Plenarvorträge 1998

 

Vortrag am 11.12.1998
Lothar von Wolfersdorf (Freiberg), Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse:


„Einige Klassen quadratischer Integralgleichungen“

In Theorie und Anwendung der Mathematik spielen naturgemäß lineare Operatorgleichungen, speziell lineare Integralgleichungen, die Hauptrolle. Insbesondere seit der Jahrhundertwende werden die lokalen Lösungsverhältnisse bei nichtlinearen Operatorgleichungen untersucht. Heute steht die Untersuchung globaler Lösungen für die verschiedensten Klassen von nichtlinearen Gleichungen im Mittelpunkt des Interesses.

Einen einfachen Typ von nichtlinearen Gleichungen stellen quadratische Integralgleichungen dar. Für gewisse Klassen solcher Integralgleichungen, insbesondere Integralgleichungen vom Faltungstyp, lassen sich mit speziellen Methoden Aussagen über ihre globale Lösbarkeit gewinnen. Schwerpunkt des Vortrags ist die Anwendung der Methode der sukzessiven Approximationen in einer Skala von gewichteten Normen auf eine allgemeine Klasse von Faltungsgleichungen.

Die erhaltenen Existenz-, Eindeutigkeits- und Stabilitätsaussagen für die globale Lösung solcher Gleichungen finden Anwendung bei der Identifikation von Memory-Kernen in der linearen Viskoelastizitätstheorie und bei der Behandlung räumlich eindimensionaler Wellenprobleme mittels eines Reflexionsoperators. Weiterhin wird kurz eine neuartige Klasse nichtlinearer Integralgleichungen vom Wiener-Hopf-Typ betrachtet, die bei der Identifikation von Memory-Kernen bei (in t = – ∞ beginnenden) Prozessen ohne Anfangsbedingung auftritt.

Schließlich wird eine Klasse von quadratischen Integralgleichungen gelöst, bei denen die gesuchte Funktion unter dem Integral auch von der Summe der Variablen abhängt (wie bei Faltungsgleichungen von der Differenz der Variablen) und die im engen Zusammenhang mit der bekannten H-Gleichung von Chandrasekhar-Ambarzumjan aus der Theorie des Strahlungstransports steht.

 

Vortrag am 11.12.1998
Rosemarie Lühr (Jena), Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse:


„Zeit und Ewigkeit in der Indogermania“

Als den deutschen Sprachwissenschaftlern in den fünfziger Jahren mit einiger kriegsbedingter Verzögerung die ersten Informationen über die neueren amerikanischen Forschungen zu den Indianersprachen zukamen, sorgten vor allem die Hopi-Indianer für nicht geringe Aufregung. Denn die Hopi, so hieß es, hätten in ihrer Sprache keine Zeitbegriffe. Und manche Forscher sahen sich dadurch in ihrer Auffassung bestätigt, daß – nach der bekannten Sapir-Whorf-Hypothese – jede Sprache ihr eigenes Weltbild habe und man daher nicht einfach diejenigen Kategorien voraussetzen dürfe, die einem aus der eigenen Sprache oder der Lateingrammatik geläufig sind. Andere waren skeptisch, weil sie Zeitvorstellungen für ein Universale hielten und der Überzeugung waren, daß in jeder Kultur aus rein praktischen Gründen zwischen „gestern“ und „morgen“ unterschieden werden müsse. Mittlerweile ist der Streit dahingehend entschieden, daß zwar die Hopi-Sprache durchaus Zeitbegriffe hat. Aber es hat sich auch gezeigt, daß die Ausdrucksformen für Zeitvorstellungen in den verschiedenen Sprachen sehr unterschiedlich sein können und daher die Warnung vor der unkritischen Übertragung eigener Konzeptionen durchaus berechtigt ist.

Auch innerhalb der Indogermania sind die sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten und die Konzeptionen für Zeitvorstellungen recht vielfältig. Metasprachliche Aussagen über die Zeit sind erst aus vergleichsweise späten Phasen der Sprachentwicklung zu erwarten, und will man etwas über die Möglichkeiten und Entwicklungen der Zeitvorstellungen in der Indogermania erfahren, so muß man auf die sprachhistorische Analyse zurückgreifen.

Beginnt man die Untersuchung auf lexikalischer Ebene, etwa mit einer Analyse der Begriffe für Zeitrechnung, so zeigt sich dabei schon die ganze Vielfalt der Ausdrucksformen einerseits, die Einheitlichkeit bezüglich universell geltender Vorstellungen andererseits. Ob eine Sprache zum Beispiel Begriffe für drei, vier oder fünf Jahreszeiten hat, hängt von verschiedenen kulturhistorischen Faktoren ab. Aber eine Monatsberechnung nach dem Mondkalender scheint so naheliegend zu sein, daß sie in den unterschiedlichsten Kulturen unabhängig voneinander entstehen konnte. Die etymologische Betrachtung der Wörter für Zeit und Ewigkeit in den ältesten Texten der indogermanischen Sprachen erlaubt jedenfalls die Rekonstruktion des lexikalischen Feldes für diese Begriffe und liefert so die älteste Konzeption lexikalisch ausgedrückter Zeitvorstellungen unserer Kultur. Auf die lexikalischetymologische Betrachtung dieser Zeitbegriffe folgt der Vergleich mit den Tempus bezeichnenden grammatischen Kategorien dieser Sprachen. Zu fragen ist, ob Korrelationen bei der Bezeichnung von Temporalität zwischen Lexikon und Grammatik bestehen und ob Grammatikalisierungstendenzen schon grundsprachlich angelegt sind. Ein Blick auf jüngere Sprachstadien indogermanischer Sprachen macht abschließend deutlich, wie sich ein konzeptionelles System für die Begriffe Zeit und Ewigkeit verändern kann.

 

Vortrag am 13.11.1998, Öffentliche Gesamtsitzung
Matthias Werner (Jena), Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse:


„West und Ost in der deutschen Landesgeschichte des Mittelalters“

Mit seiner Mittellage zwischen den alten romanischen Kulturräumen des Westens und den slawischen Kulturzonen Ostmitteleuropas und in seinem Westen wie Osten jeweils Teil von ihnen, wies das mittelalterliche deutsche Reich, damit tief zu seinen fränkischen Ursprüngen zurückreichend, einen deutlichen west-östlichen Kontrast mit höchst unterschiedlichen, z.T. phasenversetzten kulturellen, herrschaftlichen, wirtschaftlichen und kirchlichen Entwicklungsvoraussetzungen auf. In den Jahrhunderten zwischen der Formierung des deutschen Reiches im 10./11. Jahrhundert bis zum Vorabend der Reformation wurden diese Kontraste durch eine Fülle wechselseitiger Kontakte, westöstlicher Entwicklungsimpulse und zunehmender Ausgleichsvorgänge überlagert. Divergierend zu diesen Entwicklungen verliefen die Prozesse im politisch-herrschaftlichen Bereich. Weder der Westen noch der Osten konnten dauerhaft zu königsnahen Zentrallandschaften mit reichsweiter Integrationskraft aufsteigen, wohl aber zählten ihre Fürsten und Landesherren – zunächst bis zum Einsetzen territorialer Zersplitterung im 13./14. Jahrhundert im Westen, dann mit dem Ausbau geschlossener großer Territorien im Osten – zu den einflußreichsten Territorialgewalten im Reich und damit zu den wichtigsten politischen Trägern des Reichsgefüges. In den Wandlungsprozessen nach dem Ende des staufischen Kaisertums (1250) setzte eine politische Gewichtsverlagerung zu den größeren, jüngeren Territorien im Osten des Reiches ein (Österreich, Böhmen, Brandenburg, Meißen), die von einem dichten politisch-dynastischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungsnetz in den Westen flankiert war und der wichtige Ausgleichsprozesse und schließlich eigene ostwestliche Rückimpulse entsprachen. Die gewandelte, aber niemals in Frage gestellte Kohärenz des sich nach Osten erweiternden Reiches bot den Rahmen dieser vielfältigen West-Ost-Akzentuierung und sich wandelnder West-Ost-Verflechtung, die zu den wichtigsten Elementen für die allmähliche Formierung übergreifender Identität in dem staatlich eher locker gefügten hoch- und spätmittelalterlichen Reich zählte.

