zugunsten einer dynamischen Auffassung, nach der die anatomischen Fundamente der Sprache über ausgedehnte Rindenfelder dispergiert sind. Diese Arbeitshypothese wird anatomisch belegt an dem Beispiel der Besetzung des Daumenfeldes auf einem ganzen Drittel der vorderen Zentralwindung. Auch phänomenologisch ersieht man die Möglichkeit der Lockerung einer anatomisch-regionär einheitlich erscheinenden Funktion, wie z. B. der Musikalität. Dies wird gezeigt an den musikalischen Leistungen dreier verschiedener Musikertypen, von denen der eine behauptet, sein musikalisches Gedächtnis in den Fingerspitzen zu haben, der andere vom Akustischen her soweit fixiert erscheint, daß ihm von da aus eine getreue Wiedergabe möglich ist, der dritte in seinen musikalischen Gedächtnisleistungen auf optische Anhaltspunkte verwiesen ist, die ihm das Notenblatt bietet.

 

 

Vortrag am 24.1.1955

Otto Eißfeldt (Halle), Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse

Professor für Altes Testament und Semitische Religionsgeschichte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse seit 1. Juli 1948.

Das Lied Moses (5. Buch Mose 32, 1–43)

Das Lied, das Mose nach der Überlieferung kurz vor seinem Tode gedichtet und seinem Volke kundgetan hat, um ihm die göttliche Strafe für seinen vorausgesehenen Abfall, aber zugleich auch Gottes wiederkehrendes Erbarmen kundzutun, hat bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts allgemein für echt gegolten. So hat Herder in seiner Schrift „Vom Geist der Ebräischen Poesie“ 1782 es begeistert Moses letztes Flammenlied genannt und von ihm gesagt, daß in ihm „ganz der flammende Berg, die Feuer- und Wolkensäule, die vor Israel zog, und in ihr der Engel des Angesichts Jehovas“ deutlich würde. Seit etwa 1800 ist wenigstens von der Mehrheit der Forscher diese Auffassung preisgegeben, und seitdem wird das Lied viel späterer Zeit zugeschrieben, wobei die Ansetzungen zwischen dem 9. und dem 5. Jahrhundert v.Chr. schwanken, je nachdem, wen man unter dem Feind versteht, der in dem Liede als Gottes Strafwerkzeug genannt wird. Bei seiner Deutung auf die Aramäer ist die Ansetzung des Liedes im 9. Jahrhundert v.Chr. gegeben, bei seiner Beziehung auf die Assyrer das 8., bei seiner Identifizierung mit den Chaldäern (Babyloniern) das 7. oder 6., und wer in dem Feinde gar die Samaritaner sieht, muß mit der Ansetzung des Liedes bis ins 5. Jahrhundert v.Chr. hinuntergehen. Nun enthält das Lied so viele und so deutliche Hinweise auf eine um 100 und mehr Jahre spätere Zeit als Mose, daß es ihm unmöglich zugeschrieben werden kann. Aber andererseits deutet vieles auf die Identität des in ihm genannten Feindes mit den Philistern hin, was die Ansetzung des Liedes um etwa 1050 v.Chr. zur Folge hat.

Termine
Öffentliche Herbstsitzung 2016 09.12.2016 16:00 - 20:00 — Bibliotheca Albertina, Beethovenstraße 6, 04107 Leipzig
Horst-Michael Prasser: Basisinnovation bei Kernreaktoren 16.01.2017 18:30 - 20:00 — TU Dresden, Festsaal des Rektorats, Mommsenstr. 11, 01069 Dresden
Forum "Offenes Land - offene Fragen" 08.02.2017 18:00 - 20:00 — Karl-Tauchnitz-Str. 1, 04107 Leipzig