Die Sorge, dass der Inhalt der eigenen Tagebücher ausspioniert und bekannt werden könnte, war keine, die Johann Wolfgang von Goethe sonderlich plagte. Zumindest nicht in seinen späteren Jahren. Nicht nur das: Als er nach einem mehrtägigen Delirium infolge einer Herzbeutelentzündung wieder zu sich kam, soll der damals 73-Jährige voller Sorge gefragt haben, „ob Man sein Tagebuch fortgesezt?“ habe, und, als man dies verneinte, „gejammert“ haben, „daß es nicht geschehen“ sei. So ist es in einer Anekdote des Goethe-Vertrauten Friedrich von Müller überliefert.

„Dazu muss man wissen, dass Goethe ab Mitte der 1790er Jahre nicht nur Briefe, sondern auch seine Tagebücher diktierte“, sagt Johannes Korngiebel, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Teilprojekts Goethe-Tagebücher im Akademienvorhaben PROPYLÄEN. „Die Schreiber waren zudem autorisiert, zumindest Teile des Tagebuchs selbstständig zu führen.“ Dazu gehörten etwa die Expedienda, also die Briefausgangsnotizen, sowie die Listen jener Bücher, die Goethe geschickt wurden. Darüber hinaus waren sie in bestimmten Situationen autorisiert, das Tagebuch aus Goethes Sicht selbst zu führen, wenn dieser dazu nicht im Stande war.

„Tatsächlich waren die Mitarbeiter und Schreiber Goethes mit den täglichen Abläufen im Haus am Frauenplan bestens vertraut", so Johannes Korngiebel. „Sie versahen ihren Dienst in aller Regel in einer engen Arbeits- und teilweise sogar Lebensgemeinschaft zu Goethe und waren schon allein daher in der Lage, die Ereignisse von Goethes Tag stichwortartig zusammenzufassen." Dabei konnten sie auch auf die Agendalisten zurückgreifen, die Goethe in seinen späteren Jahren regelmäßig benutzte, um anstehende Aufgaben zu notieren und nach Erledigung durchzustreichen.

Ein anderer wichtiger Aspekt ist, dass es sich – anders als in Goethes frühen Jahren – bei den späteren Tagebüchern nicht um sturm- und drang-artige geheime Selbstgespräche und intime Reflexionen handelt, sondern um streng formalisierte Faktensammlungen, die lediglich das tatsächlich Erlebte widergeben. Ab 1776 kamen vorgedruckte und als Buch gebundene Schreibkalender zum Einsatz, ab März 1817 ließ Goethe das Tagebuch schließlich auf zweispaltigen Blankobogen führen – ein Verfahren, das in der Aktenführung der Zeit üblich war.

Aber warum das alles? Goethe zufolge „macht diese tägliche Übersicht des Geleisteten und Erlebten, daß man seines Thuns gewahr und froh“ werde, es „führt zur Gewissenhaftigkeit“. Darüber hinaus hatte die Faktensammlung auch eine sehr praktische Bedeutung: Sie fungierte als Quelle für Goethes spätere biographische Schriften, wie „Dichtung und Wahrheit" oder die „Tag- und Jahreshefte“.

Goethe war zu diesem Zeitpunkt bereits „sich selbst historisch“ geworden, wie es in der Forschung heißt. Der Kosmopolit konnte – und zwar sehr zurecht – schon zu seinen späteren Lebzeiten davon ausgehen, dass ihm Menschen in der Nachwelt dankbar sein würden, einen wohlgeordneten Nachlass zu einem extrem vielseitigen und fulminanten Leben vorzufinden.

Innerhalb des Gesamtzeitraums nachgewiesener Tagebuchtätigkeit Goethes von 57 Jahren klaffen allerdings besonders in der Frühzeit Lücken. Manche Tagebücher, vor allem der frühen Jahre, vernichtete der werdende Literatur-Gigant kurzerhand einfach selbst. Vielleicht waren ihm diese rückblickend doch zu persönlich.

Online-Plattform der Biographica

Über das Projekt

Seit 2015 erschließt das PROPYLÄEN-Akademievorhaben in noch nie dagewesener Tiefe die biographischen Schriften des Dichters von Weltrang. Die parallele und miteinander verschränkte Erfassung und Kommentierung seiner Briefe (GB), Briefe an ihn (RG), Tagebücher (TB) sowie Begegnungen und Gespräche (BuG) durch ein multidisziplinäres Team von Expertinnen und Experten macht ein feines und dichtes Netz von Belegen zu Goethes literarischem Schaffen, seiner wissenschaftlichen Aktivitäten, Reisen und vielfältigen sozialen Beziehungen sichtbar und nachvollziehbar.

Neue und bisher erschienene gedruckte Bände der vier Teilprojekte mit teils neuem Quellenmaterial stellt die Projektgruppe sukzessive auf der Forschungsplattform der Wissenschaft und Öffentlichkeit zur Verfügung.

Das Vorhaben – PROPYLÄEN. Forschungsplattform zu Goethes Biographica. Briefwechsel, Tagebücher, Begegnungen und Gespräche. Chronologie. Quellen. Recherche. Fokus – ist ein Kooperationsprojekt des Goethe- und Schiller-Archivs/Klassik Stiftung Weimar, der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig sowie der Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz. Unter der Leitung von Dr. Christian Hain, Prof. Dr. Daniel Fulda und Prof. Dr. Anne Bohnenkamp hat es Arbeitsstellen im Goethe- und Schiller-Archiv Weimar sowie am Freien Deutschen Hochstift Frankfurt am Main. Die Gesamtlaufzeit beträgt 25 Jahre.

Mehr über das Projekt

In der Reihe "Schon gewusst" folgt die Sächsische Akademie der Wissenschaften dem gleichnamigen Format der Akademienunion (Archiv). Dabei werden Forschungsvorhaben meist aus dem Akademienprogramm jeweils anhand eines ungewöhnlichen oder überraschenden Fakts veranschaulicht. Frühere Beiträge der Sächsischen Akademie der Wissenschaften thematisierten den Bauernkrieg, die kontinuierliche brüderliche Eintracht Friedrichs des Weisen und Johanns des Beständigen, Johann Christoph Gottsched als Universitätsprofessor und begehrten Arbeitsvermittler, sowie die Tatsache, dass Goethe auch persönliche Briefe lieber Schreibern diktierte, damit der persönliche Duktus möglichst erhalten blieb.

Geschwungene Schreibschrift in Tinte und Bleistift auf sepia-farbenenem Papier. Teile sind durchgestrichen.
Agenda zum 1. Januar 1824, von Schreiberhand mit eigenhändigen Ergänzungen von Johann Wolfgang von Goethe (GSA 27/51,7, Bl. 1).