Der Vortrag sucht diese zentralen, viel diskutierten Aspekte deutscher Geschichte des Mittelalters am Beispiel der Rheinlande und Sachsen-Thüringens als zweier besonders markanter, historisch bedeutsamer Trägerräume west-östlicher Kontakte, Phasenverschiebungen und Ausgleichsprozesse näher zu analysieren. Die Rheinlande und Thüringen-Sachsen waren jeweils zentrale Kontaktzonen im romanisch-deutschen bzw. deutsch-slawischen Bereich mit hoher Eigenprägung und weitreichenden west-östlichen Transferfunktionen. Beide Räume standen seit fränkischer Zeit in engem Kontakt zueinander, waren im Hoch- und Spätmittelalter durch eine Vielzahl dynastischer, politischer, kultureller, wirtschaftlicher und kirchlicher Verbindungen miteinander vernetzt, gehörten andererseits aber sehr unterschiedlichen kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Einflußzonen und regionalen Zusammenhängen an. An Beispielen wie adeligen Heiratsverbindungen, monastischen Reformbewegungen, den rheinischen Verbindungen der Landgrafen von Thüringen, dem Verhalten bei hoch- und spätmittelalterlichen Königswahlen, künstlerischen und wirtschaftlichen Kontakten oder auch denen der spätmittelalterlichen Universitäten sollen in einem ersten Schritt die Dichte und Vielfalt der Verbindungen zwischen diesen beiden west-östlichen Kernräumen in der Mitte des Reiches aufgezeigt und in ihrer Bedeutung für kulturelle Entwicklungs- und Ausgleichsprozesse befragt werden. In einem zweiten Schritt ist zu fragen, inwieweit dieser Intensität der Kontakte eine wechselseitige Wahrnehmung bzw. eine kontrastierende eigene Identitätsbildung entsprachen und inwieweit ein übergreifendes Reichsbewußtsein im Sinne gemeinsamer Zugehörigkeit erkennbar wird. Abschließend sollen die regionalen Befunde in den größeren Rahmen der Ambivalenz von regional-territorialer Eigenständigkeit und übergreifender Kohärenz als einem Wesensmerkmal deutscher Geschichte des Mittelalters eingebunden werden. Hierbei versteht sich der Vortrag auch als ein Beitrag zu Möglichkeiten und Aufgaben moderner vergleichender Landesgeschichtsforschung.

 

Vortrag am 9.10.1998
Ernst Schlegel (Freiberg), Ordentliches Mitglied der Technikwissenschaftlichen Klasse:

 

Wärmedämmstoffe für den Wärmeschutz von Gebäuden und Anlagen“

Die in den Energieträgern auf der Erde gespeicherte Arbeit ist endlich. Mit der technischen Entwicklung und unserem Lebensstandard hat der Energiebedarf zugenommen. Die Vernunft, wirtschaftliche und ökologische Erfordernisse gebieten, Energie nicht zu vergeuden. Gegenwärtig ist die effektivste Form der Energieeinsparung der Wärmeschutz durch Wärmedämmung.

Wärmedämmstoffe sind Bau- oder Werkstoffe, die zum Wärmeschutz von Gebäuden, Anlagen oder Konstruktionen dienen. Sie sollen den Wärmefluß durch ein Bauteil, das einen Temperaturgradienten aufweist, minimieren. Innerhalb der Wärmedämmstoffe wird die Wärme durch Leitung und Strahlung transportiert. Aus der Analyse der Wärmetransportprozesse lassen sich Regeln für einen idealen Wärmedämmstoff ableiten. Es gibt eine breite Palette von Wärmedämmstoffen, die meist aus einem Feststoffgerüst und gasgefüllten Poren bestehen (Schäume oder Fasern) und die von einfachen Holzwolle-Leichtbauplatten bis zu vakuumierten high-tech-Konstruktionen reichen. Jährlich werden etwa 25 Mill. m3 Dämmstoffe in Deutschland verbraucht. Gegenwärtig werden einige Produkte kritisch bewertet, weil zahlreiche faserförmige Wärmedämmstoffe als krebserzeugend eingestuft und organische Dämmstoffe teilweise mit FCKW-Gas geschäumt wurden. Deshalb werden Ersatzstoffe entwickelt. Wärmeschutz ist immer eine komplexe Aufgabe; die Planung, Ausführung, die technischen Einrichtungen und das Nutzerverhalten bestimmen über den Erfolg der Energieeinsparung. Insgesamt gibt es überzeugende Ergebnisse, z.B. das Nullheizenergiehaus, die Halbierung des Energieverbrauchs bei Hochtemperaturanlagen in den letzten 20 Jahren und die reale Möglichkeit zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes.

 

Vortrag am 9.10.1998
Klaus Arnold (Leipzig), Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse:


„Flüssigkristalline Struktur der Zellmembran und die Fusionsmaschinerie der Zellen“

Der Weg zur Aufklärung der Struktur der Zellmembran war lang, weil viele technische und methodische Schwierigkeiten zu überwinden waren. Seit 1839, dem Jahr der Einführung der Zelltheorie, vergingen mehr als hundert Jahre bis zur Entdeckung der Bilayerstruktur als Grundbaustein der Membran. Der Weg, wie diese Struktur entdeckt wurde, ist ein bemerkenswertes Beispiel für interdisziplinäre Zusammenarbeit. Diese Entwicklung hat 1972 einen vorläufigen Abschluß mit der Aufstellung des Fluid-Mosaik-Modells der Zellmembran gefunden. Die Ausgestaltung dieses Modells, das eine hohe Beweglichkeit der molekularen Komponenten der Membran postuliert, hat zur Entwicklung physikalischer Methoden zur Messung von dynamischen Prozessen in breiten Zeit- und Raumbereichen geführt, so daß heute nicht nur Messungen an einzelnen Zellen, sondern auch an Einzelmolekülen in den Membranen möglich geworden sind. In den letzten Jahren konnten insbesondere die Kenntnisse über die flüssigkristallinen Eigenschaften der Membranstruktur vertieft werden.

Die mechanische Stabilität der Zellmembran kann jetzt zufriedenstellend erklärt werden. Wir verstehen aber noch nicht die Fusion der Zellen, die mit einer vorübergehenden Destabilisierung (Porenbildung) der Membranen verbunden ist und einen wichtigen zellphysiologischen Prozeß darstellt (Befruchtung, Sekretion, Infektion …). Die molekularbiologische Forschung hat zwar mehr als 20 Proteine identifiziert, die am Fusionsprozeß beteiligt sind, aber die an der Membran ablaufenden Strukturveränderungen bis zur Bildung der Fusionspore werden noch nicht verstanden. Wie in den frühen Tagen der Membranforschung ist die Kenntnis der molekularen Bestandteile zwar ein wichtiger Schritt, aber doch nur der Anfang für die Erforschung der Fusionsmechanismen. Diese Aufgabe kann nicht von der Molekularbiologie allein gelöst werden, sondern erfordert interdisziplinäre Zusammenarbeit.

