Das PROPYLÄEN-Projekt am Goethe- und Schiller-Archiv. Ein Film des Goethe- und Schiller-Archivs der Klassik Stiftung Weimar, der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig und der Hochschule Mittweida

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Kann Künstliche Intelligenz Goethes Stimme wieder hörbar machen?

Die atemberaubenden Weiterentwicklungen von KI sind derzeit in aller Munde. Kaum noch als KI-generiert erkennbare Deep Fakes von lebenden Persönlichkeiten gehören mittlerweile zum Alltag. Den Papst im Daunenmantel auftreten oder eine berühmte Schauspielerin plötzlich in einer anderen Sprache sprechen zu lassen, funktioniert heutzutage mit wenigen Klicks.

Doch was passiert, wenn wir mithilfe von KI in die Vergangenheit eintauchen? Können wir beispielsweise anhand der Quellen, die wir heute noch haben, auch die Stimmen berühmter Persönlichkeiten aus vergangenen Jahrhunderten lebendig werden lassen, ganz ohne Tonband- oder sonstige Aufnahmen? Zu kaum einer historischen Persönlichkeit haben wir so viele handschriftliche Zeugnisse wie zu Johann Wolfgang von Goethe. Wie klänge es, wenn er plötzlich persönlich zu uns sprechen und „höchstselbst“ seine Dichtung vortragen könnte?

Unterstützt von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftern der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig und des Goethe- und Schiller-Archivs der Klassik Stiftung Weimar sowie gemeinsam mit einer Sprechwissenschaftlerin sind Studierende der Hochschule Mittweida dieser Frage nachgegangen. Begleitet wurde das Projekt von einem Filmteam der Hochschule.

Hürden und Fallstricke beim Umgang mit befangenen Zeitzeugen, historischer Sprechweise und dialektresistenter KI haben das Projekt zu einem spannenden Unterfangen werden lassen, bei dem es einige Überraschungen gab. Plötzlich klang zum Beispiel eine KI-generierte Stimme viel natürlicher als die mühsam auf historische Aussprache trainierte menschengemachte Stimme. Die Zeitzeugen Goethes jubelten nahezu einhellig, wie "sonor" und "wohllautend" er gesprochen habe – doch zugleich stellte sich heraus, dass Goethe im Alter die Vorderzähne fehlten und er eigentlich ziemlich genuschelt haben müsste.

Dass es die "eine" Stimme Goethes am Ende nicht geben kann, war allen Beteiligten im Vorfeld bewusst.
Doch die Suche danach öffnet den Raum für neue Begegnungen und Dialoge.

Herausgekommen ist ein rund zehnminütiger Film, der Einblicke in die Arbeit des Goethe- und Schiller-Archivs gibt und dabei das PROPYLÄEN-Projekt vorstellt – eine groß angelegte digitale Forschungsplattform zu Goethes biographischen Quellen.

Und der natürlich am Ende Goethe selbst zu Wort kommen lässt.

KI-generiertes Bild von Johann Wolfgang von Goethe, der in seinem Arbeitszimmer am Schreibtisch sitzt und zweifelnd schaut.

Kurzfilme

Mehr zu Einzelfragen über Goethes Stimme erfahren Sie in drei Kurzfilmen. Den Film sowie (demnächst) die Kurzfilme finden Sie auf unserem Youtube-Kanal.

Presse

Collage mehrerer Zeitungs- und Internetartikel, erkennbar ist u.a. die Überschrift "Geisterbeschwörung bei Goethe" und ein KI-generiertes Porträt des Dichters

"[...] Goetheanern stockt der Atem – der alte Herr spricht von der Leinwand, diktiert in einer nachgestellten Szene vom 19. April 1822 seinem Schreiber John einen Brief an den Verleger Cotta. Nur ein paar Sätze gibt die sympathische Erscheinung – Lichtgestalt in gepixeltem Wortsinn – mit sonorer Bassstimme von sich. Trivial ist das nicht. [...]"
aus: Goethe ohne Schneidezähne – wie konnte er sprechen? Thüringer Allgemeine, Beitrag von Wolfgang Hirsch, 29.8.2026 (Bezahlschranke)

Zum Projekt

Die Leitfrage

Kann Künstliche Intelligenz Goethes Stimme wieder hörbar machen? Schließlich gibt es zu kaum einer Persönlichkeit so viele handschriftliche Quellen wie zu Johann Wolfgang von Goethe. Im Rahmen eines Masterseminars haben sich Studierende der Hochschule Mittweida auf die Suche nach Goethes Stimme gemacht. Unterstützt wurden sie von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftern der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig und des Goethe- und Schiller-Archivs sowie von Prof. Ursula Hirschfeld, Sprechwissenschaftlerin (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg) mit umfassenden Kenntnissen zu historischer Aussprache. Gegenseitige Besuche im Archiv und in der Hochschule gehörten ebenso zum Projekt wie ein intensiver Austausch über die Arbeit mit KI und handschriftlichen Quellen sowie das Wechselspiel von Fakten und Fiktionen.

