Plenarvorträge 2022

Vortrag am 8.4.2022: Öffentliche Frühjahrssitzung

Prof. Dr. Norbert Frei (Jena)
Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Leiter des Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts, am 11.02.2011 zum Ordentlichen Mitglied der Philologisch-historischen Klasse gewählt 

Ein deutscher Katechismus? Anmerkungen zur postkolonialen Kritik am Umgang mit der NS-Vergangenheit
Die Auseinandersetzung der Deutschen mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit gilt vielen Beobachtern seit langem als vorbildlich. Seit letztem Jahr wird diese Einschätzung allerdings massiv in Frage gestellt: Das Verständnis des Holocaust als „Zivilisationsbruch“ sei zu einem politisch implementierten Dogma geworden, das die Auseinandersetzung mit Deutschlands Kolonialverbrechen behindere. Norbert Frei widerspricht dieser These, indem er die wechselvolle Geschichte des Umgangs der Deutschen mit der Erinnerung an die NS-Vergangenheit als ein Projekt der gesellschaftlichen Selbstaufklärung schildert.

Vorträge am 11.3.2022

Prof. Dr. med. Joachim Thiery (Kiel)
ehem. Direktor des Instituts für Laboratoriumsmedizin, Klinische Chemie und Molekulare Diagnostik, Universitätsklinikum Leipzig; Dekan der Medizinischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Vorstand Forschung und Lehre des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH), am 11. Februar 2011 zum Ordentlichen Mitglied gewählt.

Nachhaltige Medizin in Verantwortung für unsere Zukunft


Die Universitätsmedizin ist der gelingenden Forschung, der modernen Lehre, der Gesundheit des Individuums und der gesamtgesellschaftlichen Zukunft verpflichtet.
Das Prinzip der Nachhaltigkeit, eines bewussten Umgangs mit limitierten Ressourcen in Verantwortung für die Zukunft, durchdringt heute viele Bereiche der Gesellschaft bis hin zum politischen Handeln. Bisher hat sich die Universitätsmedizin nur vereinzelt mit dem Prinzip der Nachhaltigkeit auseinandergesetzt. Sie wird immer noch wesentlich durch eine symptomgeleite Krankenversorgung geprägt. Die Erkenntnisse der biomedizinischen Forschung, z. B. aus "big data" - Analysen großer Bevölkerungs- und Krankheitskohorten finden dagegen noch unzureichend den Weg zu einer präzisen und nachhaltigen klinischen Translation. Die Corona-Pandemie und die rasante Entwicklung der mRNA-Impfstoffe haben jedoch deutlich gemacht, wie wichtig Nachhaltigkeitskonzepte der Medizin für eine schnelle Verbindung modernster biomediznischer Analytik mit gezielter klinischer Forschung und der Umsetzung in die medizinischen Anwendungen geworden sind. Die COVID-19 Krise hat uns gerade in der Diskussion um die Impfung die notwendige Transparenz und Nachhaltigkeit ärztlicher und medizinischer Handlungen vor Augen geführt.

Die Nachhaltigkeit der Universitätsmedizin definiert sich inhaltlich mit Blick auf das Gesundheitssystem. Erste Ansätze finden sich in den Positionspapieren der Schweizerischen Akademie der Wissenschaften (2012) und der Schriftenreihe "Denkanstöße" (2021) der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Die Medizinische Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel hat sich jetzt als erste Fakultät in Deutschland als Leitthema "Nachhaltige Universitätsmedizin am Meer: Präzisionsmedizin in Verantwortung für unsere Zukunft" gewählt. Eine nachhaltige Universitätsmedizin verbindet sich mit dem aktuellen Paradigmenwechsel von der organ- und symptombezogenen Patientenversorgung hin zu einer ursachenbezogenen, systemischen Präzisionsmedizin. Sie sieht den Menschen in seiner Gesamtheit. Medizinische Kompetenz muss mit Empathie und Partizipation vergesellschaftet sein, um individualisierte Prävention und nachhaltige Therapieerfolge auch bei chronisch und unheilbar kranken Patienten zu erreichen. Die moderne Medizin nutzt hier bereits innovative Verfahren in der Digitalisierung und der analytischen Spitzentechnologie, aber diese müssen weiter ausgebaut werden. Nur so wird eine nachhaltige Universitätsmedizin dazu beitragen können, dass mit modernster Diagnostik eine präzise und schonende Therapie auch bisher schwierig zu behandelnder Erkrankungen möglich wird, bis hin zu Einzeltherapieverfahren und individueller Prävention.