Die Entwicklung zur Aufklärung der Membranstruktur ist ein Beispiel für die Nutzung von Modellen, in denen sowohl im Experiment als auch in der Theorie Vereinfachungen der Biomembran vorgenommen worden sind, die das Studium einzelner Eigenschaften einer sehr komplizierten biologischen Struktur mit physikalischen Methoden ermöglichten. Dabei hat man auch gelernt, die Membran auf künstlichem Weg zu rekonstruieren, so daß nicht nur die Herstellung künstlicher Membranen, sondern auch künstlicher Zellstrukturen möglich geworden ist. Daraus haben sich sehr vielseitige Anwendungen in der Biotechnologie und der Medizin ergeben. In der Gentechnik werden beispielsweise Zellen künstlich fusioniert oder Fremdgene in Zellen eingeführt. Künstliche Membranvesikel (Liposomen), in denen Gene oder Pharmaka eingeschlossen sind, können diese Transportfunktion übernehmen. Viele Probleme waren zu lösen, um die Stabilität dieser künstlichen Systeme in biologischen Flüssigkeiten zu verbessern. Diese Techniken haben sich über mehr als zwei Jahrzehnte in der Grundlagenforschung entwickelt und erreichen jetzt das Stadium einer praktischen Anwendung.

 

Vortrag am 12.6.1998
Karl Mannsfeld (Dresden), Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse:


„Gewässerreinhaltung und Landnutzung – ModelIierungsansätze zur Erfassung diffuser Stoffeinträge“

Die noch immer anhaltenden stofflichen Belastungen des Oberflächenwassers, des Bodens und des Grundwassers stellen einen aktuellen Schwerpunkt des Umweltschutzes dar. Aufgrund des komplizierten Prozeßgeschehens zwischen Nutzungseingriff (z.B. Düngung), Bodenpassage und Abflußgeschehen gestaltet sich die Ableitung gesetzmäßiger Einsichten (stoffliche und zeitliche Abläufe, regionale Differenzierung) schwierig.

Studien über die nutzungsabhängigen Ursachen, die Eintragspfade von Nähr- und Schadstoffen sowie die Herausarbeitung natürlicher Belastungsgrenzen widerspiegeln daher vorrangig den Bedingungskomplex regionaler Raumstruktur.

Auch ist zu beachten, daß die punkthaften Belastungsquellen (z.B. Abwassereinleitungen) erfaßbar sind und auch gezielt beseitigt werden (z.B. Kläranlagen), hingegen der Anteil von Stoffeinträgen aus flächenhaften („diffusen“) Quellen deutlich ansteigt. Nach Überschlagsberechnungen (Wemer/Wodsak, 1994) stammen rund 60 % (= 460.000 t) der ca. 775.000 t Stickstoff, die in Deutschland jährlich in Oberflächengewässer eingetragen werden, aus diffusen Quellen.

Auf Anforderung des sächsischen Umweltministeriums sah eine konkrete Fallstudie im Flußgebiet der Großen Röder (AF = 940 km2) hierzu die Anwendung und Weiterentwicklung vorhandener Modellierungsansätze vor. Die Modellierung diffuser Stoffeinträge für Nitrat und eine quantifizierte Überschlagsbetrachtung für Phosphate und ausgewählte Pflanzenbehandlungs- und Schädlingsbekämpfungsmittel mußte in Abhängigkeit vom Einzugsgebiet sowohl den Verhältnissen des (Berg-) und Hügellandes wie auch des pleistozän geprägten Tieflandes entsprechen und sollte auf andere Flußgebiete Sachsens übertragbar sein. Der Lösungsansatz zur Realisierung der vereinbarten Zielstellung schloß bei Berücksichtigung der Gebietsgröße ein Arbeiten in verschiedenen Maßstäben ein.

Möglichst flächendeckende Erhebungen zu allen naturräumlichen und nutzungsabhängigen Einflußfaktoren sollten bei großmaßstäbiger Betrachtung in Kleinsteinzugsgebieten mit Hilfe von Meßprogrammen ergänzt werden, um eine Eichung (Validierung) des Modellansatzes zu erlauben. Obwohl hinsichtlich der verschiedenen stofflichen Aspekte sachlich und räumlich stark variierende Befunde festgestellt wurden, konnten neben der Entwicklung eines Rechenmodells für den Nitratstickstoff der Nachweis einer zu hohen Grundbelastung im Hinblick auf Gewässergrenzwerte sowie die signifikante Zunahme der Gewässerbelastungen in Richtung auf das Mündungsgebiet belegt werden. Da der Abbau von Nährstoffpools im Boden in Anbetracht des noch immer hohen Düngerniveaus kurzfristig nicht erwartet werden kann, läßt sich nur eine verstärkte Durchsetzung von Konzepten nachhaltiger, naturverträglicher Bewirtschaftungsweisen als aktuelle Verpflichtung für landnutzende Wirtschaftszweige ableiten.

 

Vortrag am 12.6.1998
Ernst Schubert (Halle), Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse:


„Die ältesten Personendenkmäler des Mittelalters in Sachsen“

Grabmäler mit einem Bildnis des Toten erinnern den modernen Menschen an einen oder mehrere Verstorbene, an Familienangehörige und persönliche Bindungen, an ganz bestimmte Individuen. Das mittelalterliche Bildgrabmal sollte, wie sich zeigen wird, in der Regel nicht in erster Linie ein Individuum darstellen, sondern ein Exemplum, eine beispielhafte Persönlichkeit, deren Res gestae, deren Taten denkmalwürdig waren, nicht nur ihr individuelles Sein während ihres Daseins auf Erden.

Aus dem 11. bis 13. Jahrhundert sind nur wenige Grabmäler mit dem Bildnis des Toten erhalten geblieben, und es hat wohl auch nur wenige gegeben. Deswegen lohnt es sich besonders, der Frage nachzugehen, warum damals in dem einen und anderen Falle Bildnisgrabmäler errichtet wurden. Dem Kunsthistoriker sind diese Bildwerke zumeist bekannt, ja sogar vertraut, hat er hier doch endlich einmal Denkmäler vor sich, die – durch das Todesdatum einigermaßen genau datiert sind. Dennoch könnte die Frage nach dem Grunde ihrer Entstehung, nach der Absicht, die mit dem Bildnis der verewigten Persönlichkeit verfolgt wurde, vielleicht noch weiter in den Vordergrund gerückt werden, als das allgemein geschieht.

Neuerdings steht bei der Erforschung mittelalterlicher Grabmäler die Memoria, das Totengedenken, im Vordergrunde, und zwar zu Recht. Die Memoria, die eigene Totenfürsorge, war im Mittelalter das Hauptanliegen eines jeden christlichen Menschen. Nicht das kurze Leben auf Erden, sondern das Leben nach dem Tode war das eigentliche Leben.

