Workshop des Projekts Althochdeutsches Wörterbuch im UNESCO Weltkulturerbe Kloster Lorsch
Unter dem Titel „Wörter zu Sachen“ fand am 20. und 21. Oktober 2025 ein gemeinsamer Workshop der Teams der Forschungsstelle Althochdeutsches Wörterbuch (AWB) und der Weltkulturerbestätte Kloster Lorsch statt. Ziel des Treffens war es, die Forschungspotentiale und -ergebnisse der historischen Lexikographie und Wortforschung mit denen der (experimentellen) Archäologie und der mittelalterlichen Geschichte in einen lebendigen, persönlichen Austausch zu bringen. Zugleich bot der Workshop Gelegenheit, die Expertise der Leipziger Sprachhistorikerinnen und Sprachhistoriker in die museumspädagogische Arbeit einzubinden, um die Anfänge der deutschsprachigen Überlieferung, die auch in Lorsch liegen, dort künftig stärker sichtbar zu machen.
Von Dr. Almut Mikeleitis-Winter
Althochdeutsch im Fokus: der erste Workshop-Tag
Der erste Tag stand ganz im Zeichen des Althochdeutschen und der Arbeit am Leipziger AWB. Nach einer Vorstellungsrunde und einführenden Worten von Hermann Schefers, Leiter der Weltkulturerbestätte Kloster Lorsch, sowie Brigitte Bulitta, Leiterin der Arbeitsstelle des AWB, eröffnete Aletta Leipold den inhaltlichen Teil des Leipziger Forschungsteams mit einem groß angelegten Epochenüberblick. Anhand ausgewählter Textbeispiele und digitalisierter Handschriften entfaltete sie ein Panorama der althochdeutschen Überlieferung (ca. 750–1050).
Im Anschluss widmete sich Christoph Hössel grundlegenden Fragen der Sprachverwandtschaft und erläuterte insbesondere die Lautstruktur des Althochdeutschen. Einen dezidierten Blick auf die Lorscher Überlieferung warf AWB-Projektleiter Hans Ulrich Schmid, der die Lorscher Beichte vorstellte und deren Aufbau sowie Gebrauchskontext anschaulich erklärte. Den Vormittagsblock beschloss Brigitte Bulitta mit einem instruktiven Einblick in Konzeption, Aufbau und Nutzungsmöglichkeiten des Althochdeutschen Wörterbuchs, insbesondere der Online-Version.
Nach der Mittagspause, die Raum für individuelle Rückfragen und Gespräche bot, lag der Schwerpunkt des Nachmittags auf themenbezogenem Wortschatz und einzelnen Sachbereichen der althochdeutschen Überlieferung. Torsten Woitkowitz und Almut Mikeleitis-Winter präsentierten mit Notkers "De musica" den ersten musiktheoretischen Traktat in deutscher Sprache – eindrucksvoll ergänzt durch eine praktische Demonstration am Monochord und eine Antiphon zum gemeinsamen Singen. Wortschatz aus den Bereichen Kochen und Essen sowie Textilien wurde von Almut Mikeleitis-Winter und Brigitte Bulitta vorgestellt. Einen weiteren Akzent setzte Luise Morawetz mit Beispielen aus unterschiedlichen Wortfeldern, die eine besonders interessante Bedeutungsentwicklung aufweisen. Wie sich althochdeutsche Sprache und Überlieferung auch für Kinder spannend vermitteln lassen, zeigte Katja Schmidt. Für die Präsentation der in Leipzig entwickelten Spiele zur althochdeutschen Sprache reichte die Zeit am Ende tatsächlich kaum aus.
Experimentelle Archäologie in Lauresham: der zweite Workshop-Tag
Der zweite Tag begann mit einem Vortrag von Klaus-Dietrich Fischer (Mainz) zur Rezeptüberlieferung des berühmten Lorscher Arzneibuchs aus der Zeit um 900, dessen philologische Erschließung weiterhin wichtige Impulse verspricht.
Anschließend führte der Weg ins experimentalarchäologische Freilichtlabor Lauresham, das zum Kloster Lorsch gehört: Konzipiert als das 1:1-Modell eines karolingerzeitlichen Herrenhofes (curtis dominica) um 800, stellt es die idealtypische Rekonstruktion eines frühmittelalterlichen Wirtschaftshofes dar. Auf einer Fläche von 4,1 Hektar wird hier nicht nur präsentiert, sondern auch intensiv geforscht – etwa zu Anbauformen wie den Wölb-Äckern, zur Hauskonstruktion, zur Zugkraft bei unterschiedlichen Joch- und Anspannungsarten, zu Webstühlen oder zum Wärmeverhalten mittelalterlicher Kleidung und Gebäude, vieles in Langzeitversuchen.
Die Funktionsweise des Hofs in seinen vielen Facetten demonstrierte das Lorscher Team seinen Leipziger Kolleginnen und Kollegen auf sehr anschauliche Weise zum Mitmachen. Besonders eindrucksvoll war die Vorführung eines Ochsengespanns durch Lauresham-Leiter Claus Kropp und sein Team, bei der verschiedene Jochtypen und Wagenkonstruktionen erläutert und in einer Probefahrt erlebbar gemacht wurden. Die beiden Zugtiere David und Nancy von der Rasse des Rätischen Grauviehs gewannen dabei schnell die Herzen der Besucherinnen und Besucher.
Pflanzen, Materialien und Techniken des Textilfärbens stellte Patricia Scheuermann, die stellvertretende Teamleiterin Bildung und Vermittlung, im Färbergarten und Färberhaus vor. Das Ergebnis – ein frisch in leuchtendem Gelb gefärbter Seidenschal – durfte anschließend von Brigitte Bulitta voller Freude anprobiert werden.
Im Frauenarbeitshaus erläuterte Museumspädagoge Florian Saum die weiteren Schritte der Textilherstellung, gestützt auf archäologische Befunde und vorgeführt an verschiedenen Webstühlen und Geräten. Besonderes Interesse fanden die komplexen Techniken der Brettchenweberei sowie das Aufziehen des Webstuhls zu Beginn der Arbeit. Eine Lesung aus Otfrids Evangelienbuch über die Webart der Tunika Christi stellte auch hier den Bezug zur volkssprachigen Überlieferung her.
Auf dem weiteren Rundgang konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Techniken der Getreideverarbeitung wie Dreschen und Worfeln selbst ausprobieren. Der Weg vom Korn bis zum fertigen Brei sowie zu Krapfen und Fladen ließ sich bis zum stimmungsvollen Höhepunkt des Tages verfolgen: dem von den Gastgebern liebevoll vorbereiteten und inszenierten Mahl in der "sala" des karolingischen Herrenhauses, optisch wie kulinarisch ein besonderer Genuss. In Leipzig aufgenommene Mittelaltermusik und zwei von Christoph Hössel gelesene Mahlszenen aus dem altsächsischen Heliand rundeten das einzigartige Erlebnis ab.
Der Workshop machte deutlich, wie fruchtbar ein Austausch zwischen Sprachgeschichte, Lexikographie und experimentell-archäologischer Forschung ist – und dass weitere gemeinsame Projekte und Begegnungen zukünftig folgen werden.
Akademievorhaben Althochdeutsches Wörterbuch