Eine nachhaltige Medizin wird auf gesellschaftliche Entwicklungen reagieren, zum Beispiel den demographischen Wandel. Sie schafft früh das Bewusstsein, Verantwortung für nachfolgende Generationen zu übernehmen, wie dies bereits in der Vermeidung nicht indizierter Antibiotika-Verordnungen zu erkennen ist. Grundsätzlich wird sich eine nachhaltige Universitätsmedizin an den Bedürfnissen unserer Patientinnen und Patienten und der Gesunderhaltung der Bevölkerung orientieren. Nachhaltige Medizin bedeutet in diesem Kontext daher auch eine Abkehr von gewinnorientiertem Streben und Hinwendung zu einer am Individuum und der Gesellschaft ausgerichteten bedarfsorientierten Medizin. Dies beinhaltet auch die verantwortungsvolle Nutzung ethischer, ökonomischer und ökologischer Ressourcen, auch über die Landesgrenzen hinweg. Nachhaltige Medizin stellt sich somit auch der Verantwortung für eine globale Medizin mit der Berücksichtigung medizinischer Kompetenz und Herausforderungen aus anderen Ländern und Kulturkreisen.

Zusammenfassend führt die nachhaltige Medizin zu einem Paradigmenwechsel der symptomgeleiteten Krankenversorgung hin zu einer systemmedizinischen Präzisionsmedizin, gezielter Prävention und dauerhaftem Therapieerfolg. Dieser Weg der medizinischen Nachhaltigkeit bleibt eine große Herausforderung für die Zukunft der Universitätsmedizin.


Dr. phil. habil. Susanne Müller-Bechtel (Würzburg)
Kunsthistorikerin, Lehrbeauftragte an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg und am CICS der TH Köln (WS 2021 /2022),
am 8. Dezember 2017 in das Junge Forum der Sächsischen Akademie der Wissenschaften aufgenommen;

Arbeitsgebiete: Künstlerische Produktions- und Rezeptionsprozesse und ihre Medien; Zeichnung als Grundlage von Denken und Gestalten in Kunst und Wissenschaft in der (Frühen) Neuzeit; Friedrich Christian von Sachsen (1722–1763) und die Kunst; Wandmalerei 1300–1800. SAW-Tagung zu Friedrich Christian von Sachsen (3–5. Juni 2021).

Akademische Aktstudien – eine Neubewertung mittels epistemologischer Forschungsansätze

Die akademische Aktstudie, die Zeichnung nach dem lebenden Modell, ist in der Frühen Neuzeit eine künstlerische Aufgabe, bei der sich der Künstler allein auf die Darstellung des Menschen konzentrieren konnte. Im Wortsinn geht die Aktstudie auf die Studie des »actus«, des bewegten Körpers, zurück; »Aktstudie« bedeutet also »Studie des bewegten Körpers«. Der Modus der akademischen Aktstudie bündelt eine Reihe von Herausforderungen an Künstler, die sie beherrschen müssen, um überzeugend figürliche Kunst schaffen zu können. Das Erstellen einer korrekten Aktstudie erforderte erstens die technische Beherrschung der Möglichkeiten der Zeicheninstrumente, zweitens eine korrekte Darstellung des menschlichen Körpers unter drittens der Berücksichtigung des jeweiligen Blickwinkels des Zeichners auf das Modell mit allen Konsequenzen für perspektivisch verkürzte Körperteile.

Das Aktstudium gilt als Höhe- und Endpunkt in der Künstlerausbildung, ich werte es als wissenschaftlich-epistemische Praxis. In meiner Dresdener Habilitationsschrift habe ich knapp 300 Zeichnungen aus über 40 Sammlungen berücksichtigt (vorwiegend in Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Vereinigte Staaten) – eine Auswahl aus dem Zeitraum zwischen 1650 und 1850. In dem Vortrag will ich zeigen, wie ich das Repertoire der kunsthistorischen Methoden mithilfe von epistemologischen Forschungsansätzen erweitern und so eine Neubewertung der verkannten künstlerischen Praxis vornehmen konnte. Grundlegend ist die Modelltheorie, mit der typische Strategien des Studiums nach dem lebenden Modell kategorisiert werden können. Die Überlegungen von Hans-Jörg Rheinberger zum Experimentalsystem (2006) dienten mir als Anleitung, um die gemeinsame Praxis im Aktsaal zu beschreiben und die Wechselbeziehung zwischen Praxisumgebung und Resultat produktiv in den Blick zu nehmen. Ludger Schwartes Äußerungen zu Performanz in experimentellen Räumen (2003) sowie Lambert Wiesings Auseinandersetzung mit »experimenteller Ästhetik« (2012) helfen, das akademische Aktstudium als wissenschaftliche Praxis mit eigenen Versuchsreihen zu verstehen. Mit Hartmut Böhmes Differenzierungen von Transformationsprozessen (2011) erhielt ich zudem ein Instrumentarium an die Hand, um sowohl das Übersetzen des Modell-Sehens in eine Zeichnung als auch die Aneignung antiker Vorbilder im Aktstudium kategorisieren zu können, also jeweils Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Referenz- und Aufnahmebestand präzise zu benennen. Aleida Assmanns Überlegungen zum Resonanzraum (2012), in dem Re-Mediationen Präfigurationen aufrufen und präsent halten, lassen sich hier anschließen, um anzusprechen, welche Wirkung der Bezug auf Referenzen erzielen kann. Mit Bruno Latours wissenschaftssoziologischen Beobachtungen (2000) schließlich lassen sich die wechselnden Akteure und Handlungen, die die Praxis des akademischen Aktstudiums kennzeichnen, systematisieren und kontextualisieren.