Es lohnt sich jedoch, bei der Erforschung der Bildgrabmäler auch die politisch, gesellschaftlich und juristisch motivierte demonstrative Absicht der Auftraggeber zu bedenken und sie subtiler als bisher zu erforschen. Dann eröffnen sich nämlich bedenkenswerte neue Perspektiven für die Interpretation durch die Geschichtswissenschaft und andere Disziplinen. Verfolgt man die Geschichte des Bildgrabmals weiter, dann wird nicht nur deutlich, daß diese Denkmäler zu allen Zeiten in vielerlei Hinsicht aufschlußreich, sondern vermutlich auch die Voraussetzung für die Aufführung von Personendenkmälern geworden sind. Dann erkennt man zudem die vielfältigen Verflechtungen dieser Problematik mit der Entwicklung des Menschen zum selbstbewußten Individuum.

Die im Hochmittelalter noch sehr seltenen Denkmäler können dann zur Ergänzung der spärlichen literarischen Überlieferung herangezogen werden, und ihre Darstellungen und Inschriften können uns belehren, wie anders man damals handelte und dachte.

 

Thematische Klassensitzung am 8.5.1998
Vortrag von Peter Schuster (Wien), Korrespondierendes Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse:


„Evolution in molekularer Auflösung“

Die biologische Evolution im Laborexperiment nachvollziehen zu können, ist ein wichtiges Anliegen der Molekularbiologie und Biophysik. Zum ersten gelingt es auf diese Weise, die theoretischen Ansätze zur Aufklärung, Modellierung und Analyse des Mechanismus der evolutionären Optimierungsvorgänge zu testen und zu verbessern, und zum anderen können eben diese Prozesse zum Design von Biomolekülen mit vorgegebenen Eigenschaften sowie zur Lösung anderer Aufgaben der Biotechnologie eingesetzt werden. Die Entdeckung und Untersuchung der Vermehrung von Ribonukleinsäuremolekülen (RNA) im Laboratorium mit Hilfe von Enzymen, welche aus phageninfizierten Bakterien isoliert wurden, eröffneten in den späten sechziger Jahren einen solchen ersten Zugang zur Evolution im Reagenzglas, welcher vor allem aus zwei Gründen ein direktes Verfolgen und Modellieren der Evolution möglich machte: (I) die Generationszeiten von RNA-Molekülen, gemessen als mittlere Zeitspannen zwischen zwei Replikationsereignissen an Eltern- und Tochtermolekülen, können in leistungsfähigen Replikations-Assays bis auf Bruchteile von Minuten gesenkt werden und ermöglichen daher das Studium von Anpassungsvorgängen an geänderte Umweltbedingungen durch Variation und Selektion der bestgeeigneten in Zeiträumen von Tagen bis Wochen, und (II) die Entwicklung der Phänotypen aus den Genotypen wird im RNA-Laborsystem auf die Faltung von RNA-Sequenzen (Genotypen) in räumliche molekulare Strukturen (Phänotypen) reduziert. Die Beziehung zwischen Genotypen und Phänotypen muß als unentbehrlicher Bestandteil einer jeden umfassenden Evolutionstheorie angesehen werden, denn Variation – Mutation oder Rekombination – passiert stets an den Genotypen, wogegen Selektion immer zwischen verschiedenen Phänotypen auswählt. Ohne Zweifel geht durch die Beschränkung evolutionären Geschehens auf Vermehrung, Mutation und die einfache denkbare Beziehung zwischen Genotypen und Phänotypen fast die gesamte Vielfalt der Biologie verloren, gewonnen wird jedoch, wie eingangs erwähnt, eine Plattform für die Entwicklung und experimentelle Testung von Modelltheorien.

Durch Erweiterung der konventionellen Populationsgenetik um die GenotypPhänotyp-Beziehung und eine Betrachtung oder „Einbettung“ der tatsächlich vorhandenen Genotypen in die ungeheure Fülle der prinzipiellen Möglichkeiten entsteht eine neue, eine umfassende Evolutionstheorie, welche auf die Evolution von RNA-Molekülen unmittelbar angewendet werden kann. Eine Betrachtung von RNA-Genotypen und ihren molekularen Strukturen, den Phänotypen, zeigt, daß die Genotype-Phänotyp-Beziehung für evolutionsmäßig sinnvolle Strukturbegriffe hochgradig redundant ist. Dies bedeutet, viele Sequenzen bilden dieselbe Struktur aus – viele Genotypen entwickeln denselben Phänotyp und sind für die Selektion ununterscheidbar. Man spricht von „Neutralität“. Neutralität gegenüber Selektion wird auch in der Natur in hohem Maße beobachtet, und daher beschreibt das RNA-Modell auch wichtige Regelmäßigkeiten der Evolution komplexerer Individuen. Ein Ergebnis der Evolutionstheorie ist unter anderem die zwanglose Erklärung des stufenweisen Verlaufs der evolutionären Optimierung unter völlig konstanten äußeren oder Umweltbedingungen, wie sie zum Beispiel bei Experimenten mit RNA-Molekülen oder Bakterien in Flußreaktoren beobachtet wird. Die Stufen im Evolutionsprozeß kommen durch Abwechseln von sogenannten adaptiven Phasen mit großem Optimierungsfortschritt und äußerlich ruhigen Perioden mit bis auf kleine Schwankungen konstanter „Fitneß“ zustande. Unter Fitness versteht der Evolutionsbiologe die Zahl der fruchtbaren Nachkommen in den Folgegenerationen. Die Genotypen mit der höchsten Fitness verdrängen einsichtigerweise alle anderen in den zukünftigen Populationen. Computersimulationen ermöglichen die Aufzeichnung der RNA-Optimierung mit molekularer Auflösung und zeigen, daß evolutionäre Prozesse trotz mangelnder Reproduzierbarkeit im Detail eine Fülle von Regularitäten aufweisen. Die beobachteten Prozesse können mit den Methoden der Statistik, chemischen Reaktionskinetik und molekularen Strukturbiologie analysiert und interpretiert werden. In die Theorie eingebaut, ermöglichen diese Ergebnisse präzise Vorhersagen über den Verlauf von molekularen Evolutionsvorgängen.

Heute steht dem Molekularbiologen oder Molekulargenetiker eine wahre Fülle von Methoden zur Vervielfältigung von Nukleinsäuremolekülen zur Verfügung. Diese wurden in der Reagenzglasevolution eingesetzt, um maßgeschneiderte Moleküle für vorgegebene Zwecke zu erzeugen. Ein großer Vorteil der evolutionären Methoden besteht darin, daß man nur die gewünschten Funktionen der Moleküle, nicht aber ihre molekularen Strukturen zu kennen braucht. Aus ersten Ansätzen in den achtziger Jahren entwickelte sich ein ganzes neues Wissensgebiet, welches die Gesetzmäßigkeiten der Evolutionsbiologie aus der Natur abschaut und zur Lösung biotechnologischer Probleme einsetzt. Unter anderem wurden auf diesem Wege die katalytischen Eigenschaften von Enzymen verändert, um sie für den Einsatz in der Technik brauchbar zu machen, aus RNA-Molekülen wurden neuartige Assays für die medizinische Diagnostik „gezüchtet“, und es gelang, RNA-Moleküle mit neuen katalytischen Eigenschaften zu entwickeln. Künftige Entwicklungen zielen unter anderem auf die Optimierung von Proteinen durch Kombination der Variation von Messenger-RNA’s mit Selektion auf der Ebene ihrer Translationsprodukte ab.