Mehrere Personen sitzen in einem Raum mit Bücherwänden hinter einer aufgeschlagenen alten Handschrift und diskutieren.
Eine männliche Person steht vor einer beleuchteten Wand und spricht in die Kamera. Auf grünem und weißem Untergrund ist unten im Bild zu lesen "Johannes Korngiebel Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Propyläen-Projekt"

Der Ort

Auf der Suche nach Goethes Stimme öffnen sich die Türen zum Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar und damit zum traditionsreichsten Literaturarchiv Deutschlands. Abseits der Stadtbebauung, geschützt vor Hochwasser und Feuer auf einem Hügel gelegen, ist dies ein Ort der unwiederbringlichen Originale.

Teile alter Gebäudeskizzen vor gelblichem Hintergrund.
Gebäude mit Säulen und weitläufiger Terasse, umgeben von Bäumen.

Das Bewusstsein für den Wert von originalen Schriftzeugnissen entwickelte bereits Goethe selbst, der achtsam dafür sorgte, dass sein umfangreicher Nachlass der Nachwelt geordnet übergeben wurde. Sein letzter lebender Nachfahre, der Enkel Walther von Goethe, vermachte den handschriftlichen Nachlass seines Großvaters 1885 schließlich der finanzstarken Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar-Eisenach. Sie soll gesagt haben „ich habe geerbt, Deutschland und die Welt soll mit mir erben“. Entsprechend ließ sie Ende des 19. Jahrhunderts einen prachtvollen Bau für die Handschriften errichten, der mit seiner Ähnlichkeit zum Petit Trianon im Park von Versailles zu einem „Schatzhaus der Literatur“ wurde und bereits bei den Zeitgenossen für Staunen sorgte.

Sepiafarbenes historisches Porträt einer Dame, rechts ist die Beschriftung 1846 Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar-Eisenach zu lesen.
KI-generiertes Bild, Goethe läuft in seinem Arbeitszimmer auf und ab und diktiert seinem Schreiber, der im Vordergrund mit einer Schreibfeder an einem Tisch sitzt und schreibt.

Und auch heute hat ein Besuch im Goethe- und Schiller-Archiv hohen Schauwert. Mittlerweile werden hier nicht nur Goethes, sondern zahlreiche weitere Bestände gelagert, restauriert, digitalisiert und erforscht. Mehr als 5 Millionen Blatt in 185 Nachlässen von Schriftstellern, Gelehrten, Philosophen, Komponisten und bildenden Künstlern, 14 Archive von Verlagen, Vereinen und literarischen Gesellschaften sowie Einzelhandschriften von circa 3.000 Persönlichkeiten vom Ende des 13. bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts werden hier nach strengsten archivalischen Regeln verwahrt.

Der Nachlass Goethes wurde 2001 von der UNESCO in das dokumentarische Erbe Memory of the World aufgenommen und ist, wie die anderen Archivalien auch, Gegenstand wissenschaftlicher Forschung.

Eine weibliche Person steht vor blauen Rollschränken mit Archivkästen, auf denen Nummern zu sehen sind.
Eine weibliche Person beugt sich in einer Restaurierungswerkstatt über alte Handschriften. Ringsum sind verschiedene Werkzeuge zu sehen.

Das Forschungsprojekt im Akademienprogramm

Ein großes wissenschaftliches Langzeit-Kooperationsprojekt der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, der Klassik Stiftung Weimar/Goethe- und Schiller-Archiv, der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz sowie des Freien Deutschen Hochstifts in Frankfurt am Main hat daher seinen Sitz auf dem Weimarer Hügel: Im Rahmen des Akademienprogramms entstehen hier die PROPYLÄEN. Forschungsplattform zu Goethes Biographica, das größte Forschungsprojekt, das derzeit am Haus angesiedelt ist.

Im Rahmen des Vorhabens werden die historisch-kritischen Editionen von Goethes Tagebüchern (GT), Goethes Briefen (GB), die Regestausgabe der Briefe an Goethe (RA) sowie die Ausgabe von Goethes Begegnungen und Gesprächen (BuG) fortgeführt und abgeschlossen. Zudem entsteht bis 2039 eine integrierte Forschungsplattform zu Goethes Biographica, auf der sämtliche edierte Texte, Kommentare und Register der Einzelausgaben sowie die Digitalisate aller überlieferten Handschriften und die Transkriptionen der an Goethe gerichteten Briefe verfügbar gemacht und zusammengeführt werden sollen.

Startseite eine digitalen Forschungsportals. In der Mitte liest man in Großbuchstaben PROPYLÄEN, darunter befindet sich ein großes Suchfeld. Im Hintergrund ist ein Gemälde Goethes zu sehen.
Bücherregal mit mehreren Bänden der Goethe-Briefe.