Vortrag am 11.2.2022

Prof. Dr. phil. habil Elisabeth Décultot (Halle/Saale)
Alexander von Humboldt-Professur für Neuzeitliche Schriftkultur und europäischen Wissenstransfer an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Direktorin des Interdisziplinären Zentrums für die Erforschung der europäischen Aufklärung (IZEA) an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg; am 8. Februar 2019 zum Ordentlichen Mitglied der Philologisch-historischen Klasse gewählt;
Forschungsschwerpunkte: Geschichte der Kunsttheorie, Kunstgeschichtsschreibung und Ästhetik im 18.–19. Jahrhundert unter besonderer Berücksichtigung der europäischen Wissenstransfers; Gelehrte Lese- und Schreibpraktiken von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart; Deutsche Literatur der Aufklärung, Klassik und Romantik im europäischen Kontext

Text – Bild – Geschichte. Die antike Kunst in der Kunstgeschichtsschreibung des 18. Jahrhunderts

Gegenstand des vorliegenden Vortrags ist es, nach der Genealogie der Kunstgeschichte im langen 18. Jahrhundert unter dem besonderen Standpunkt der Produktion eines historischen Narrativs über die Entwicklung der antiken Kunst zu fragen. Um etwas Licht auf diese Entwicklungslinien zu werfen, sollen exemplarisch einige ausgewählte Akteure der Kunstgeschichtsschreibung einer näheren Betrachtung unterzogen werden, beginnend um 1700 bei Montfaucon über Caylus, Winckelmann und Herder bis hin zu Séroux d’Agincourt am Ende des 18. Jahrhunderts. Ein solcher Bogen versteht sich keineswegs als lückenlose Rekonstruktion der Genese der modernen Kunstgeschichte, sondern zielt darauf, zentrale Fragen der Kunstgeschichtsschreibung im 18. Jahrhundert zu beleuchten: Wie soll eine Geschichte der Antike, insbesondere der antiken Kunst aussehen? Welchen Platz sollen dabei Text und Bilder einnehmen? Wird man mit den Mitteln der Sprache der Spezifität der Artefakte überhaupt gerecht? Welchen Anspruch auf historische Wahrheit bzw. auf Wissenschaftlichkeit darf ein solches Unterfangen erheben? Die Geschichte der antiken Kunst, deren Verlauf uns oft durch fragmentarische, zum Teil später ergänzte oder gar verfälschte Objekte bekannt ist, bietet ein fruchtbares Feld, um diese grundlegenden epistemologischen Fragen der Geschichtsschreibung zu erörtern.

Denkströme

Denkströme IconDas Open Access (Online-)Journal der Sächsischen Akademie der Wissenschaften:

www.denkstroeme.de

Diffusion Fundamentals

Diffusion Fundamentals IconInterdisziplinäres Online Journal für Diffusionstheorie in Kooperation mit der Universität Leipzig:
diffusion.uni-leipzig.de

Termine
Ehrenkolloquium: Fürsten – Gelehrte – Gesandte (1500–1800). Forschungen für Manfred Rudersdorf zum 70. Geburtstag 23.05.2022 09:30 - 17:00 — Virtuelle Veranstaltung
Internationale Tagung: Beten und gesehen werden. Soziale Funktionen spätmittelalterlicher Andachtspraktiken im mitteleuropäischen Vergleich 21.06.2022 - 23.06.2022 — Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, Karl-Tauchnitz-Straße 1, 04107 Leipzig
Symposium: Weimar als Gedächtnisort und Ort der Gedächtnispolitik 07.07.2022 - 10.07.2022 — Bauhaus-Museum Weimar & Deutsches Nationaltheater Weimar
RSA Central and Eastern Europe Conference: Bridging Old and New Divides: Global Dynamics & Regional Transformation 14.09.2022 - 17.09.2022 — Leipzig und ggf. online
Internationale Konferenz: Diffusion Fundamentals IX 21.09.2022 - 24.09.2022 — Jagiellonen-Universität, Krupnicza 33, 31-123 Kraków, Polen