 

Thematische Klassensitzung am 8.5.1998
Zusammengefaßt von Frau Blumenthal und Herrn Kölver


„Normen und Werte in den Geisteswissenschaften (III): Orientalistik“

Thema der Sitzung war nicht primär das Ethos des Geisteswissenschaftlers der Spezies Orientalist (verstanden hier im weitesten Sinne unter Einschluß der Fachleute für Afrika und den Fernen Osten), obwohl die Aufgabe, als Europäer oder Amerikaner nicht-okzidentale lebende Kulturen oder deren materielles und geistiges Erbe zum Gegenstand seiner Forschung zu machen, durchaus ein eigenes Ethos erforderte. Es sollte auch nicht um die Selbstdarstellung der „Orchideen“-Fächer gehen, obwohl sie sich in Zeiten knapper öffentlicher Kassen häufiger der Notwendigkeit ausgesetzt sehen, ihre Existenz zu rechtfertigen.

Thema der Sitzung waren vielmehr die Wertesysteme außereuropäischer (bzw. außer-nordamerikanischer) Kulturen, deren Andersartigkeit der zumindest unbewußt von den Traditionen von Griechentum und Christentum geprägte Abendländer gemeinhin kaum wahrnimmt. Ihre Kenntnis ist aber unerläßlich, um im Zeitalter der Globalisierung das Fremde angemessen beurteilen und am Gegenüber die eigene Position in ihrer Bedingtheit verstehen zu können. Dabei ist der Orientalist als Sachkenner und Interpret gefordert; hierin liegt ein nicht unwesentlicher Teil seiner gesellschaftlichen Legitimation.

Es hatte also sein gutes Recht, daß zum Auftakt der Veranstaltung Dr. Bernhard Döll, Ministerialrat im Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie, über die gegenwärtige Förderung der deutschen Orientalistik durch die Bundesregierung sprach, die sich aus strukturellen Gründen nur auf außeruniversitäre Forschung beziehen kann. Wissenschaftspolitischer Hintergrund dieser Förderung sind die außen- und zunehmend auch innenpolitische Relevanz des Verständnisses für andere Kulturen, aber auch eine unheilvolle Verengung im geistigen Horizont der Studenten, die, ohne daß Alternativen überhaupt in ihr Gesichtsfeld geraten, eurozentristisch ausgebildet werden.

Um die Aktualität der Fragestellung zu verdeutlichen, waren drei modeme orientalische Länder als Exempla gewählt worden, wenngleich sich die Geschlossenheit fremder Denk- und Wertestrukturen auch an anderen Kulturen, lebenden wie toten, hätte demonstrieren lassen. Um die Vielfalt der Probleme anschaulich zu machen, wurde jedes dieser drei Exempel unter einem eigenen Aspekt betrachtet, der aber auch bei den jeweils anderen hätte hervorgehoben werden können.

Unter dem Titel „Zur indischen Praxis von Demokratie“ untersuchte Bernhard Kölver die Folgen des Exports westlicher Werte. Auch da, wo sie auf scheinbare Entsprechungen in indigenen Traditionen treffen, sind die scheinbar verwandten Phänomene in gänzlich andersartige Bezugssysteme (in Indien z.B. die Kasten, die Regionen) eingebunden, so daß sie sich in Gehalt und Anwendung erheblich von den okzidentalen Begriffen unterscheiden.

Prof. Ralf Moritz, Sinologe an der Universität Leipzig, analysierte das (bisher noch nicht in eine westliche Sprache übersetzte) neokonfuzianische Manifest „Chinesische Kultur in die Welt“ vom 1.1.1958. Mit diesem missionarischen Programm wird angestrebt, die technologische Überlegenheit des Westens und seine moralischen Defizite durch weltweiten Export des überlegenen konfuzianischen Menschenbildes zu überwinden.

Am Beispiel der Orientalistin Annemarie Schimmel, umstritten nicht als Gelehrte von Rang, wohl aber als Trägerin des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 1995, und Salman Rushdies, des islamkritischen und daher der Fatwa ausgesetzten Schriftstellers, stellte Prof. Lutz Richter-Bernburg, Arabist an der Universität Leipzig, die Komplexität eines wissenschaftlichen Umgangs mit islamischen Kulturen dar. Die deutsche Islamwissenschaftlerin einerseits, die sich um ein reines, zeitloses Islambild verdient gemacht hat, und andererseits der agnostische Autor in seinem Kampf gegen religiösen Fanatismus und Nationalismus stehen für eine Vielzahl von Zugängen von Europäern wie von Muslimen zu einer in sich spannungsvollen, heute zum Gegenstand brisanter politischer Auseinandersetzungen gewordenen Tradition.

Die anschließende Diskussion kreiste um zwei Schwerpunkte. Aus der Frage nach einer angemessenen Förderung der Orientwissenschaften erwuchs die Kritik an deren den Herausforderungen der Gegenwart nicht mehr entsprechendem Ausbildungssystem, das im Stil des 19. Jahrhunderts auf Grundlagenforschung und -vermittlung fixiert ist und die modernen Wirtschafts-, Sozial- und Naturwissenschaften zu wenig berücksichtigt, eine Kritik, die prinzipiell die mangelnde Integrativität in unserem gesamten schulischen und akademischen Bildungswesen trifft. Dem könnte man allerdings entgegenhalten, daß es gerade die der gegenwärtigen Verwestlichung zuwiderlaufenden Richtungen sind, die – in regional je verschiedener Weise – die spezifisch orientalischen Traditionen ausmachen und deren Eigenart zu erkennen und zu vermitteln eine wichtige Aufgabe der Orientalistik bleiben muß.

Auf der epistemologischen Ebene wurde darauf verwiesen, daß ein fairer Vergleich nicht die Ideale der einen gegen die Realität auf der anderen Seite ausspielen dürfe, sondern daß zuerst die jeweiligen Realitäten an den jeweiligen Idealen zu messen sind. Für die Differenzen und (oft scheinbaren) Kongruenzen der Wertmodelle seien aber die unterschiedlichen Denksysteme zu berücksichtigen, die ihnen zugrunde liegen (Kausalität versus Assoziativität). Die Kenntnis und Anerkenntnis des anderen dürfe in der internationalen philosophischen und politischen Auseinandersetzung nicht in einen universalen Relativismus der Normen münden, sondern es müsse gelingen, daß – in den Kategorien von Ost/West gesprochen – beide Seiten auf der Suche nach tragfähigen Gemeinsamkeiten aufeinander zugehen.