Damit gibt es einen wissenschaftlich fundiert aufbereiteten Zugang zur Kulturgeschichte der Zeit: Schauspieler haben an Goethe geschrieben und um Auftrittsvermittlung ersucht, Dichter um Beurteilung ihrer Werke gebeten, „Fans“ ihre Bewunderung kundgetan usw. usf. Goethe selbst führte nahezu zwanghaft Tagebuch.

Nicht umsonst sagte ein Wissenschaftler des Projekts im Vorgespräch: „du findest alles, was du willst“ – vielleicht ja auch genügend Zeugnisse zur Frage: Wie klang Goethes Stimme?

Dabei wurde es naturgemäß schnell kompliziert: Welchen Goethe suchen wir denn eigentlich; den jungen, den alten …? Redete er auf dem Theater anders als im privaten Umfeld? Liefern Personen, die ihn beschreiben, objektiv verwertbare Zeitzeugnisse ab? Hat Goethe Dialekt gesprochen oder nicht? Sprach man damals Wörter anders aus als heute? Bekommt man aus alten Handschriften die konkrete Art von Aussagen, mit denen man sinnvollerweise einen Prompt schreiben muss?

Ausschnitt einer alten Handschrift vor unscharfem Hintergrund.
Schriftzug in klassischer XML-Typographie vor unscharfem Hintergrund: "Goethe hatte gestern den Schnupffen aber seine Stimme ist sehr wohl lautend.

Das Ergebnis

Eine männliche Person spricht in die Kamera. Rechts daneben ist folgendes Zitat zu lesen: "Schade das Goethe die Vorderzähne verlohren ... aber seine Stimme ist sehr wohllautend." Charlotte von Stein. 1809
Hinter einem Mikrofon stehen eine weibliche und eine männliche Person mit Kopfhörern. Die weibliche Person hält ein Papier in der Hand und deutet auf eine Textstelle.

Am Ende des Projekts gab es selbstverständlich nicht „die eine“ Stimme Goethes – doch die Begegnung mit den originalen Quellen, die Suche selbst und die Fragen, die sich dabei auftun, boten genügend spannenden Stoff für einen ca. 10minütigen Film, gedreht im Weimarer Goethe- und Schiller-Archiv, der die Archivarbeit lebendig veranschaulicht. Studierende, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Archivare, Restauratorinnen und Wissenschaftskommunikatoren trafen in diesem Projekt ebenso aufeinander wie moderne KI mit all ihren Möglichkeiten der Fälschung und authentische, jahrhundertealte Handschriften. Die Studentinnen und Studenten haben einen Zugang zu fundierter Quellenarbeit gefunden und damit eine Form der Recherche kennengelernt, die auf Fakten, Originalen und wissenschaftlicher Expertise beruht, sodass auch künftigen Kommunikatorinnen und Kommunikatoren das nötige „Handwerkszeug“ für ihre Arbeit vermittelt wurde.

Ziel des Films ist es nun, die Türen zu öffnen für einen Dialog über Fakten und Fiktionen. Die Begegnung mit einem KI-animierten Goethe mag für die einen verstörend und für die anderen spannend sein, der Austausch dazu ist auf jeden Fall ein wichtiges Anliegen des Films.

Hinter den Kulissen

In eiben historischen Raum mit Vitrinen finden Dreharbeiten statt. Eine männliche Person lächelt in die Kamera, drei andere Personen machen Ton- und Filmaufnahmen. Man sieht Mikrofone, Kameras, Scheinwerfer und im Vordergrund eine Büste.
In einer abgedunkelten Restaurierungswerkstatt finden Filmdreharbeiten statt.
In einem Tonstudio sitzen mehrere Personen vor Reglern und Bildschirmen. Eine Person macht Filmaufnahmen.
Am Eingang eines Seminarraums stehen eine weibliche und eine männliche Person und machen Film- und Tonaufnahmen.

Team

Ein großes Dankeschön geht an das Film-Team der Hochschule Mittweida – Anna Pröhle, Cornelia Kanter, Maximilan Koch, Nicola Matthes und viele weitere Kolleginnen und Kollegen; an alle beteiligten Studierenden, darunter Max Dreier, Christofer von Collas; an Christof Amrhein, Dekan der Fakultät Medien in Mittweida; an Ursula Hirschfeld für die intensive Begleitung des Projekts, inklusive unerbittlichen professionellen Sprachcoachings und eines Stimmseminars vor Ort; an die Sprecherin Corinna Waldbauer sowie natürlich an alle Kolleginnen und Kollegen aus Weimar für die engagierte Begleitung des Projekts, auch außerhalb der regulären Dienstzeiten, allen voran Johannes Korngiebel und Frauke Stange-Methfessel.