 

Vortrag am 17.4.1998, Öffentliche Gesamtsitzung
Uwe-Frithjof Haustein (Leipzig), Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse:


„Haut und Umwelt“

Unsere Haut hält als Grenzorgan in hervorragender Weise unser Inneres zusammen und signalisiert in gewissem Umfang Störungen innerer Organe nach außen, darüber hinaus ist sie als Spiegel der Seele anzusehen. Andererseits besitzt sie ein hohes Maß an Reaktionsmöglichkeiten, um physikalische, chemische und mikrobielle Einflüsse durch Bakterien, Pilze und Viren abzuwehren und zu kompensieren. Dazu gehören Entzündung, Wundheilung und Reaktionen auf ultraviolettes Licht wie Sonnenbrand. Chronische Lichteinflüsse bewirken vorzeitige Hautalterung und Krebsentwicklung. Einen breiten Spielraum nehmen allergische Reaktionen auf Arznei-, Konservierungs- und Nahrungsmittel sowie auf Hausstaubmilben, Tierepithelien und Insektengifte ein, die allergische Exantheme verursachen. Ebenso wichtig sind Berufssubstanzen und Kosmetika, die ein allergisches Kontaktekzem auslösen können. Mit ihren mannigfaltigen Sinnesfunktionen signalisiert die Haut viele Informationen zum Gehirn oder arbeitet sie reflektorisch ab. Schließlich dient die Haut der Kommunikation, dem sozialen Schutz und dem sexuellen Schmuck. Psychologische Effekte zwischen Selbstwertgefühl und Ausstrahlung, aber auch Isolation und Depression müssen berücksichtigt bzw. überwunden werden. Vorbeugende Minimierung schädlicher Umwelteinflüsse und sinnvolle Hautpflege begünstigen den Erhalt der normalen Hautreaktivität bis ins hohe Alter.

 

Vortrag am 13.3.1998
Jost Heintzenberg (Leipzig), Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse:


„Klimaantrieb durch anthropogene Aerosole“

Als Folge der seit einigen Jahren möglichen globalen Modellierung einfacher Aerosolkomponenten und wegen seiner den Treibhausgasen möglicherweise entgegen wirkenden Klimaeffekte ist das atmosphärische Aerosol gegenwärtig ein wichtiges Thema der Klimaforschung. Bei seiner Behandlung ist zwischen Klimaantrieb und Klimawirkung zu unterscheiden. Ein Klimaantrieb entsteht durch den Einfluß des Menschen auf das atmosphärische Aerosol und die daraus resultierenden Veränderungen der Energiebilanz und der inneren Energieverteilung und Zusammensetzung des Erdsystems. Die Klimawirkung ist die Antwort des Systems auf den Antrieb. Diese Antwort hängt von vielen, zum Teil noch nicht verstandenen Rückkopplungsprozessen des Systems ab.

Man unterscheidet den direkten Klimaantrieb des anthropogenen Aerosols in der wolkenfreien Atmosphäre von indirekten Klimaantrieben durch Beeinflussung anderer Systemkomponenten durch das Aerosol. Bei letzterem sind vor allem die Wolken zu nennen, für deren Bildung Aerosolpartikel benötigt werden und deren Einfluß auf die planetare Energiebilanz durch die Eigenschaften des Aerosols modifiziert wird.

Eine Reihe von experimentellen und numerischen Befunden spricht für einen zunehmenden Klimaantrieb und Klimawirkung des anthropogenen Aerosols. Wegen der relativ kurzen Lebensdauer der Partikeln beschränkt sich diese Wirkung im wesentlichen auf die Quellgebiete (Industriegebiete und Gebiete extensiver Biomassenverbrennung) und deren Abluftfahnen. Am oberen Rand der Atmosphäre rechnet man mit einem negativen direkten Antrieb in der Größenordnung –0.5 Wm-2. Die Unsicherheit dieser Angabe beträgt gegenwärtig noch einen Faktor zwei.

Wegen fehlendem Prozeßverständnis kann für den indirekten Wolkenantrieb nur die wahrscheinliche Richtung als negativ angegeben werden. Diese negativen Aerosolantriebe können nicht von den positiven Antrieben anthropogener Treibhausgase wie CO2 und Freone abgezogen werden, da sie weder am gleichen Ort noch zur gleichen Zeit auftreten. Vielmehr erwartet man, daß die Klimawirkung der genannten Antriebe Ausgleichsbewegungen (d.h. Wetter) mit sich führen, die sich aber noch auf längere Zeit hin wegen der unvollständigen Klimamodelle einer Vorhersage entziehen werden.

 

Vortrag am 13.3.1998
Kurt Nowak (Leipzig), Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse:


„Judenpolitik in Preußen. Eine Verfügung Friedrich Wilhelms III. aus dem Jahr 1821“

Am 11. März erließen die Staatsbehörden des Königreiches Preußen das „Edikt, betreffend die bürgerlichen Verhältnisse der Juden in dem preußischen Staate“. Ein großer, wenn auch zögerlicher Schritt der preußischen Monarchie nach vorn war getan. Gelöst waren die Probleme der Emanzipation dadurch nicht. Der schwierigen Gesetzgebung folgte eine noch schwierigere Praxis: der neue Alltag einer bis dahin unter Sonderrecht lebenden Religions- und Sozialgemeinschaft.

Im Frühsommer 1821 äußerte König Friedrich Wilhelm III. seine Mißbilligung über die Teilnahme des ostpreußischen Generalsuperintendenten und Bischofs Ernst Ludwig [von] Borowski an einer „Feierlichkeit, in welcher die heranwachsenden Töchter des Judenthums in demselben eingeweiht worden sind“. Nach Auffassung des Monarchen war das „System der christlichen Religion mit den Formen, in welchen das Judenthum besteht, ganz unverträglich“. Der König machte den Oberpräsidenten von Ostpreußen, von Auerswald, persönlich dafür verantwortlich, daß „dergleichen“ nicht wieder vorkomme. Die Anweisung des Königs bot die Grundlage für eine ministerielle Verfügung Karl von Altensteins vom 9. Juli 1821 und ein Zirkular des Königlichen Konsistoriums der Provinz Brandenburg vom 18. Oktober 1821. Fortan war allen evangelischen Geistlichen in Brandenburg (wie auch in weiteren preußischen Provinzen) die Beteiligung an jüdischen Feierlichkeiten untersagt. Entstanden ist das Teilnahmeverbot auf dem Boden eines konservativen Erweckungschristentums, das in Friedrich Wilhelm III. seinen einflußreichen Repräsentanten und Protektor besaß.

Aus den Jahren nach 1821 sind Fälle bekannt, in denen evangelische Geistliche Preußens teils unwissentlich, teils wissentlich das Teilnahmeverbot mißachteten. Diese Tatsache verweist in Teilen der preußischen Geistlichkeit auf eine Strömung des Philosemitismus. Sozialgeschichtlich war die Teilnahme evangelischer Amtsträger an Feiern des Judentums (Einsegnungen, Einweihungen von Synagogen, Begräbnissen u.a.) auch ein Ausdruck von „Honoratiorenpolitik“. Das Teilnahmeverbot blieb das gesamte 19. Jahrhundert hindurch aktuell. Noch im Jahr 1902 sahen sich die Kirchenbehörden veranlaßt, seine Geltung neuerlich einzuschärfen.

Bei der historischen Analyse des Teilnahmeverbots ist der allmähliche Wandel seiner Funktion und seiner politischen Signalwirkung zu beachten. Anfangs bildete das V erbot eine religiöse Blockade gegen die rechtslogisch eigentlich zwingende Ergänzung der staatsbürgerlichen Gleichheit der Juden durch ihre religionsrechtliche Gleichstellung in der preußischen Monarchie. Später gewann das Verbot zusätzliche religions- und kulturpolitische Effekte. Der Weltbildwandel seit den l840er Jahren und seine wachsende Dynamik in den folgenden Jahrzehnten stellten das Leitbild der „christlichen Kultur“ auf breiter Front infrage. Nicht mehr nur das Judentum ragte mit seiner „fremden“ Religion irritierend in das christliche Gemeinwesen hinein. Insofern bedeutete das Beharren auf dem „System der christlichen Religion“ auch ein „Nein“ gegen das freie Spiel der religiösen und weltanschaulichen Kräfte in einem weiteren Sinn. Wegen der Beibehaltung des Teilnahmeverbots bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts trug das Judentum in besonderer Weise die Last eines antipluralistischen Kurses der preußischen Monarchie und ihrer Kirchenbehörden.

 

Vortrag am 13.2.1998
Olaf Werner (Jena), Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse:


„Staatliches Gewaltmonopol und Selbsthilfe“

Jede funktionierende Gesellschaft erfordert Regeln, an denen sich das Gemeinschaftsleben orientiert. Die Einhaltung und Durchsetzung dieser Regeln ist Grundvoraussetzung einer jeden Zivilisation. Ohne derartige Regeln würden Gewalt und Anarchie herrschen. Es bedarf daher einer Macht – hier des Hoheitsträgers –, der diese Regeln unter Berücksichtigung eines Gemeinschaftskonsenses aufstellt und durchsetzt. In Betracht kommen geschriebene Regeln (Gesetze, Verordnungen) oder ungeschriebene (Gewohnheitsrecht). Sollen sich die Mitglieder einer Gesellschaft an diesen Regeln orientieren, kann die zwangsweise Durchsetzung jedenfalls nur durch den Hoheitsträger erfolgen, ansonsten würde unter Mißachtung nur der Stärkere sich gegenüber dem Schwächeren durchsetzen, es herrschte Anarchie. Aus diesem Grunde besteht das Gewaltmonopol des Staates. Er entscheidet mit seinen Organen (insbesondere Gerichte, Zwangsvollstreckungsorgane), ob eine bestimmte Regel eingehalten bzw. verletzt ist, und über die erforderliche zwangsweise Durchsetzung einer solchen Rechtsentscheidung. Der Schwache kann sich gegenüber dem Stärkeren auf sein Recht nur berufen, wenn ihm ein entsprechendes Machtinstrument zur Verfügung steht. Dies bedeutet das Gewaltmonopol des Staates. Der einzelne kann nur in Ausnahmefällen, in denen eine solche staatliche Hilfe nicht zu erreichen ist, sich selbst sein Recht suchen (Selbsthilfe, Notwehr, Nothilfe). Ein staatliches Gewaltmonopol ist aber nur haltbar, wenn dem einzelnen Bürger diese Hilfe des Staates bei der Durchsetzung seiner Rechte garantiert ist. In der Bundesrepublik besteht daher ein grundrechtlich geschützer Anspruch auf staatliche Rechtshilfe (Justizgewähranspruch). Nur über diesen Weg kann der Rechtssuchende von der Selbsthilfe, von seinem Faustrecht, abgehalten werden. Ein solches System funktioniert aber nur, wenn es keine staatlich ungeschützte Rechtsposition gibt, d.h. wenn der Bürger nicht mangels hoheitlicher Hilfe letztlich doch auf eine Selbsthilfe angewiesen ist. Die Verweigerung des Rechtsschutzes ist ein typischer Fall der Öffnung für private Selbsthilfe.

In neuerer Zeit haben Rechtsprechung und auch die Gemeinschaft immer mehr Ausnahmetatbestände schaffen wollen, insbesondere im Hinblick auf die sogenannten Bagatellansprüche. Es soll „unzumutbar“ oder „nicht verhältnismäßig“ sein, wenn ein kostspieliger staatlicher Apparat zur Durchsetzung von Bagatellforderungen eingesetzt ist, die Durchsetzung oft um ein Mehrfaches an Kosten verursacht, als letztlich die eigentliche Forderung beinhaltet. So ist in verschiedenen Bundesländern die zwangsweise Durchsetzung in der Zwangsvollstreckung erst ab einer von den jeweiligen Justizministerien festgesetzten Höhe möglich. Gerichte lehnen Bagatellansprüche mangels bestehenden Rechtsschutzinteresses ab. Nicht beachtet wird dabei, daß damit die Frage entsteht, ob nun in solchen Situationen Selbsthilfe geübt werden darf, das Individuum seine Ansprüche nun wiederum mit eigener Gewalt durchsetzen kann. Es ist daher ein wesentlicher Gesichtspunkt der Rechtsschutzverweigerung, inwieweit sich hierdurch der eigentlich nicht gewollte Weg zur privaten Selbsthilfe eröffnet und damit wiederum Faustrecht und Anarchie herrschen. Auf den Punkt gebracht, bedeutet dies letztlich die Entscheidung über die Frage, ob staatliche Organe bestimmen können, ab welchem Wert Rechtsschutz gewährt wird, oder ob der allgemeine Grundsatz fortbesteht, daß es letztlich kein rechtlich ungeschütztes Vermögen gibt. Anerkennt man den letzteren Grundsatz, muß – will man private Gewalt verhindern – auch für Bagatelldelikte der staatliche Rechtsschutz weiterhin gewährleistet sein. Der historische Grundsatz „das Recht braucht dem Unrecht nicht zu weichen“ würde damit wieder seine volle Geltung erhalten.

 

Vortrag am 13.2.1998
Horst Gerhardt (Freiberg), Ordentliches Mitglied der Technikwissenschaftlichen Klasse:


„Zur Verfügbarkeit und Nutzung mineralischer Rohstoffe – ein Überblick“

Die Entwicklung der Menschheit ist untrennbar mit der Nutzung mineralischer Rohstoffe verbunden, auch wenn das einzelne Individuum sich dessen nicht immer bewußt ist. Neben den Produkten der belebten Natur bilden sie die Grundlage jeder historischen Epoche der Menschheit.

Nach einer groben Untergliederung entsprechend ihrer gebrauchswertorientierten Verwendung können mineralische Rohstoffe in die Kategorien Energierohstoffe (z.B. Kohle, Erdöl), Inhaltsrohstoffe (z.B. Erze der Metalle), Eigenschaftsrohstoffe (z.B. Steine, Erden, Industrieminerale ) und – im weitesten Sinne – auch das Wasser unterteilt werden. In absehbaren Zeiträumen ist die Geosubstanz der Erdkruste alleinige Grundlage der Versorgung der Menschheit mit diesen Rohstoffen. Dem Bergbau obliegt die Aufgabe, die mineralischen Rohstoffe aus primären Quellen zu gewinnen und in eine marktfähige Form zu überführen. Als Zweig der Urproduktion kommt ihm wegen der noch immer stark wachsenden Weltbevölkerung eine steigende Bedeutung zu, weil beispielsweise die Verfügbarkeit über Energie zu bezahlbaren Preisen lebensnotwendig für die Volkswirtschaften in allen Ländern der Erde ist.

Die ungleichmäßige Verteilung von preisgünstig zu gewinnenden mineralischen Rohstoffen über den Erdball führt zur Globalisierung und Internationalisierung der Weltrohstoffmärkte und kann – wie im Falle der Energierohstoffe – internationale Konflikte hervorrufen oder zumindest mitbestimmen. Sie führt auch dazu, daß Deutschland heute in hohem Maße von Rohstoffimporten abhängig ist. Hochwertige und wenig transportaufwendige Metallrohstoffe werden zu 100 % importiert. Bei den hochwertigen Energierohstoffen (Erdöl, Erdgas, Steinkohle) beträgt der Importanteil 72 %. Dennoch bleibt die Bedeutung des deutschen Bergbaus unverändert hoch: geringwertige und transportintensive Massenrohstoffe – wie vor allem die für die Bauindustrie wichtigen Steine- und Erdenrohstoffe und die Braunkohle – müssen nahe am Ort ihrer Verwertung gewonnen werden. Insgesamt werden in der Bundesrepublik Deutschland gegenwärtig mehr als 1,2 Mrd. t allein an festen mineralischen Rohstoffen im Jahr gewonnen. Im Vortrag werden einzelne Aspekte der internationalen und nationalen Entwicklung bei der Bereitstellung mineralischer Rohstoffe angesprochen.

 

Vortrag am 9.1.1998
Dieter Lohmann (Leipzig), Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse:


„Wissenschaftlichkeit in der Medizin“

An die Thematik können unterschiedliche Erwartungen geknüpft werden. Im Vortrag soll das Thema vorrangig aus der Sicht des reflektierenden Praktikers behandelt werden.

Über lange Zeiten war die Medizin eine Erfahrungswissenschaft mit sehr begrenzten Erfolgen. Mit der Entwicklung der Naturwissenschaften hat sich die Medizin zunehmend deren Denkweisen und Methoden bedient. Die Überzeugung von der Richtigkeit dieses Weges kommt zum Ausdruck, wenn Bernhard Naunyn 1902 schreibt: „Unsere Heilkunde ist das, was sie geworden ist, geworden, seitdem sie sich der Führung der Naturwissenschaft anvertraut hat.“ Die Fortentwicklung dieser Methoden und dieses Denkens gipfelt derzeit in der Molekularbiologie mit der Rückführung der Ursache von Krankheiten auf Defekte in der DNS. Diesem wissenschaftlichen Vorgehen hat die Medizin ihre großen Erfolge zu verdanken. Diese kommen u.a. zum Ausdruck in der gestiegenen Lebenserwartung oder dem weitgehenden Verschwinden bestimmter Erkrankungen.

Wissenschaftlichen Methoden sind aber in der Medizin Grenzen gesetzt, und es stellen sich ihnen spezielle Probleme entgegen. Diese beginnen z.B. bei exakten Therapiestudien bereits bei der Zuordnung der Patienten und der fragwürdigen Weiterführung bei sich abzeichnenden Erfolgen oder Mißerfolgen. Häufig werden die Ergebnisse nur an der Beeinflussung von Surrogatparametern gemessen. Statistisch signifikante Befunde müssen nicht zugleich für den einzelnen Patienten relevant sein. Als Maßstab kann in der Medizin nicht allein richtig und falsch genommen werden, sondern vielmehr auch gut und schlecht – Parameter, die in den exakten Naturwissenschaften nicht vorkommen.

Nach Darstellung von Problemen innerhalb der wissenschaftlichen Medizin wird auf die Besonderheiten und die zunehmende Akzeptanz unwissenschaftlicher Methoden in der Medizin eingegangen. Wir finden sie in den unterschiedlichsten Formen der Alternativmedizin. Sie entziehen sich den Kriterien der Wissenschaftlichkeit wie nachprüfbar, unabhängig von angewandter Methode u.a. Die Ursachen für die Hinwendung zu diesen Verfahren sind zu sehen in gesamtgesellschaftlichen Meinungsbildungen, aber auch Fehlern und Versäumnissen innerhalb der Medizin. Der Zeitgeist entwickelt eine kritische Einstellung zur Wissenschaft generell. Mythen gewinnen zunehmend an Bedeutung. Speziell in der Medizin streben dabei viele Menschen nach „natürlicher“ Lebensweise und „natürlichen“ Heilmethoden. Die wissenschaftlich fundierte Medizin hat andererseits – geblendet durch ihre großen Erfolge – Erwartungen geweckt, die sie nicht erfüllen kann. Dabei ist in einem gewissen Grade das Bewußtsein dafür verlorengegangen, daß Medizin auch aber nicht nur – Naturwissenschaft sein muß. Durch überzogenes naturwissenschaftliches und technisches Denken haben sich offensichtlich Lücken im ärztlichen Handeln aufgetan, die Anliegen der Patienten unerfüllt lassen. Wissenschaftlichkeit und Humanität müssen sich aber in der ärztlichen Tätigkeit nicht ausschließen.

Es erscheint notwendig, sich mit Entwicklungen innerhalb der wissenschaftlichen Medizin, insbesondere aber auch den Fragen zur Alternativmedizin auseinanderzusetzen.

 

Vortrag am 9.1.1998
Dieter Scholz (Halle-Wittenberg), Ordentliches Mitglied der Philologisch-historischen Klasse:


„Dimensionen und Hierarchien in der Kulturlandschaft als methodische Grundlagen für komplexe regionale Entwicklungskonzeptionen”

Einleitend wird der Bedarf an komplexen regionalen Entwicklungskonzeptionen in den neuen Bundesländern begründet. Er ergibt sich aus den gravierenden Struktur­veränderungen, denen auch die Entwicklung der Kulturlandschaft als Folge der umfangreichen Investitionen nach der „Wende“ unterliegt.

Insbesondere die Forderung nach „Nachhaltigkeit in der regionalen Strukturent­wicklung“ hat in diesem Zusammenhang ein besonderes Gewicht erhalten und die Ausarbeitung entsprechender Konzeptionen ausgelöst.

Dabei wird immer wieder deutlich, daß diese Konzeptionen vor allem sachbereichsbestimmt sind und die eigentlichen räumlichen Strukturprobleme nur im Zusammenhang mit der Nutzung der natürlichen Ressourcen, hierunter im besonderen mit der Nutzung der Flächen, angesprochen werden. Verknüpfungen zwischen den Sachbereichen und daraus resultierende Strukturprobleme bleiben in der Regel im Hintergrund.

Es wird deshalb im folgenden geprüft, ob und wieweit die Strukturmerkmale „Dimensionen und Hierarchien“ der Kulturlandschaft geeignet sind, einen entsprechenden methodischen Ansatz zu liefern. Ausgangspunkt sind vor allem die von der Physischen Geographie erkannten Dimensionen der Raumstruktur der Landschaft, an deren Bestimmung nicht zuletzt die Leipzig-Dresdener Schule der Physischen Geographie und darin auch vor allem unser Mitglied, Herr Haase, einen besonderen Anteil haben (Haase 1996, S. 205 ff.). Ihre Untersuchungen ergaben, daß die Naturkomponenten des geographischen Raumes (oder Komplexes) sechs hierarchisch gegliederte Dimensionsstufen aufweisen, von denen vor allem die ersten drei (Geo-Tope, Geo-Choren und Regionen) die Räume betreffen, für die und in denen die Zielsetzungen der „nachhaltigen Entwicklung“ relevant sind. Es zeigt sich, daß sie nicht nur in den Naturkomponenten erkennbar sind, sondern in ähnlicher Weise auch im kulturräumlichen wie im politisch-administrativen Bereich gefunden werden können. Zusammen mit dem Knoten-Achsen-Modell der Siedlungsstruktur erscheinen sie geeignet, als raumbezogene Grundlagen für komplexe, nachhaltige Entwicklungskonzeptionen verwendet werden zu können.

Termine
Horst-Michael Prasser: Basisinnovation bei Kernreaktoren 16.01.2017 18:30 - 20:00 — TU Dresden, Festsaal des Rektorats, Mommsenstr. 11, 01069 Dresden
Forum "Offenes Land - offene Fragen" 08.02.2017 18:00 - 20:00 — Karl-Tauchnitz-Str. 1, 04107 Leipzig